Scheurich boxt sich durch: Olympia trotz vieler Widerstände?

Stand: 19.04.2021 12:19 Uhr

Quarantäne statt Entscheidungskampf, Kündigung der Sportförderung und Ärger mit dem Verband: Die Schweriner Boxerin Sarah Scheurich kämpft trotzdem weiter um ein Olympia-Ticket - und lässt sich den Mund nicht verbieten.

von Andreas Bellinger und Michael Maske

Sarah Scheurich ist eine erfolgreiche Boxerin in der Nationalmannschaft - womöglich aber nur noch auf Zeit. Vor ein paar Tagen hat die 27-Jährige in einem Telefonat mit der Bundeswehr beiläufig erfahren, dass ihre Anstellung als Sportsoldatin Ende des Jahres ausläuft. Nach acht Jahren, ohne ein persönliches Wort und noch ohne Begründung, mehr aus Zufall und mitten in der Vorbereitung auf die ausstehende Olympia-Qualifikation. Damit endet womöglich auch die Förderung als Kaderathletin des Deutschen Box-Verbandes (DBV), der offenbar ohne die streitbare Faustkämpferin des BC Traktor Schwerin plant.

Berliner Box-Präsident: "Unsportlich vom DBV"

"Ein bisschen habe ich es schon erwartet", sagt Scheurich im Sportclub des NDR. "Ich wusste, dass ich nicht die besten Karten habe. Nicht wegen der Leistung, aber weil ich alles immer offen anspreche." Auch wenn die dreimalige deutsche Meisterin und Europameisterin im Mittelgewicht 2014 damit aneckt. Die Entscheidung des Verbandes hat in der Boxsportszene für Wirbel gesorgt. "Unfassbar, eben noch Kandidatin für die Olympia-Quali, plötzlich über Nacht ausgebootet, da konnte wohl jemand Sportlerkritik nicht vertragen. Sehr unsportlich vom DBV", twitterte beispielsweise Hans-Peter Miesner, Präsident des Berliner Box-Verbandes.

Sportdirektor Müller: Scheurich bestens versorgt

Doch Michael Müller, Sportdirektor des Verbandes, wehrt sich, "kann gar nicht verstehen, was hier künstlich konstruiert wird". Alle vier Jahre würden in einer turnusmäßigen Abstimmung zwischen der Bundeswehr, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Trainerteam des DBV 23 Förderplätze überprüft. "Es wird fachlich entschieden und nicht von oben herab", sagt er dem NDR. Gespräche mit der Sportlerin kämen noch. Eine sportliche Begründung gab auch er nicht.

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Boxerin Sarah Scheurich © imago/Ed Gar

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Ohnehin könne er die Aufregung nicht verstehen, weil Sarah Scheurich so gut versorgt sei, wie niemand jemals im DBV: "Frau Scheurich erhält nach dem 1.1.2022 während fünf Jahren Berufsförderungsdienst 75 Prozent ihres Gehalts. Niemand hat ihr verboten zu boxen. Sie kann sich in aller Ruhe beruflich orientieren, kann jede Ausbildung bezahlen, die sie benötigt."

Sportrechtler: "Monarchische Strukturen"

Sportrechtsanwalt Horst-Peter Strickrodt hat eine andere Sicht. Er postete: "Nach welchen Kriterien entscheidet eigentlich ein Spitzenverband des olympischen Sports, wenn es um Berufung, aber auch Abberufung in/aus einer Sportfördergruppe der Bundeswehr geht?" Im NDR konkretisierte der frühere Sportdirektor des DBV, der seit mehr als 40 Jahren als Aktiver und Funktionsträger im Boxsport tätig ist, seine Kritik: "Ich vergleiche das gerne mit monarchischen Strukturen. Da sitzt ein gewisses Gremium oder gewisse Persönlichkeiten und entscheiden, weil sie genau wissen, wenn die Athletin bei uns nicht boxt, dann boxt sie gar nicht."

Unbequeme, kritische Athletin

Auch Miesner sieht keine sportlichen Gründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben könnten. "Der Verband tut sich keinen Gefallen, wenn er Athlet*innen an die Wand spielt", sagt er. Ist der DBV Scheurich womöglich nur überdrüssig? Klar und kritisch hat sie sich zum Trainingslager in Tirol im vergangenen September geäußert, das in der Corona-Infektion fast des kompletten Olympia-Kaders gipfelte. Die Aktion "Coach don't touch me" gegen sexualisierte Gewalt auch im Boxsport wurde von ihr mitinitiiert. Öffentlich kritisierte Scheurich Chauvinismus und Sexismus im Boxen. "In vielen Trainingshallen", sagt sie, "ist es unmöglich, sich als emanzipierte Frau wohlzufühlen."

Graeff: "Sarah ist ein Exempel"

Womöglich haben einige Verbandsvertreter ein anderes Bild von mündigen Athleten? Ramona Graeff vom Boxring Condor Limburg hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie Scheurich. Laut Müller ist sie "nicht führbar". "Er hat mich eingeschüchtert und somit Druck ausgeübt", sagt die Mathematik-Studentin und deutsche Federgewichts-Meisterin über den Sportdirektor. Leistung habe keine Priorität. Exempel würden statuiert. "So wie auch Sarah ein Exempel ist."

"Wenn man eine Meinung hat und dafür einsteht, folgt letztendlich der Rausschmiss aus der Nationalmannschaft." Ramona Graeff

Unterdessen kämpft Scheurich unverdrossen um ihren Traum von den ersten Olympischen Spielen. Allen Hindernissen zum Trotz. Oder dem jüngst in Belfast abgesagten Entscheidungskampf gegen Christina Hammer, weil das Schweriner Team wegen eines positiven Corona-Tests in Quarantäne musste. Training im Hotelzimmer statt Ausscheidung im Ring gegen die frühere Profiboxerin, die wegen Olympia zurück zu den Amateuren gewechselt ist, was seit 2016 regelkonform ist.

Entscheidungskampf für 24. April geplant

"Wenn ich gegen Christina verliere, habe ich es auch nicht verdient, zu Olympia zu fahren", sagt Scheurich. "Aber ich will, dass wir beide die gleich faire Chance haben." Dass sie noch immer nicht weiß, ob und wann der Kampf in Schwerin nachgeholt wird, begründet Müller mit Schwierigkeiten in der Corona-Pandemie: "Am Montag erfährt sie ganz offiziell, dass der Kampf am 24. April geplant ist."

Abgeschrieben und bald ausgebootet. Für Scheurich ist es eine zusätzliche Motivation: "Ich lasse mir meinen Traum nicht kaputtmachen. Schon gar nicht auf diese Art und Weise", sagt sie. Sie sei trotz aller Nebengeräusche froh, dass sie ihren Weg gegangen sei, "auch wenn es jetzt vielleicht mein sportliches Ende bedeutet - unabhängig von meiner Leistung".

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Sarah Scheurich © imago images/Norbert Schmidt

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 18.04.2021 | 22:50 Uhr

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