Stand: 12.03.2017 23:23 Uhr

DDR-Leistungssport: Kindheit unter Qualen

von Henning Strüber, NDR.de
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Susann Scheller fühlt sich bis heute erschöpft.

Doch trotz der umfassenden medizinischen Betreuung kommen Manuela Renk und Susann Scheller irgendwann an einen toten Punkt. "Bei mir kam so ein Kreislauf in Gang, dass ich immer wieder krank war und Infekte hatte. Das ging über Wochen und Monate. Bis April, Mai 1989, als ich gemerkt habe, ich kann einfach nicht mehr. Plötzlich hatte ich Verletzungen, die ich vorher nicht hatte. Rückenprobleme, Schulterprobleme, Knieprobleme. Alles ging auf einmal den Bach runter", sagt Susann Scheller. Eine Erschöpfung kam über sie, die bis heute anhält. "Wie eine Generalerschöpfung, als wäre das Leben schon gelaufen, als hätte man die ganze Kraft irgendwo schon gelassen, auf jeden Fall in der Kindheit." Auch Manuela Renk spürt eine große Schwäche - "aber nicht mit dem Bewusstsein, dass es am wenigen Essen lag, sondern vielleicht nur am vielen Training."

"Ich kann den Stift kaum halten"

Die jungen Athletinnen beginnen zu zweifeln. Sie können nicht mehr. "Wir haben versucht, uns den Arm zu brechen", sagt Susann Scheller, "haben Seife in den Ellenbogen gesteckt, den Arm verbunden und morgens mit Karacho versucht, den Arm zu öffnen. In der Hoffnung, dass er bricht." Irgendwann spürt Susann Scheller die Schwäche nicht mehr: "Es war so normal. Erst als ich die alten Briefe gefunden habe, wo ich immer geschrieben habe: Entschuldigt bitte meine Schrift. Ich kann den Stift kaum halten. Mir geht’s nicht gut. Ich habe gerade keine Kraft. Da ist mir eigentlich erst bewusst geworden, wie schlapp wir eigentlich waren."

"Es hat Todesfälle gegeben"

Laut Pavel waren die Mädchen damals "unterbilanziert". "Es ist nicht so, dass dort irgendjemand im Training wegen Hungers oder so umgefallen wäre", erklärt der Mediziner. "Wenn Sie mehr Energie verbrauchen, als fürs Wachstum und sportliche Leistung notwendig ist, dann leidet das Wachstum der festen Strukturen wie Knorpel, Bindegewebe und so weiter. Wenn der Kohlehydratspeicher leer ist - der Tank auf der Autobahn - dann bleiben Sie unterwegs stehen."

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Die Sportgymnastin Cornelia Streck starb früh. Immunsystem und Herz waren geschwächt.

So wie Cornelia Streck. Die Mannschaftskameradin von Susann Scheller und Manuela Renk stirbt in jungen Jahren. Immunsystem und Herz waren geschwächt. Ein Zusammenhang mit ihrer Sportkarriere liegt auf der Hand. "Es hat Todesfälle gegeben im DDR-Leistungssport", bestätigt auch Eckhard Pavel. "Das weiß ich, weil ich an diesen Sitzungen teilgenommen habe." Es sei den Trainern immer nur darum gegangen, wann sie ihre Schützlinge wieder belasten können. "Nicht: Wie geht’s dem Sportler oder was machen wir mit dem Finger, sondern wann kann ich wieder mit dem trainieren?"

"Hätte mir nicht vorgestellt, dass es meiner Tochter passiert"

Cornelia Strecks Tod kommt für ihren Vater und die Trainingsfreundinnen völlig unerwartet. "In der letzten Zeit waren wir zu zweit im Training", erinnert sich Susann Scheller. "Ich habe sie mitgezogen und überredet durchzuhalten. Ich fühle mich manchmal ein bisschen schuldig, weil ich gedacht habe, es ist jetzt gar nichts mehr. Da war irgendwie ein Ende unserer Leistungsfähigkeit. Wir haben es so durchgeprügelt." "Dass das so an die Substanz gehen und das Immunsystem schädigen kann - an so etwas habe ich nicht gedacht", sagt Cornelia Strecks Vater heute. "Bei aller Freiheit, dass das Kind mitbestimmen soll: Eine gewisse starke Hand des Trainers muss auch da sein. So habe ich damals gedacht und so denke ich auch heute noch. Natürlich gibt es dabei auch Leute, die das nicht schaffen oder gesundheitlich daran kaputtgehen. Ich hätte mir natürlich nicht vorgestellt, dass es meiner Tochter passiert."

Für den Sozialismus geopfert

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Prof. Dr. Harald Freyberger untersucht an der Universität Greifswald den Leistungssport in der DDR.

Susann Scheller sieht eine Mitverantwortung bei den Eltern: "Nicht nur das System hat uns dazu gemacht stillzuhalten, auch ihr habt nicht auf uns aufgepasst. Ihr habt unsere Bedürfnisse nicht abgefragt. Ich sehe schon, dass wir grob vernachlässigt wurden." "Emotionale Vernachlässigung spielt eine große Rolle", sagt auch DDR-Sportforscher Freyberger. "Es gibt sicher eine Gruppe von Eltern, die das nicht wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte. Oder die Bestandteil des Systems waren. Es gab ja durchaus viele staatsnahe Menschen, die ihre Kinder zum Sport geschickt haben. Die ihre Kinder - das habe ich einige Male gehört - für den Sozialismus geopfert haben." Der fehlende Schutz entspringe der Wechselwirkungen zwischen Druck der Diktatur und emotionaler Vernachlässigung.

Von sexualisierenden Bemerkungen bis zu manifester Gewalt

Doch es gibt auch Hinweise, dass es oftmals nicht nur bei emotionaler Vernachlässigung geblieben ist. "Ich war sehr überrascht, dass wir so etwas in der Intensität überhaupt gefunden haben", sagt Freyberger. "Es beginnt mit sexualisierenden Bemerkungen im Sportleralltag bei acht- bis zehnjährigen Mädchen und geht schließlich bis hin zu manifesten Missbrauchshandlungen." Freyberger geht davon aus, dass sexuelle Gewalt im DDR-Sport im Zusammenhang mit Doping und Kaderathleten bei 20 bis 25 Prozent vorliegt.

Noch viele Fragen offen

Die Folgen ihrer früh begonnenen Leistungssport-Karriere lassen viele damals Aktive bis heute nicht los. Und es gibt noch viele offene Fragen. "Es ist ja noch nicht abgeschlossen. Die Tragweite, was da noch auf mich zukommt, ist überhaupt noch nicht ersichtlich", sagt Susann Scheller. Eine Einschätzung, die Freyberger teilt: "Doping plus Traumatisierung in frühen Kinderjahren verkürzt das Leben um zehn bis zwölf Jahre Lebenserwartung. Das ist schon deftig."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.03.2017 | 23:35 Uhr

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