Sendedatum: 09.10.2018 21:15 Uhr

Abschiebungen schaden den Handwerksbetrieben

von Linda Luft und Dörte Petsch

Roland Vagt ist kein Wohltäter. Der Inhaber eines Elektrofachhandels in Ribnitz-Damgarten möchte einfach nur seine Aufträge abarbeiten können: Elektroinstallationen, Erdkabelverlegung, Sanierung von Altbauten. Seit fast 90 Jahren gibt es den Betrieb. Er hat Vladyslav Sereda nicht aus Mitleid eingestellt, sondern schlichtweg, weil er ihn braucht! "Er kann schon fast alles alleine machen, außerdem ist er pünktlich und zuverlässig", so Vagt. Soweit so gut. Doch nun soll Sereda abgeschoben werden. Und das, obwohl er in Deutschland dringend gebraucht wird. Bisher war er geduldet, doch sein Asylantrag wurde jetzt abgelehnt - denn die Ukraine gilt als sicheres Herkunftsland.

Person XY © NDR Foto: Screenshot

Abschiebungen schaden den Handwerksbetrieben

Panorama 3 -

Vladyslav Seredas kam vor drei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland. Er lernte Deutsch, arbeitete in einem Elektrofachhandel. Nun droht die Abschiebung - aufgrund behördlichen Wirrwarrs.

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"Wir brauchen dringend gute Leute!"

Vor drei Jahren kam Sereda mit seinen beiden Söhnen und seiner Frau aus der Ukraine über einen Asylantrag nach Deutschland. Seit etwa einem Jahr arbeitet er nun in Mecklenburg-Vorpommern im Elektrofachhandel von Roland Vagt. Wie überall im Land werden Facharbeiter wie Sereda in Deutschland dringend gebraucht. 150.000 Stellen im Handwerk waren im Jahr 2017 nicht besetzt, so der Zentralverband des Deutschen Handwerks, ZDH.

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Seit drei Jahren lebt Vladyslav Sereda mit seiner Familie in Deutschland.

Dass ein Mitarbeiter plötzlich wegbricht macht Roland Vagt sauer: "Das ist für uns eine Katastrophe! Wir brauchen dringend gute Leute. Warum schiebt man die ab?" Sereda könnte theoretisch in Deutschland bleiben, wenn er eine Ausbildung bei Roland Vagt anfangen könnte. Doch das hat ihm die Ausländerbehörde in Stralsund verboten. Der Grund: Die einjährige Ausbildung zum Elektrohelfer, die Sereda in der Ukraine gemacht hat, zähle bereits als Ausbildung. Deswegen könne er keine weitere Ausbildung in Deutschland machen. Die Behörde lässt mitteilen: "Entscheidend ist, dass er eine Ausbildung in seinem Heimatland absolviert hat und diese zur Berufsausübung in seinem Heimatland geeignet ist." Doch dort findet er keine Arbeit. Hinzu kommt, dass dem Familienvater der Militärdienst in der Ostukraine drohen könnte, wo immer noch Krieg herrscht.

Mutter, Vater, Kinder - sehr gut integriert

Jetzt soll die Familie abgeschoben werden. Stolz zeigt Sohn Davyd (11) sein Zeugnis aus der 4. Klasse - er ist Jahrgangsbester. "Ich habe auch einen Preis bekommen und stehe in der Zeitung." Auch der ältere Sohn Ilja (13) ist in Deutschland integriert, geht zum Gymnasium und hat viele Freundschaften geschlossen. Beide Söhne sprechen akzentfrei deutsch. Mutter Vita Selenchuk-Sereda (36) ist ebenfalls berufstätig und arbeitet in einer Jugendherberge in Ribnitz-Damgarten.

"Ich verstehe es nicht, ich habe Arbeit, meine Frau hat Arbeit, wieso will man uns rausschmeißen aus Deutschland?" Am 29. Oktober soll er nun ausreisen. Die Familie möchte keine Zwangs-Abschiebung unter Polizeieinsatz - alleine schon wegen der Kinder. Die Tickets für die Heimreise hat er daher selbst gekauft.

Behördliches Wirrwarr

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Roland Vagt ist der Inhaber eines Elektrofachhandels in Ribnitz-Damgarten.

"Ob es nicht noch irgendeine Möglichkeit gebe", hat Sereda bei der Ausländerbehörde nachgefragt. Dort antwortete man ihm salopp, er könne ausreisen und dann einen Antrag auf ein Arbeitsvisum stellen, um wiederum als Facharbeiter einzureisen. Doch dieser Weg ist Sereda wohl ebenfalls versperrt. Denn mit seiner einjährigen Ausbildung zum Elektrohelfer wird Sereda in Deutschland bisher nicht als Facharbeiter anerkannt. Das ist insofern absurd, da genau dies als Begründung vorgebracht wurde, warum der Ukrainer keine Ausbildung in Deutschland machen dürfe.

"Wenn das so weiter geht, weiß ich nicht, was in ein paar Jahren mit meinem Betrieb sein soll.“, berichtet Roland Vagt. „Ich finde keinen Lehrling, ich finde auch keinen anderen Mitarbeiter.“  

 

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 09.10.2018 | 21:15 Uhr