Segler Kohlhoff glaubt an seinen Traum - und kämpft sich zurück

Stand: 12.06.2021 06:00 Uhr

Paul Kohlhoff kämpft sich nach einer Hirnblutung nicht nur zurück ins Leben, sondern auch in den olympischen Segelsport. Und dann bremst ihn auch noch Corona aus.

von Frauke Hain

Es sind nur noch wenige Tage, bis Segler Paul Kohlhoff seinen 26. Geburtstag feiert. Und kurz danach geht es dann los nach Tokio - endlich. Das Boot ist längst in Japan und wartet. "Ich denke jeden Tag, wenn es morgen beginnen würde, fühlte ich mich bereit." Für den Kieler ist es bereits die zweite Olympiateilnahme. 2016 war er in Rio als jüngster Steuermann auf Platz 13 gesegelt. Mittlerweile segelt er im gemischten Doppel zusammen mit Alica Stuhlemmer in der aktuell schnellsten olympischen Bootsklasse, den Nacra 17. Paul Kohlhoff ist der Denker und Lenker auf dem Katamaran. "Paul hat einen unerschütterlichen Ehrgeiz, immer besser zu werden und dass Aufgeben nie eine Option ist", sagt seine Segelpartnerin über ihn.

Diagnose: Hirnblutung

Die Olympiakampagne der beiden hat einen Schatten. Denn Paul Kohlhoff hat eine Zeit hinter sich, in der er um sein Leben bangen musste. Im Dezember 2017 hat er während eines Trainingslagers auf Mallorca starke Kopfschmerzen. Im Krankenhaus in Palma de Mallorca erhält er die niederschmetternde Diagnose: Hirnblutung. Aufgrund ihrer Lage schien sie nicht operabel zu sein. Als jedoch wenige Tage später eine Nachblutung erfolgt, gibt es keinen anderen Weg. Ein spanischer Arzt traut sich den seltenen und gefährlichen Eingriff zu.

Kohlhoff kämpft sich zurück

Danach vergehen viele Monate, in denen sich Paul Kohlhoff immer wieder in Geduld üben musste. Er kämpft um seine Rückkehr ins Leben und in den olympischen Segelsport. Eine große Rolle spielt sein Umfeld: Seine Familie und Alica bezeichnet er als Supportteam, das ihm beisteht. "Die haben keinen Hauch eines Zweifels zugelassen, dass ich wieder voll genesen würden." Und er hat nie das Ziel Tokio aus den Augen verloren. Obwohl nicht sicher war, ob er jemals wieder auf olympischem Niveau würde segeln können, hat er selbst daran geglaubt. "Mir ist klar geworden, was ich wirklich möchte. Und das ist bei mir Segeln. Und mit Alica segeln. Und meinen Traum weiterverfolgen und deswegen habe ich immer daran gedacht und dementsprechend auch trainiert und versucht, wieder auf die Beine zu kommen."

 

"Wir sind immer noch nicht ganz da, wo wir sein wollen"

Schon 2018 lernen er und Alica Stuhlemmer zum ersten Mal das japanische Segelrevier kennen. 2019 erzielen die beiden beim olympischen Testevent vor Enoshima Platz sechs. "Wir sind immer noch nicht ganz da, wo wir sein wollen", sagt er selbstkritisch. "Es gibt keinen Tag, wo wir nicht außerhalb unserer Komfortzone arbeiten und versuchen, besser zu werden. Ich würde auch sagen, dass sich das durch Pauls Krankheit noch verstärkt hat und er einfach viel öfter hinterfragt, was wichtig ist im Leben und was nicht so wichtig ist. Damit haben auch Zielsetzung und Träume einen ganz anderen Stellenwert bekommen", sagt seine Teampartnerin.

Ein Fußball liegt in einem Stadion auf dem Rasen. © iStock Foto: Marcus Millo
AUDIO: Heimvorteil mit Alica Stuhlemmer (40 Min)

Auch ein Sportler ist nicht unzerstörbar

Paul Kohlhoff sitzt an der Kiellinie.  Foto: Kati Bochow
Seine Krankheit hat Paul Kohlhoff verändert.

Der Sportsoldat meint, die Krankheit habe ihn verändert. "Es verursacht auf jeden Fall, dass man Dinge anders einschätzt als vorher und auch andere Prioritäten setzt. Denn mir ist klar geworden, dass man eben nicht - wie in diesem Sportlerdasein üblich - unzerstörbar ist. Sondern dass es doch recht schnell außerhalb der eigenen Kontrolle mal bergab gehen kann. Und das wurde mir in diesem Moment klar, wobei ich eigentlich immer super gesund und fit war - und sehr großes Vertrauen in meinen Körper hatte. Dieses Vertrauen verliert man dann recht schnell und auch nachhaltig", sagt Kohlhoff. Mit sehr viel Segeln und Sport schafft es Kohlhoff, dieses Vertrauen wiederzubekommen.

Olympia-Absage: "Es war eine anstrengende Zeit"

Die Segler Paul Kohlhoff (l.) und Alica Stuhlemmer im Nacra 17 © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter
Die Segler Paul Kohlhoff (l.) und Alica Stuhlemmer im Nacra 17.

Er sei fitter und gesünder als vorher, meint er. Und er ist fest davon überzeugt, dass die Arbeit, die man in ein Ziel steckt, irgendwann belohnt wohnt. Sein Credo: "Solange weitermachen, bis man irgendwann gewinnt." Die Absage der Olympischen Spiele 2020 aufgrund der Corona-Pandemie beschreibt er als Schock. Die darauffolgenden Pausen seien aber manchmal ganz gut gewesen, um frisch und frei zu werden in Körper und Geist. "Es war eine anstrengende Zeit. Denn man musste flexibel und spontan bleiben." Seit mehr als einem Jahr ist er sehr vorsichtig unterwegs, wird oft getestet und ist mittlerweile geimpft. Seine Motivation ließ kurz nach der Verschiebung zunächst nach. "Das war schwierig daran zu glauben, dass es dann dieses Jahr stattfindet. Aber jetzt wird es stattfinden. Wir geben Vollgas."

Kohlhoff/Stuhlemmer haben Chance aufs Podium

Bei den Olympischen Spielen in Tokio will er auf jeden Fall um eine olympische Medaille segeln. "Wenn wir eine durchschnittliche, ordentliche Woche haben, dann sind wir auf jeden Fall im Medalrace. Wenn es sehr gut läuft, können wir auch ganz vorne mitspielen", beschreibt er die Chancen seines Teams. Spezifisches Training war in diesem Olympiazyklus sehr schwer. Niemand konnte im olympischen Segelrevier, das sehr vielseitig ist, vorab viel Zeit verbringen. Deshalb ist mit einem ausgeglichenen Feld zu rechnen. Acht bis zehn verschiedenen Teams kommen für ein Podiumsplatz infrage. Kohlhoff und Stuhlemmer ist eines dieser Teams. "Ich bin überzeugt, dass das Anpassungsfähigste und das beste Allround-Paket in Tokio ganz vorne mit dabei sein wird", meint Kohlhoff.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 12.06.2021 | 16:40 Uhr