Eitrige Pferdeschnauze © Imago Images

Tote Pferde durch Herpes-Virus: Im Reitsport geht die Angst um

Stand: 02.03.2021 17:55 Uhr

Im Reitsport geht die Angst vor dem Herpes-Virus EHV-1 um. Mehrere Pferde sind in Valencia bereits gestorben. Axel Milkau, Direktor des Reitturniers in Braunschweig, klagt unter anderem den Weltverband FEI an.

von Christian Görtzen

"Run free my little best Qaddi" steht über dem Foto geschrieben. Gefolgt von drei großen, roten Herzen. Es sind die einzigen farblichen Akzente auf diesem schwarz-weißen Bild - dem letzten Gruß einer trauernden Reiterin an ihr totes Pferd. Die junge Mecklenburgerin Tessa Leni Thillmann vom RFV Gadebusch hat es im Internet gepostet, nachdem auch ihre zwölfjährige Stute 3Q Quadira bei der abgebrochenen CES Tour in Valencia an den Folgen des gefährlichen Herpes-Virus gestorben ist. Nach Angaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) sind in der Metropole an der spanischen Mittelmeerküste bisher vier Pferde aus deutschen Ställen verendet.

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"Für das Reiten schlimmer als Corona"

Als wäre die Lage durch Covid-19 nicht ohnehin schon schwierig genug, ist über den Reitsport nun noch weiteres Unheil in Form eines Virus hereingebrochen: EHV-1, das Herpes-Virus. Und das sei "für das Reiten schlimmer als Corona", sagte Axel Milkau im Telefongespräch mit NDR.de. Der Turnierchef des internationalen Hallenreitturniers Braunschweig Classico, das wegen der Corona-Pandemie für 2021 abgesagt worden ist, hatte schon in einem Internet-Post massive Kritik am Umgang des Weltverbandes FEI, des spanischen Verbandes und des Veranstalters im Umgang mit dem Herpes-Virus geübt.

Milkau: "Die Lage ist furchtbar"

Milkau schrieb in Versalien von einem "TOTALVERSAGEN" beim Krisenmanagement und setzte fünf Ausrufezeichen dahinter. Er wählte die Bezeichnung "Katastrophe" und nannte es "eine Kriegssituation gegen einen unsichtbaren Feind", gegen das Herpes-Virus. Im Gespräch mit NDR.de wählte er ebenfalls sehr deutliche Worte für das, was sich derzeit auf dem Reitsport-Gelände in Valencia abspielt. "Es ist der Vorhof zur Hölle", sagte Milkau. "Die Lage dort ist erdrückend, sie ist furchtbar." So gebe es dort nur eine medizinische Unterversorgung für die Tiere, es fehle an Personal. "Es ist eine Lagerhaltung dort, in der das hochinfektiöse Virus grassiert. Da bleibt Aggressivität nicht aus, denn jeder kämpft um das Leben seiner Tiere. Es ist eine explosive Mischung."

"Das Virus ist sehr aggressiv"

Hilmar Meyer, der im niedersächsischen Thedinghausen einen Handels- uns Ausbildungsstall betreibt und bisher zwei Pferde verloren hat, bezeichnete die Situation vor Ort als "sehr, sehr schlimm". Meyer: "Wir kämpfen hier Schulter an Schulter um unsere Pferde."

"Das Virus ist sehr aggressiv", berichtete Mike Patrick Leichle, der wie Meyer und ein knappes Dutzend deutscher Reiter Anfang Februar zur mehrwöchigen Spring Tour nach Valencia gefahren ist. Der Reiter und Turnierstallbetreiber aus Schnarup-Thumby in Schleswig-Holstein hat bisher ein Pferd in Valencia verloren und hofft nun auf das Überleben der elf verbliebenen Tiere.

Keine Turniere bis 28. März

Die FEI sagte am Dienstagmorgen alle internationalen Turniere in Deutschland und in neun weiteren Ländern bis 28. März ab, am Nachmittag setzte die FN die nationalen Turniere bis zum selben Datum ab. Ausgehend von Valencia sei das Virus laut FEI aber schon in mindestens drei weiteren europäischen Ländern nachgewiesen worden. Der Ausbruch sei "wahrscheinlich der schlimmste in Europa seit vielen Jahrzehnten", sagte FEI-Generalsekretärin Sabrina Ibanez: "Dieser EHV-1-Stamm ist besonders aggressiv und hat bereits Todesfälle bei Pferden und eine sehr große Anzahl von schweren klinischen Fällen verursacht." Auf Menschen überträgt sich das Virus nicht.

Sorge bereitet aber die mögliche weitere Verbreitung über den gesamten Kontinent. "Wir wissen auch, dass eine große Anzahl von Pferden den Veranstaltungsort in Valencia ohne ein offizielles Gesundheitszertifikat verlassen hat, was bedeutet, dass sie einen unbekannten Gesundheitsstatus hatten", sagte Ibanez weiter: "Einige Pferde waren bereits krank, und das Risiko einer Übertragung durch diese Pferde ist ein großes Problem."

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"Viel zu spät reagiert" - Milkau klagt Weltverband an

Milkau klagt die FEI, den spanischen Verband und den Veranstalter an, viel zu spät auf die Bedrohung durch das Herpes-Virus reagiert zu haben. Schließlich hatten bereits am Sonntag vor einer Woche mehrere Pferde starke Symptome gezeigt. "Es gab die ganze Zeit lang keinen Krisenstab. Erst heute, nach neun Tagen, fangen sie damit an. Das ist viel zu spät - eine glatte Sechs. Wir haben dort tote Pferde - durch ein Virus, das in die Hirne der Tiere eindringt und einen neurologischen Verfall bewirkt." Diese Pferde könnten dann nicht mehr stehen, weil sie kein Gleichgewicht mehr besäßen. "Die liegen dann nur noch und können auch nicht mehr Wasser lassen. Sie müssen durch eine Aufhängung mit Gurten aufgerichtet werden - auch, um sie behandeln zu können", schilderte Milkau.

"Die sterben uns da weg"

Dies geschehe durch Verabreichung von Cortison. Die Aussichten, dass die Pferde das Virus überleben, seien nicht allzu gut. "Und wenn sie es schaffen, dann ist das wie nach einem Schlaganfall. Die sind dann nicht mehr so wie vorher. Die können nur noch auf der Wiese herumlaufen", sagte Milkau. "Es geht hier nicht um den wirtschaftlichen Schaden. Wir sind alle Tierliebhaber, und die sterben uns da weg", sagte er, bevor ihm die Stimme wegbrach, weil ihm die Tränen kamen.

Turniere im Süden laufen in "Bubbles" weiter

Um zu verhindern, dass nun auch Hunderte Pferde auf einmal die laufenden Turniere im Süden verlassen, dürfen die Veranstaltungen in Vilamoura (Portugal), Vejer de la Frontera (Spanien) sowie San Giovanni und Gorla Minore (Italien) in sogenannten "Bubbles" weiterlaufen, solange es keine EHV-1-Fälle gibt. Neue Pferde dürfen aber nicht anreisen, und ohne Genehmigung darf kein Tier den Turnierplatz verlassen.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 02.03.2021 | 14:25 Uhr

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