Die Trophäe für den Sieger im Davis Cup © imago images/ZUMA Wire

Tennis: Davis Cup - Alles eine Frage des Modus

Stand: 16.09.2022 09:33 Uhr

Der Davis Cup hat viel Tradition. Der Modus des Nationalmannschaftswettbewerbs im Herrentennis hat sich allerdings immer wieder geändert - dieses Jahr gibt es etwa eine Gruppenphase in Hamburg. Das gefällt nicht allen.

von Marcel Stober

Der erste Davis Cup im Jahr 1900 hat mit dem heutigen Wettkampf selbstverständlich nicht mehr viel zu tun. Damals spielten die USA, rund um Namensgeber Dwight Davis, gegen Großbritannien. Mehr Länder sollten erst später dazukommen. In diesem Jahr spielen 143 Teams um die Trophäe. Der Modus des Davis Cups wurde immer wieder geändert und angepasst - und sorgt nach wie vor für Diskussionen.

Mittlerweile organisiert der Tennis-Weltverband ITF den Davis Cup. Seit 1981 gab es eine Weltgruppe der besten Teams, bei der Deutschland meistens dabei war, und in der der Davis-Cup-Sieger ermittelt wurde. Kontinentale Gruppen bildeten den Unterbau, es gab Auf- und Abstiegsduelle.

Die einzelnen Duelle dauerten mehrere Tage, gespielt wurden vier Einzel und ein Doppel. Was den Davis Cup dabei über 100 Jahre lang ausgemacht hat: Jedes Duell war für die Teams entweder ein Heim- oder ein Auswärtsspiel, sehr zur Freude der Fans. Bis 2019.

Davis Cup kostete Tennisprofis zu viel Zeit

Denn ein Problem des Davis Cups waren schon immer die Termine. Bis zu viermal im Jahr mussten die Topspieler der Weltgruppe zusammenkommen. Im Einzelsport Tennis mit den weltweit stattfindenden Turnieren eine große Herausforderung. Die Qualifikationsrunde fand dabei stets nach den Australien Open statt, die Viertelfinals waren für April, die Halbfinals nach den US Open im September und das Finale im Spätherbst angesetzt.

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Das machte das ohnehin schon stressige Leben auf der Tennis-Tour noch stressiger. "Der alte Modus, wie es damals war, war schon cool", sagt Deutschlands Davis-Cup-Spieler Jan-Lennard Struff, aber, "dass etwas verändert werden musste, war irgendwie klar, weil die Topstars weggeblieben sind". Der Davis Cup, bei dem es für die Spieler keine Weltranglistenpunkte gibt, wurde für viele der ganz Großen des Tennis zu lästig.

Mehr Gruppenspiele statt K.o.-Duelle

2019 wurden Gruppenspiele eingeführt, um diese entzerrten Termine wieder zusammenzufügen. Die Qualifikation im Frühjahr blieb, doch alle weiteren Spiele fanden innerhalb von einer Woche im November in Madrid statt. In sechs Dreier-Gruppen spielte jeder gegen jeden. Die besten acht Teams trafen ab dem Viertelfinale in K.o.-Duellen aufeinander. 2020/21 blieb man bei diesem Format, trug die Spiele aber in verschiedenen Städten aus.

Der deutsche Tennis-Profi Jan-Lennard Struff im Davis-Cup-Duell mit dem Franzosen Benjamin Bonzi © Witters Foto: Leonie Horky
Jan-Lennard Struff ist ein Fan des Davis Cup - insbesondere von dem alten Modus bis 2019.

Seit 2022 gibt es vier Vierer-Gruppen bereits im September - die Finalduelle sind weiterhin für November angesetzt. Außer in der Qualifikationsrunde bestehen die Duelle nur noch aus zwei Einzeln und einem Doppel.

Diese ständigen Wechsel verwundern auch einige Spieler. "Es ist eine Überraschung für alle, dass der Modus sich jedes Jahr verändert", gibt Frankreichs Doppelspezialist Nicolas Mahut zu. Aber dieser Modus mit drei Spielen in einer Woche sei zumindest besser als der alte, so Mahut, der 2018 noch ein Davis-Cup-Finale im eigenen Land spielen konnte.

Nun soll mit den Änderungen Schluss sein, heißt es von der ITF: "Wenn sie so funktionieren, wie wir es erwarten, wäre es unsere Absicht, immer im September und November und in einem Format mit mehreren Veranstaltungsorten zu spielen, um den Wettbewerb einem viel breiteren Publikum zugänglich zu machen", so der Verband.

Spiele fast nur noch auf neutralem Boden

Die Einführung von Gruppen hat nun aber zur Folge, dass ein Großteil der Matches auf neutralem Platz stattfindet. Einer, der diesen Modus schon lange lautstark kritisiert, ist Deutschlands bester Tennisspieler Alexander Zverev. Schon 2021 sagte er: "Ich hoffe, dass wir wieder zum alten System zurückkommen, dass die Emotionen, die Leidenschaften, die Passion zurückkommt".

Auch Deutschlands Kapitän Michael Kohlmann mochte den Davis Cup in seiner alten Form lieber. Was Zverev meint, konnte man auch in der diesjährigen Gruppenphase in Hamburg sehen. Als am ersten Wettkampftag, einem Dienstagnachmittag, Belgien und Australien aufeinandertrafen, saßen zu Beginn der ersten Partie knapp 300 Menschen auf den rund 10.000 Zuschauer fassenden Rängen.

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Für den belgischen Profi Zizou Bergs, der dem Australier Jason Kubler unterlag, ist das nicht verwunderlich: "Es ist Dienstag, Leute in Belgien müssen arbeiten. Offensichtlich ergibt eine Paarung Belgien gegen Australien für die Deutschen nicht so viel Sinn." Selbst der Stadionsprecher am Hamburger Rothenbaum bezeichnete die Kulisse als "familiär". Bergs konnte den vielen leeren Rängen aber auch etwas Positives abgewinnen: "Weil ich vor dem Match sehr nervös war, war ich ein bisschen froh, dass es nicht so voll im Stadion war." Wäre diese Partie in Belgien oder Australien ausgetragen worden, wäre dies sicherlich anders gewesen.

Nur kleine Fangruppen machen Stimmung

Dass bei Bergs' Duell gegen Kubler überhaupt Stimmung aufkam, lag fast ausschließlich an einer etwa zehnköpfigen belgischen Fangruppe. Die Vereinigung "Belgian Tennis Fans" rund um Sébastian Bours begleitet Belgiens Spielerinnen und Spieler zu allen großen Events. Während der Spielpausen wurde getrötet, getrommelt, geschrien.

Nach einem gewonnenen Satz von Bergs gab es sogar eine kleine Polonäse durch die Zuschauerreihen. Doch trotz dieses Engagements beim Davis Cup sehen die belgischen Fans den neuen Modus sehr kritisch: "Ich glaube, dass das aktuelle Format beibehalten wird. Und das bedeutet, dass der Geist des Davis Cup ein wenig verloren gegangen ist", sagt Bours.

Tennis ist nicht Fußball

Für ihn bestand dieser Geist aus der Stimmung bei den Heimspielen. Seine Befürchtung: Kleinere Länder wie Belgien würden für Gruppen- oder Finalspiele nicht mehr berücksichtigt werden - und wenn überhaupt nur noch das Qualifikationsspiel im Frühjahr zu Hause austragen können. "Das Problem an diesem Format ist: Du wirst kein volles Stadion bekommen. 300 Zuschauer - das ist nichts. Wir sind nicht Fußball."

Bours' Lösung liegt allerdings darin, etwas vom Fußball zu übernehmen - nämlich den Austragungsrhythmus. Würde der Davis Cup nicht jedes Jahr stattfinden, so wie auch eine WM oder EM nur alle vier Jahre ausgetragen wird, würde er wichtiger werden und die geliebten über das Jahr verteilten Heim- und Auswärtsspiele könnten wieder zurückkommen. Eine Idee, die auch Zverev schon so ähnlich geäußert hat.

Tim Pütz vor "bester Kulisse" seiner Karriere

In diesem Jahr allerdings profitiert Deutschland von einer Gruppenphase zu Hause. Und obwohl auch gegen Frankreich am Mittwoch das Stadion bei weitem nicht ausverkauft war, jubelten die Fans Deutschland zum 2:1-Sieg. Die Zuschauer hätten "brutalst Feuerwerk abgeliefert", sagte Struff nach seinem gewonnenen Einzel. Doppel-Profi Tim Pütz sprach sogar von "der besten Kulisse, vor der er je gespielt habe". So kann sich Davis Cup eben auch anfühlen - wenn man noch Heimspiele hat.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 16.09.2022 | 19:30 Uhr

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