Glückstadt und die Abschiebehaft (2/3)

Wohnen minus Freiheit

Donnerstag, 16. September 2021, 00:35 bis 01:05 Uhr

Wie nennt man eine Inhaftierung, die keine sein soll? Wie geht der Staat mit Menschen um, die kein Bleiberecht haben und das Land gegen ihren Willen wieder verlassen sollen? Und was bedeutet eigentlich Abschiebehaft? Auf diese Fragen gibt es ganz unterschiedliche Antworten, Perspektiven und Wahrheiten. In der zweiten Folge von "Glückstadt und die Abschiebehaft" prallen sie aufeinander.

Widerstand - auch außerhalb der Stadt

Stück für Stück wird aus der alten Kaserne eine Hafteinrichtung. Insgesamt 60 Plätze für Abschiebungshäftlinge sollen dort geschaffen werden. Mehrere Freistundenhöfe sind geplant, in denen Freizeit- und Sportaktivitäten nachgegangen werden kann. © NDR
Stück für Stück wird aus der alten Kaserne eine Hafteinrichtung. Insgesamt 60 Plätze für Abschiebungshäftlinge sollen dort geschaffen werden.

In der idyllischen Kleinstadt Glückstadt an der Elbe will das Land Schleswig-Holstein eine Abschiebungshaftanstalt für 60 Insassen einrichten und stößt damit auf Widerstand. Nicht nur in Glückstadt, auch außerhalb der Stadt. Da ist der Anwalt für Migrationsrecht, Peter Fahlbusch, der bundesweit inzwischen schon über 2.000 Menschen in Abschiebehaftverfahren vertreten hat. Bei der Hälfte seiner Mandant*innen stellte sich heraus, dass sie rechtswidrig inhaftiert waren, was rechtskräftige Entscheidungen belegen. Das sei eine viel zu hohe Fehlerquote für einen Rechtsstaat, findet Fahlbusch und befürchtet, dass in Glückstadt "mit diesem neuen Gefängnis weitere Gefangene inhaftiert werden, die zu Unrecht in Haft sitzen."

Ehsan Abri: "Man ist kein Mensch mehr"

Weil sein Leben im Iran bedroht war, floh der Regimekritiker und politische Aktivist Ehsan Abri aus seiner Heimat nach Europa. In Deutschland wird er von der Polizei aufgegriffen und sitzt in Abschiebungshaft in Rendsburg (Schleswig-Holstein). Die Ungewissheit und Ohnmacht in so einer Hafteinrichtung seien zermürbend, denn man habe "keine Kontrolle mehr über sein Leben, ist wie eine Puppe und ist nicht mehr ein Mensch." © NDR
Weil sein Leben im Iran bedroht war, floh der Regimekritiker und politische Aktivist Ehsan Abri aus seiner Heimat nach Europa.

Die Landespolitikerin Aminata Touré von Bündnis 90/Die Grünen, deren Partei für die neue Abschiebungshaftanstalt in Glückstadt gestimmt hat, zweifelt und glaubt, dass der Weg der freiwilligen Rückführung ein viel besserer Weg sei "als mit solchen Mitteln zu arbeiten." Und da ist Ehsan Abris, der schon einmal in Abschiebehaft saß. Im Gefängnis sei es wie im Koma zu sein. "Man ist kein Mensch mehr. Ich glaube für die europäischen Regierungen sind nur Europäer Menschen." Die Verantwortlichen nennen das Konzept der zukünftigen Einrichtung: Wohnen minus Freiheit. Und der damalige Innenminister von Schleswig-Holstein, Hans-Joachim Grote (CDU), erklärt das so: "Es wird eben nicht das sein, was Freiheit ist, mich völlig frei zu entfalten. Aber ich kann mich auch in diesem Gebäude entfalten." Frank Thurow von der Gegeninitiative findet, dass durch diese Sprechweise "das Ganze bagatellisiert" wird.

Der Bauausschuss der Gemeinde genehmigt schließlich das Bauvorhaben des Landes. In der ehemaligen Kaserne werden Bauarbeiten beginnen und damit auch die umstrittene Mauer, die sechs Meter in den Himmel ragt.

Die dreiteilige Doku-Serie aus Glückstadt zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es sein kann, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Jede*r hat seine eigene Perspektive auf die Abschiebehaft, seine eigene Wahrheit.

Produktionsleiter/in
Bettina Wieselhuber
Redaktionsleiter/in
Fabian Döring
Redaktion
David Hohndorf
Regie
Anke Hillmann
Autor/in
Anke Hillmann
Regie
Laura Borchardt
Autor/in
Laura Borchardt
Stefanie Gromes
Redaktion
Doering, Fabian