Ein Tierarzt untersucht ein Pferd. © Imago Images

Pferde-Herpes: "Reiter helfen Reitern" in Valencia

Stand: 10.03.2021 13:00 Uhr

Mit der kurzfristig gegründeten Initiative "Reiter helfen Reitern" haben deutsche Trainer, Züchter und Reiter ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und eine Hilfsaktion in Valencia gestartet. Dort war es vor gut zwei Wochen zu einem Ausbruch der gefährlichen Herpes-Variante EHV-1 gekommen.

von Bettina Lenner und Sandra Maahn

"Wir haben alles in die Wege geleitet, damit überhaupt etwas passiert, weil die Veranstalter unwissend sind und keine professionellen Pferdeleute", sagte Mike Patrick Leichle dem NDR. Der Reiter und Turnierstallbetreiber aus Schnarup-Thumby in Schleswig-Holstein, der aktuell in Valencia ist und selbst ein Pferd in Spanien verloren hat, hofft nun auf das Überleben der elf verbliebenen Tiere: "Wir haben aus unserem Team drei Pferde in der Klinik. Darunter ein junges, erfolgreiches Pferd, das wir selbst gezogen haben. Dem geht es nicht so gut, sie ist sehr wackelig. Das ist sehr traurig und nimmt einen mit."

Mittlerweile elf tote Pferde

Die Zahl der toten Pferde ist mittlerweile auf elf gestiegen, nach Angaben des Weltverbandes FEI vom Mittwoch musste ein weiteres Tier in einer Klinik der spanischen Stadt eingeschläfert werden. Zur Herkunft des Pferdes machte die FEI keine Angaben. In sieben europäischen Ländern gibt es inzwischen nachgewiesene Fälle der Virus-Variante EHV-1. Dazu gehört neben Spanien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien, Schweden jetzt auch die Schweiz. In Valencia würde sich die Lage aber insgesamt entspannen, nehme die Zahl der Tiere mit Symptomen ab, sagte Leichle.

Hoffnung macht zudem, dass es für die auf der Turnieranlage verbliebenen 160 Pferde nun endlich professionelle Quarantäneställe gibt - noch bis vor zwei Tagen konnten sie nicht separiert werden. "Die Pferde sind so lange in einem Zelt geblieben, dass es zu einer Massendurchseuchung gekommen ist", erläuterte Leichle. "Hätte der Veranstalter gleich bei den ersten drei, vier Fällen einen Quarantänestall gebaut, dann wäre es nicht so schlimm geworden", ergänzte Hilmar Meyer, der Anfang Februar wie Leichle und ein knappes Dutzend deutscher Reiter zur mehrwöchigen Spring Tour nach Valencia gefahren war.

Schutzkleidung und Medikamente aus Deutschland

Mittlerweile treffen Sattelschlepper mit Heu, Stroh, Möhren, Desinfektionsmitteln, Schutzkleidung, Schnelltests und Medikamenten aus Deutschland ein. Ein Segen, wie Meyer berichtet. Zwei Pferde des Niedersachsen, der in Thedinghausen einen Handels- und Ausbildungsstall betreibt, sind bislang in Valencia gestorben. "Ohne die Hilfe und die Unterstützung von Tierärzten, die wir auf Eigeninitiative aus Deutschland hergeholt haben, wüssten wir nicht, wie es jetzt hier wäre", sagte er im Skype-Gespräch mit dem NDR.

VIDEO: Pferdesport-Experte Milkau: "Es sind schwerwiegende Fehler passiert" (6 Min)

Milkau: "Mit einfachen Dingen hätte man es lösen können"

"Wir haben schon viel geschafft. Das ist ein riesengroßes Team, ein Zusammenschluss von Überzeugungstätern, die Soforthilfe leisten wollen", sagte Axel Milkau, Mitbegründer von "Reiter helfen Reitern". Der Turnierchef des internationalen Hallenreitturniers Braunschweig Classico, das wegen der Corona-Pandemie für 2021 abgesagt worden ist, erneuerte seine Vorwürfe gegen den überforderten Veranstalter, der tagelang nicht auf die Bedrohung durch das Herpes-Virus reagiert hatte: "Warum habt ihr es zu einem Flächenbrand kommen lassen? Mit einfachen Dingen hätte man es lösen können."

FEI will Umstände des Ausbruchs untersuchen

FEI-Generalsekretärin Sabrina Ibanez hatte zuletzt betont, dass die Umstände des Ausbruchs in Valencia untersucht werden sollen. "Die FEI sollte sich darum kümmern, dass es in Zukunft keine Massentierhaltung in Zelten mehr gibt", sagte Leichle. Meyer fordert perspektivisch, dass nur noch herpesgeimpfte Pferde an Turnieren teilnehmen sollten.

"Es sind schwerwiegende Fehler passiert, die dürfen wir unseren Reitern nicht zumuten. Da muss jede Menge aufgearbeitet werden." Axel Milkau

Doch war es überhaupt klug, Reiter in Corona-Zeiten nach Spanien zu entsenden? Milkau wiegelt ab: "Wenn man die gesetzliche Freiheit hat, einen Beruf ausüben zu können, darf man diese auch nutzen", sagte er. "Der Ball läuft von oben nach unten. Ohne Spitzensport würde es im Land, in den Vereinen, in den Regionen keine Förderung geben. Das hängt alles zusammen." Er sei zudem überzeugt gewesen, "dass es richtig ist, den Pferden eine Chance zu geben, sich auf große Aufgaben wie Tokio vorzubereiten". In Japan sollen im Sommer die Olympischen Spiele stattfinden.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 07.03.2021 | 22:50 Uhr

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