Stand: 22.12.2017 14:45 Uhr

Zverev nach Superjahr in dünner Luft

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Erlebte ein grandioses Jahr 2017: Alexander Zverev.

Die Gelegenheit ist günstig. Shootingstar Alexander Zverev hätte wahrscheinlich keinen besseren Platz für den Einstieg in die neue Tennis-Saison finden können. Mit dem Hopman Cup in Perth (30. Dezember bis 6. Januar) hat der Weltranglistenvierte aus Hamburg nicht nur einen lockeren Aufgalopp gewählt. An der australischen Westküste hat der 20-Jährige zugleich die Gelegenheit zu erfahren, in welche Fallen ein Aufsteiger im Jahr danach stolpern kann. Angelique Kerber, seine Team-Partnerin bei der inoffiziellen Mixed-Weltmeisterschaft, hat ihren persönlichen Absturz gerade durchlebt und wird dem für kurze Zeit sogar auf Rang drei geführten Zverev bestimmt wertvolle Tipps geben können, bevor vom 15. bis 28. Januar im Melbourne Park das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres gespielt wird. Und vielleicht klappt es in Perth so ganz nebenbei mit dem dritten Erfolg eines deutschen Duos nach Steffi Graf/Michael Stich (1993) und Anke Huber/Boris Becker (1995).

Becker: "Er braucht noch Erfahrungen"

"Ich bin auf einem guten Weg und hoffe, dass es so weitergeht", sagt Sascha, wie der jüngere der beiden Zverev-Brüder genannt wird. Von den 77 Matches im Jahr 2017 hat er 55 gewonnen und sein Preisgeld damit um rund 4,5 Millionen auf aktuell 6.295.920 Euro aufgestockt. In dem Spanier Juan Carlos Ferrero hat er einen früheren Weltklassespieler als Trainer verpflichtet. Er liebt die große Bühne ("Ich spiele gern in großen Stadien und vor großem Publikum") und lässt seinen Gefühlen bisweilen auf dem Platz freien Lauf. Dann fliegt schon mal das Racket und geht krachend zu Bruch. Für Boris Becker kein Problem, das gehöre zum Tennis dazu. "Wenn man so schnell nach oben kommt, meint man manchmal, es geht so weiter", sagt der dreimalige Wimbledonsieger NDR 2: "Da braucht er noch mehr Erfahrungen und Erlebnisse - vielleicht auch ein, zwei Enttäuschungen. Da oben wird die Luft immer dünner."

Stich: "Erwartungen übertroffen"

Die binnen eines Jahres vom Spitzenplatz auf Position 21 der Weltrangliste durchgereichte Kerber sollte Warnung genug für den aufstrebenden Topstar sein. Überall lauern jetzt Gefahren: Die Konkurrenz ist besonders motiviert, und die Begehrlichkeiten von Veranstaltern, Sponsoren und Medien nehmen rasant zu. Viel zu tun auch neben dem Platz also für den jungen Hamburger mit russischen Wurzeln, den der Deutsche Tennis Bund (DTB) als Garant für den zarten Aufschwung des hierzulande lange Jahre kriselnden weißen Sports präsentiert. "Das Jahr war fantastisch und hat auch seine eigenen Erwartungen übertroffen", sagt Michael Stich, der Zverev von klein auf kennt: "Das muss er jetzt bestätigen. Aber ich bin sicher, dass er das Zeug dazu hat."

Zusage für den Davis Cup

Auch Becker warnt in seiner neu geschaffenen Position als Chef der DTB-Herren: "Das Jahr nach dem Durchbruch in die Weltspitze wird erfahrungsgemäß noch schwieriger." Zugleich bittet der 50-Jährige um Nachsicht in der kritischen Auseinandersetzung mit dem nicht immer geschickt agierenden Youngster. Bei der Absage für sein Heimturnier am Hamburger Rothenbaum zum Beispiel. Oder auch beim Thema Davis Cup. Gegen Australien im Februar in Brisbane will er wie sein Bruder Mischa wieder aufschlagen: "Wenn wir nominiert werden."

Berühmte Fans: Federer und Nadal

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Lob vom "Meister": Alexander Zverev mit Roger Federer.

Tatsächlich gerät bisweilen in Vergessenheit, dass Zverev am 20. April 2017 gerade erst zum Twen geworden ist. Wurde sein erster Titelgewinn 2016 in St. Petersburg noch einigermaßen beiläufig goutiert, so entwickelte sich in der abgelaufenen Saison ein durch fünf Titel genährter Hype, der sich durch die beiden Masters-Turniersiege im Finale gegen Roger Federer (Montreal) beziehungsweise Novak Djokovic (Rom) noch zu steigern schien. "Mir gefällt, was ich bei Sascha sehe", lobt der 19-fache Grand-Slam-Sieger Federer: "Er hat das Komplettpaket." Rafael Nadal meint schlicht und einfach: "Sascha ist die Zukunft unseres Sports." Nicht leicht, bei derlei Hymnen auf dem Boden zu bleiben. Vielleicht hilft dabei auch die Erinnerung an Kerbers "Seuchenjahr" - und an sein eigenes Aus in der Vorrunde der ATP-WM in London.

"Zu Recht die Nummer vier"

Als erster deutscher Tennisprofi seit Rainer Schüttler im Jahr 2003 hatte Zverev den Saisonabschluss der besten acht Spieler des Jahres erreicht, was durchaus als sensationell bezeichnet werden darf. Doch die Kraft war verbraucht, ein Halbfinale der Güte Schüttler gegen Andre Agassi, das der "Shaker" in Houston verlor, blieb ihm versagt. Eine Flaute, wie sie Schüttler damals in der Folge seiner Supersaison erlebte, fürchtet DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff allerdings nicht. "Ich erwarte, dass Sascha dauerhaft unter den besten zehn Spielern der Welt bleibt", sagt der frühere Schüttler-Trainer und argumentiert: "Dafür hat er genug Substanz und Selbstbewusstsein. Und die Zeit spricht für ihn." DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard denkt ebenso: "Nur bei den Grand Slams hat er etwas unglücklich gespielt."

Ein Hamburger in Monaco

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"Stimmt", gibt Zverev zu. "Aber ich habe gegen sehr starke Gegner gespielt - und auch Pech gehabt." Vor allem das Abschneiden bei den US Open und das Erstrunden-Aus in Roland Garros wurmen den überzeugten Hanseaten, der im Steuerparadies Monaco wohnt. "Aber ich bin und bleibe Hamburger und freue mich immer, wenn ich in der Heimat bin." Die Eltern, beide erfolgreiche Tennisspieler in der damaligen Sowjetunion, kamen über den Umweg Mölln in Schleswig-Holstein nach Hamburg. Weil Vater Alexander Senior sich um das Fortkommen des älteren der beiden Söhne, Mischa (30), kümmerte, übernahm Mutter Irina die Ausbildung des "Kleinen", der sie mit seinen 1,98 Meter längst überragt.

Bruder Mischa: "Alles richtig gemacht"

"Meine Mutter hat mir die Technik beigebracht", sagt "Sascha" Zverev: "Sie ist der Fels in unserer Familie, der alles zusammenhält und mir so unheimlich viel beigebracht hat." Diese Schule hat ihm ein grundsolides Rüstzeug gegeben, das komplette Repertoire an Schlägen. Ganz wichtig aber ist die große Gabe, nie aufzugeben, bevor der letzte Ball gespielt ist. "Das hat er von Irina", sagt Vater Alexander sen. "tennisnet.com". "Sie war auch eine große Fighterin." Ein Kämpfer ist auch Bruder Mischa, der sich nach schlimmer Handverletzung auf Platz 30 der Weltrangliste vorgearbeitet hat, und schmunzelnd zugibt: "Unsere Eltern haben alles richtig gemacht. Und bei Sascha, dem Nachzügler, noch ein bisschen besser." Nur bei den Majors funktioniert das (noch) nicht. "Aber", sagt Höhenflieger Zverev, "ich arbeite hart an meiner Physis, das wird sich hoffentlich auch bei den Grand Slams auszahlen."

Alexander Zverev: Deutschlands Bester aus Hamburg

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 18.12.2017 | 10:25 Uhr

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