Stand: 27.11.2017 15:41 Uhr

Tabu Alkoholismus: Wie das Schweigen brechen?

2,65 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen in Familien mit einem alkoholkranken Elternteil auf. Kaum jemand spricht offen darüber. Lisa Wolff hat die Tücken der Sucht in ihrer eigenen Familie erlebt. Jahrelang hat sie ihre Mutter gedeckt, bis sie irgendwann den Kontakt zu ihr abbrechen musste, um sich selbst zu schützen. 20 Jahre später besucht sie eine Selbsthilfegruppe für trockene Alkoholiker. Um die Fragen zu stellen, die sie ihrer Mutter nie stellen konnte. Daraus hat sie einen Film gemacht: "7 Tage... trocken".

Ein junge Frau mit blonden Haaren. © NDR/7Tage

7 Tage... trocken

7 Tage -

Die 7 Tage Autoren Benjamin Arcioli und Lisa Wolff treffen in einer Selbsthilfegruppe trockene Alkoholiker. Sie haben den Mut, offen über ihre Wege aus der Sucht zu sprechen.

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Von Lisa Wolff

"Alkoholiker? Das sind doch die Penner auf der Parkbank!" Dieses Vorurteil können Sie gleich für immer streichen. Es stimmt nämlich nicht. Gerade in Akademiker-Haushalten wird überdurchschnittlich viel getrunken. Und in den besten Familien rutschen Menschen in die Sucht ab. Ich spreche da aus Erfahrung. Bei uns ist das nämlich passiert. Als ich zwölf war, hat meine Mutter angefangen zu trinken. Mehr, als ihr gut getan hat. Jahrelang habe ich sie gedeckt, ihr Problem nach außen hin verheimlicht. Gleichzeitig versuchte ich sie zu einer Therapie zu bewegen. Ich habe es nicht geschafft.

Die Erinnerungen an damals verfolgen mich bis heute. Ich kann es immer noch nicht ertragen, neben einem Menschen mit Fahne in der U-Bahn zu sitzen. Ich rieche durch geschlossene Türen, ob nebenan jemand getrunken hat. Und Alkoholiker erkenne ich aus drei Metern Entfernung; ihr Atem, die Veränderungen der Augen, die aufgequollene Gesichtshaut.

Die Macht von Alkohol

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Alkoholismus ist ein Tabuthema, das weiß 7 Tage Autorin Lisa Wolff aus eigener Erfahrung.

Öffentlich habe ich nie darüber gesprochen, was in meiner Familie passiert ist. Vielleicht aus Scham. Vielleicht weil ich dachte, wir wären die einzigen. Spätestens nach dieser Recherche weiß ich, dass das nicht so ist. Alkohol gehört zu den gefährlichsten legalen Drogen überhaupt. Allein in Deutschland gilt der Alkoholkonsum von 9,5 Millionen Menschen als riskant, so eine aktuelle Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Nur drei Prozent der Suchtkranken, die sich einer Entgiftung unterziehen, bleiben tatsächlich abstinent. Diese Zahlen sind einfach nur deprimierend. Welche Macht Alkohol besitzt, auch darum geht es in "7 Tage... trocken".

Ich habe lange überlegt, ob ich einen Film zum Thema Alkoholismus machen möchte. Es war klar, dass er sehr persönlich werden würde. Am Ende habe ich mich dafür entschieden. Denn der größte Feind des Alkoholikers ist nicht etwa der Alkohol selbst. Sondern das Schweigen der anderen. Wenn alle immer nur wegsehen und die Probleme kleinreden: Wie soll sich dann etwas ändern?

Kaum jemand bekennt sich zu seiner Alkoholsucht

Fast ein halbes Jahr haben mein Kollege Benjamin Arcioli und ich eine Selbsthilfegruppe für trockene Alkoholiker gesucht, die wir mit der Kamera begleiten dürfen. Mit geringem Erfolg. Alkoholismus ist nach wie vor ein Tabuthema. Kaum jemand bekennt sich öffentlich dazu. Wir haben keine Gruppe gefunden, in der sich alle Teilnehmer drehen lassen wollten. Deshalb haben wir uns nach zahlreichen Gesprächen mit Suchttherapeuten und Gruppenleitern dazu entschlossen, für den Film eine eigene Selbsthilfegruppe zu gründen.

Irgendwann im April dieses Jahres meldete sich Silke bei uns. Silke ist 49, seit zehn Jahren trocken und ausgebildete Suchtkrankenhelferin. Durch sie haben wir die anderen - Vicente, Jennifer und André - kennengelernt, die teilweise miteinander befreundet sind und sich aus ihren eigenen Selbsthilfegruppen kennen. Die Vier erklärten sich dazu bereit, mit uns eine neue Gruppe zu gründen.

Silke hat ihre Sucht nach Jahrzehnten akzeptiert

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Silke hat 24 Jahre ihres Lebens getrunken: "Der Alkohol hat mir geholfen, für kurze Momente meine Gefühle nicht mehr zu spüren. Aber er hat mir mehr genommen als gegeben."

Silke war 15, als sie ihren ersten Vollrausch hatte. Mit 34 hat sie aufgehört zu trinken. Nach vier Entgiftungen und vielen Rückfällen. Heute hat Silke ihre Sucht akzeptiert. Sie steht dazu. Und sie will etwas von der Hilfe, die sie erfahren hat, zurückgeben. "Komischerweise habe ich früher jede Kneipe gefunden, wusste aber nicht, wo ich Suchtberatungsstellen finde."

Silke findet, die Krankheit brauche mehr Aufklärung. Deshalb engagiert sie sich ehrenamtlich als Gruppenleiterin in einer Selbsthilfegruppe und stellt regelmäßig ihre Arbeit in einer Suchtklinik vor jungen Süchtigen vor. Auch wenn sie selbst schon seit Jahren nicht mehr trinkt, weiß sie: "Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker."

André hat durch seine Sucht fast seine Familie verloren

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André besucht bis heute jede Woche seine Selbsthilfegruppe: "Hier habe ich Sachen erzählt, die ich noch nicht mal meiner Frau erzählt habe."

André ist 57 und trinkt seit zehn Jahren nicht mehr. Er hätte durch seine Sucht fast seine Familie verloren. "Meine Frau war kurz davor, mit den Kindern auszuziehen", erzählt er. André hat heimlich in seiner Werkstatt getrunken. Er dachte immer, dass niemand etwas mitbekommen würde. Der Weg aus der Sucht war auch für ihn ein harter Weg. Er hat einige Rückfälle hinter sich. "Das werde ich nie vergessen: Dann nehme ich diese Flasche Wein, setze die an den Hals und trinke die. Und während ich die trinke, denke ich: Sag’ mal, was machst du hier eigentlich für einen Scheiß? Aber die Flasche musste leer werden."

Bis heute rührt er noch nicht einmal alkoholhaltige Pralinen an. Andrés Tochter Lydia bewundert ihren Vater dafür, dass er es geschafft, trocken zu werden - und zu bleiben. Die beiden haben ein sehr gutes Verhältnis, die Familie geht ganz offen mit Andrés Krankheit um. Aber nicht für alle Angehörigen ist das so einfach.

Vicente litt als Kind unter der Alkoholsucht seines Vaters

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Vicente hat einen neun Monate alten Sohn. Er tut alles dafür, um trocken zu bleiben.

Vicente ist 33 und seit zwei Jahren und zwei Monaten trocken. Vicente ist in Ecuador aufgewachsen. Als kleiner Junge litt er unter der Alkoholsucht seines Vaters. Seine Mutter wollte ihn schützen, zog mit ihm nach Deutschland. Sie hat es nicht geschafft, ihn vom Alkohol fernzuhalten. Mit zwölf war Vicente zum ersten Mal betrunken. Als Jugendlicher war er jedes Wochenende feiern, irgendwann trank er jeden Abend. "Ich habe meiner Mutter ins Gesicht gelogen. Ich glaube, ich hätte sogar jemanden verkauft für den Alkohol. Der Alkohol hat einen anderen Menschen aus mir gemacht."

Jennifer trank, um zu entspannen

Jennifer ist Buchhalterin und seit fünf Jahren trocken. Sie möchte ihren echten Namen hier nicht lesen. Auch um ihre beiden Kinder zu schützen, die noch zu Hause wohnen. Jennifer hat immer nur funktioniert. Sie hat sich um ihre Familie gekümmert, den Haushalt geschmissen. "Nur für mich habe ich nichts mehr getan, außer mich ab und zu entspannt." Mit Alkohol. Jennifer trank abends, beim Kochen in der Küche. "Aber irgendwann ist mir das entglitten", sagt sie.

Der Film - ein Plädoyer für Dialog

"7 Tage... trocken" ist ein Film über Alkoholismus. Und er ist ein Plädoyer für den Dialog. Ganz bewusst zeigen Silke, André und Vicente ihr Gesicht, weil sie anderen Süchtigen Mut machen wollen, sich Hilfe zu suchen. "Der Weg aus der Sucht ist schwer, aber er ist machbar", sagt Silke. Für mich waren die Gespräche in der Selbsthilfegruppe hart und heilsam zugleich. Ich konnte die Fragen stellen, die mich als Angehörige einer Suchtkranken bis heute beschäftigen. Der Film handelt von Schuld. Von Hilflosigkeit. Und er handelt von Vergebung.

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7 Tage... trocken

29.11.2017 23:50 Uhr

Die 7 Tage Autoren Benjamin Arcioli und Lisa Wolff treffen in einer Selbsthilfegruppe trockene Alkoholiker. Sie haben den Mut, offen über ihre Wege aus der Sucht zu sprechen. mehr

Dieses Thema im Programm:

7 Tage | 29.11.2017 | 23:50 Uhr