Glückstadt und die Abschiebehaft (1/3)

Ein Anruf mit Folgen

Donnerstag, 16. September 2021, 00:05 bis 00:35 Uhr

Ein Anruf aus Kiel bringt Unruhe in Glückstadt an der Elbe: Ein Vertreter des Innenministeriums Schleswig-Holsteins teilt der Bürgermeisterin Manja Biel telefonisch mit, dass die Behörde eine Abschiebehaftanstalt in der idyllischen Kleinstadt plane. "Das wünscht sich keiner, dass seine Stadt eins zu eins mit einer Abschiebehafteinrichtung genannt wird", sagt die parteilose Bürgermeisterin. Für den damaligen Innenminister von Schleswig-Holstein, Hans-Joachim Grote (CDU), ist es eine "notwendige Einrichtung", denn "wer nicht hier bleiben darf, muss das Land wieder verlassen."

Die ehemalige Marinekaserne in Glückstadt soll zu einer Abschiebungshaftanstalt umgebaut werden. Schleswig-Holstein will die die Einrichtung gemeinsam mit den Bundesländern Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern betreiben. Über viele Jahre stand das Gebäude leer. Ab August 2021 sollen dort Abschiebungshäftlinge untergebracht sein. © NDR
Die ehemalige Marinekaserne in Glückstadt soll zu einer Abschiebungshaftanstalt umgebaut werden.

Eine dreiteilige Doku-Serie zeigt eindrucksvoll, wie schwierig es sein kann, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Jede*r hat seine eigene Perspektive auf die Abschiebehaftanstalt, seine eigene Wahrheit.

Ehemalige Marinekaserne zur Abschiebehaftanstalt

Eine ehemalige Marinekaserne soll nach dem Willen der Landesregierung Schleswig-Holstein zur Abschiebehaftanstalt umgebaut werden, in der zukünftig 60 Ausreisepflichtige aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern inhaftiert werden können. Frank Thurow aus Kiel ist Mit-Initiator einer Gegenbewegung und möchte die Menschen vor Ort aufrütteln: Abschiebehaft ist illegal, in Glückstadt und überall, skandiert er bei der Demo, die durch Glückstadt führt. Für Frank verstoße die Abschiebehaftanstalt gegen "elementare Menschenrechte". Er fragt sich: Warum werden die da weggesperrt? Die haben doch nichts verbrochen.

Jürgen Fehrs ist im Haus gegenüber der alten Marinekaserne geboren und aufgewachsen, wohnt dort bereits in dritter Generation. "Wenn die Soldaten Feierabend hatten, war das Gelände ein Abenteuerspielplatz für uns", erinnert er sich an Kindertage. Bei dem Gedanken, vielleicht schon bald gegenüber einer Haftanstalt zu wohnen, ist ihm und seiner Frau nicht ganz wohl. © NDR
Jürgen Fehrs ist im Haus gegenüber der alten Marinekaserne geboren und aufgewachsen, wohnt dort bereits in dritter Generation.

Anwohner Jürgen Fehrs aber bewegen zunächst andere Sorgen. Der Rentner lebt direkt neben der ehemaligen Kaserne und fürchtet sich vor möglichen Ausbrüchen. Bisher fühlte er sich hier immer sicher, auch 2016, als in der ehemaligen Kaserne bis zu 1800 Geflüchtete lebten. "Die waren freundlich, die hatten Perspektiven." Aber was jetzt käme, das sei nicht mehr positiv. Auch seine Ferienwohnung könne er dann nicht mehr gut vermieten.

Wie werden Gemeindevertreter*innen entscheiden?

Mit dem "politisch brisanten Thema" Abschiebungshaft muss sie sich nun auseinandersetzen - ob sie will oder nicht: Bürgermeisterin Manja Biel. Bei den Plänen des Landes für die neue Haftanstalt in Glückstadt hat sie nur wenig mitzureden. Die Kommunalpolitikerin sitzt "am kürzeren Hebel" und gibt zu: "Natürlich hätte man an einem so wichtigen Punkt gerne mehr Einfluss!" © NDR
Mit dem "politisch brisanten Thema" Abschiebungshaft muss sie sich nun auseinandersetzen - ob sie will oder nicht: Bürgermeisterin Manja Biel.

Glückstadt und seine rund 11.000 Einwohner*innen leben auch vom guten Ruf als weltoffene Stadt. Seit über 50 Jahren gibt es hier die traditionellen Matjeswochen, die vor der Corona-Pandemie allein rund 100.000 Besucher*innen anlockte. Der geplante Umbau der Kaserne zur Abschiebehaftanstalt passe einfach nicht zum Image der Stadt, meint Bürgermeisterin Biel. Es sei aber leider eine Entscheidung des Landes, die vor Ort umgesetzt werden müsse. Ob man es will oder nicht. Nur der Bauausschuss der Gemeinde könnte das Bauvorhaben des Landes noch stoppen. Vor allem die Höhe der Mauer, die die Abzuschiebenden an einem Ausbruch hindern soll, sorgt für Unverständnis. Wie werden die Gemeindevertreter*innen am Ende entscheiden?

Produktionsleiter/in
Bettina Wieselhuber
Redaktionsleiter/in
Fabian Döring
Redaktion
David Hohndorf
Regie
Anke Hillmann
Autor/in
Anke Hillmann
Regie
Laura Borchardt
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Laura Borchardt
Redaktion
Doering, Fabian