Stand: 09.09.2019 11:00 Uhr

"Talentfrei" zu Olympia: Schomburg geht seinen Weg

von Andreas Bellinger, NDR.de

Eine große Karriere auf Umwegen - warum nicht? Auch der dreimalige Wimbledonsieger Boris Becker flog in Jugendtagen schließlich aus der Förderung seines Verbandes. "Talentfrei!“ lautete vor sechs Jahren das Urteil der Experten über Jonas Schomburg aus Hannover-Langenhagen. Die Deutsche Triathlon Union (DTU) strich ihn aus dem Kader - und irrte sich gewaltig. "Ich habe immer gewusst, dass ich Talent habe", sagt der 25-Jährige im Sportclub des NDR. Unbeirrt ging der große Blonde seinen (Um-)Weg und ist inzwischen einer der besten deutschen Triathleten auf der olympischen Distanz über 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und 10 Kilometer Laufen.

Jonas Schomburg im Sportclub

Schomburg: "Ich wusste, dass ich Talent habe"

Sportclub -

Jonas Schomburg galt als talentfrei und wurde einst aus dem deutschen Kader gestrichen. Nun ist der Niedersachse einer der besten deutschen Triathleten und hat die Olympia-Qualifikation geschafft.

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Traum von Gold, Silber oder Bronze

Schomburg hat sich für die Olympischen Spiele in Tokio kommendes Jahr qualifiziert. Und plötzlich trauen ihm selbst die Experten einen Platz ganz weit vorne zu. "Ich peile schon eine Medaille an", erklärt der sonst fast schüchtern wirkende Niedersachse selbstbewusst. Dabei wird das Rennen in Japans Hauptstadt in großer Hitze und bei extremer Luftfeuchtigkeit stattfinden. "Ich denke, das liegt mir, weil ich lange in Südafrika gelebt und trainiert habe und solche Bedingungen kenne." Ein überraschender Olympiasieg wie 2008 in Peking durch Jan Frodeno klingt vermessen, aber große Ziele hat Schomburg schon: "Ein Platz auf dem Podium, das wäre eine Traum."

Keiner quält sich so wie Jonas

"Jonas ist ein Paradebeispiel dafür, dass man sich von Widerständen nicht unterkriegen lassen darf", sagt Alexander Hanke. Der Arzt am Olympiastützpunkt in Hannover hat Schomburgs Karriere von Beginn an begleitet. "Ich habe ihn auf dem Platz rumlaufen sehen, dachte, na gut, der ist schnell, aber wenn jetzt ein starker Windhauch kommt, wird er weggefegt."

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Tatsächlich war der starke Schwimmer und Radfahrer, der aber beim Lauf über zehn Kilometer nicht selten schwächelte, groß (1,90 Meter) und spindeldürr. Aber mit unbändigem Willen und dem Rückhalt der Familie räumte er alle Steine aus dem Weg. "Ich habe noch niemanden erlebt, der sich so quälen kann wie Jonas", urteilt der Sportmediziner, der längst zu einem guten Freund und Vertrauten geworden ist.

Ausweg aus der Einbahnstraße

Die letzten Zweifel an seinem Können hat Schomburg Anfang August mit der deutschen Vizemeisterschaft in Berlin und letztlich natürlich mit der Olympia-Qualifikation beim Testrennen in Tokio (Platz zehn) aus der Welt geschafft. "Zum Zeitpunkt der Einschätzung unserer Experten war die Entwicklung nicht unbedingt so abzusehen, weil keine entsprechenden Ergebnisse zu Buche standen", erklärt DTU-Präsident Martin Engelhardt im Gespräch mit NDR.de. Die starren Vorgaben, denen ein Verband im Hinblick auf die Kader-Nominierung unterliege, hätten keinen Spielraum gelassen. "Wie die jetzt seit zwei Jahren erfolgende Zusammenarbeit zwischen Athlet und Verband jedoch zeigt, ist eine solche Einschätzung niemals eine Einbahnstraße."

Umweg über die Türkei

Das Faible für Triathlon hat Schomburg wohl von seinem Vater Arnd in die Wiege gelegt bekommen. Der war selbst im Nationalkader, wurde 1995 EM-Fünfter. Jonas war zehn Jahre alt, als er mit dem Schwimmen, Radfahren und Laufen begann. Sein internationales Debüt feierte er 2013 in Kapstadt. Dann bremste ihn die DTU aus, noch ehe er richtig  durchstarten konnte. Die Karriere schien vorbei zu sein. Doch der am 31. Januar 1994 geborene Hannoveraner gab nicht auf, wechselte sogar in die Türkei, um den Traum von Olympia 2016 zu retten. Es klappte nicht, er verpasste die Qualifikation knapp . Aber Schomburg verfolgte seinen Weg weiter. "Hartnäckig", wie er im Sportclub betont.

Kleiner Hase "Jojo Lapin"

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Beim olympischen Testevent in Tokio sicherte sich Jonas Schomburg (3.v.l.) mit Rang zehn das Olympia-Ticket.

Nach einem Jahr, in dem er unter neutraler Flagge antreten musste, startet Schomburg seit dem vorigen Jahr wieder für die DTU. Das Ziel Olympia vor Augen kratzt er in dieser vorolympischen Saison beharrlich an den Top Ten: "Jetzt habe ich wohl allen gezeigt, dass ich vorne mitmischen kann." Sicher auch ein Resultat des harten Trainings in einer Gruppe von Top-Triathleten nahe Grenoble. Das harte Programm, für das er sein Lehramtsstudium unterbrochen hat, zeigt Wirkung. Die Konkurrenz der internationalen Kollegen, die ihn in Anlehnung an französische Kinderbücher über einen kleinen Hasen liebevoll "Jojo Lapin" nennen, und die Höhe in den französischen Alpen machen ihn auch auf der Laufstrecke stark und robuster. "In Deutschland gibt es keine Trainingsgruppe auf diesem Niveau", sagt Schomburg. Dass er seinen eigenen (Um-)Weg geht, um seine Ziele zu erreichen, wird vom Verband toleriert. Denn "talentfrei" nennt Jonas Schomburg längst niemand mehr.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 08.09.2019 | 22:35 Uhr

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