Pferde-Herpes: Janne Meyer leidet mit und sorgt sich um den Reitsport

Stand: 08.03.2021 20:33 Uhr

Pferde, die zusammensinken und teilweise nur mit Kränen wieder aufgerichtet werden können - Janne Friederike Meyer-Zimmermann ist erschüttert von den Bildern aus Spanien, wo das gefährliche Herpes-Virus EHV-1 ausgebrochen ist, und hofft auf eine Perspektive durch Impfen.

von Bettina Lenner

"Das ist eine schlimme Situation. Die Bilder sind schrecklich", sagte die Weltklasse-Springreiterin aus Hamburg dem NDR: "Wir hatten Pferde-Herpes schon immer, aber diese Mutation ist schon sehr beängstigend." Auf zehn ist die Zahl der toten Pferde nach der Infektion mit dem aggressiven Herpes-Virus EHV-1, das zuerst beim Reitturnier in Valencia im Februar entdeckt worden war, nach Angaben der FEI inzwischen gestiegen. Der Weltverband berichtet zudem von einer "sehr großen Anzahl von schweren klinischen Fällen".

Laut Teilnehmern der Turnierserie in Valencia gibt es sogar noch mehr Todesfälle. Auch die Zahl der europäischen Länder mit nachgewiesenen Fällen der Virusvariante EHV-1 ist gewachsen. In Europa ist nach Spanien, Deutschland, Belgien, Frankreich und Schweden nun auch Italien betroffen. Laut FEI gibt es einen Fall in Mailand.

Weltmeisterin Blum: "Bete für die Pferde"

Aktuell reisen einige von Deutschlands besten Reitern nach Hause in eine mehrwöchige Zwangspause, begleitet von der Angst um ihre Pferde. Nach dem Ende der ersten Global-Champions-League-Station in Doha und dem Abbruch der Sunshine Tour der Springreiter in Vejer de la Frontera, wo ein zweites Pferd Herpes-Symptome gezeigt hatte, müssen ihre Vierbeiner in Quarantäne. "Ich bete für unsere und alle anderen Pferde, dass sie von dem Virus verschont bleiben", schrieb Weltmeisterin Simone Blum bei Instagram. Die 31-Jährige aus dem bayerischen Zolling hofft, dass nach der Quarantäne "wir alle wieder zu etwas mehr Normalität zurückkehren können".

"Als wäre Corona nicht schon schlimm genug, warum musste denn jetzt auch noch ein Herpesvirus-Ausbruch dazukommen?" Weltmeisterin Simone Blum

"Reitsport steckt in einer Krise"

Aber was ist schon Normalität in Zeiten einer Corona-Pandemie - und nun auch noch eines Herpesvirus-Ausbruchs? Auf Janne Meyers Hof Waterkant im Pinneberger Ortsteil Waldenau scheint es sie zu geben, 40 Pferde stehen gesund, munter und geimpft in ihren Boxen. Doch die 40-Jährige, die sich bereits im Januar in Spanien aufgehalten hatte, um mit Blick auf Olympia möglichst früh in die Freiluft-Saison starten zu können, leidet mit den Kollegen und deren Tieren und überhaupt mit ihrer gesamten Branche: "Ich glaube, dass generell der Reitsport in einer Krise steckt. Das betrifft die Betriebe, die Reitschulen, und auch die Veranstalter sind jetzt seit vielen Monaten sehr gebeutelt."

"Enorme Verbesserung" durch Impfpflicht

Mindestens bis zum 28. März gibt es in zehn europäischen Ländern ein Turnierverbot, darunter in Deutschland. Meyer sieht vor allem einen Weg aus der Misere: "Ich glaube, dass es eine enorme Verbesserung bringen würde, wenn man zunächst nur geimpfte Pferde zu Turnieren zulässt und vielleicht sogar langfristig gesehen global alle Pferde eine Impfpflicht haben." Der Dachverband Deutscher Galopp hat als Reaktion auf den Herpes-Ausbruch in Valencia bereits eine Impfpflicht für alle Pferde eingeführt. Nicht geimpfte Tiere dürfen nicht starten.

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Olympia-Teilnahme in Tokio steht in den Sternen

"Es ist schon schwierig, das umzusetzen, das muss man klar sagen. Wir sind ein kleiner Privatstall, wir sind im Vorteil. Aber Impfungen sind wohl eine gute Möglichkeit, überhaupt wieder in den Sport zu kommen", so Meyer, die sich im vergangenen Jahr dank ihres zweiten Standbeins, des Züchtens und Verkaufens von Pferden, über Wasser halten konnte. Dennoch hat auch sie die Corona-Krise hart getroffen. "Es gab zwar ein paar kleinere Veranstaltungen, aber dort ging es nicht um Geld, sondern darum, das im Training Erlernte unter Wettkampfbedingungen abzurufen", sagte sie dem "Hamburger Abendblatt".

Ob die Springreiterin ihr sportliches Ziel, die zweite Olympia-Teilnahme nach London 2012, in diesem Jahr erreichen kann, steht aus vielen Gründen in den Sternen. Anfang April stünde für sie eigentlich das Weltcup-Finale in Göteborg auf dem Programm. Die Konkurrenz ist groß und Meyer müsste sich mit Minimax beweisen können, um in Tokio zum Zug zu kommen. Nur wann und wo gibt es die Gelegenheit dazu? "Hamburg und Aachen sind verschoben, das heißt, wir haben in Deutschland keine Fünf-Sterne-Veranstaltung, bevor es zu den Olympischen Spielen gehen könnte", sagte sie: "Es wird eine große und sehr schwierige Aufgabe für den Bundestrainer, die richtigen Paare zu finden."

Auch der Bundestrainer muss abwarten

Tatsächlich werden die ohnehin komplizierten Olympia-Planungen für den Bundestrainer Springreiten nun durch den Herpes-Ausbruch und seine Folgen weiter erschwert. "Die Idee war ja, dass man die Pferde jetzt auf diesen Touren im Süden sehen kann. Wie sie in Form sind oder auch, ob neue Pferde kommen, die dort Wettkampfpraxis sammeln können. All das fällt jetzt weg", erläuterte Otto Becker im Gespräch mit dem NDR. "Eine vernünftige Planung, wie wir sie gerne hätten, kann im Moment nicht stattfinden. Wir warten jetzt einfach ab, was wann passiert." Auch Meyer bleibt nur, sich in Geduld zu üben: "Ich hoffe, dass wir es trotz dieser schwierigen Situation schaffen, den Sport wieder in Gang zu bekommen."

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Sportclub | 07.03.2021 | 22:50 Uhr

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