Stand: 12.12.2019 12:07 Uhr

Mit dem Ruderboot: Von Hamburg ins Atlantik-Abenteuer

von Florian Neuhauss, NDR.de
Die Hamburger Ruderinnen in ihrem Boot auf der Außenalster.

Vier Hamburgerinnen haben sich in den Kopf gesetzt, mit dem Ruderboot den Atlantik zu überqueren. Die Hobbyruderinnen haben heute die "Atlantic Challenge", das als das härteste Ruderrennen der Welt gilt, in Angriff genommen. Ein großes Abenteuer, das aber auch jede Menge Gefahren birgt.

Die Wellen werden immer stärker, und die Kräfte schwinden. Die vier Hamburger Ruderinnen kämpfen sich seit mehreren Stunden durch den Ärmelkanal. Während sich oben zwei Frauen in die Riemen legen, sollen sich die beiden anderen unter dem Ruderdeck ausruhen. Doch irgendwann geht es nicht mehr voran. Ende. Aus. "Wir mussten eingestehen, dass das Wetter - obwohl der Sturm noch gar nicht da war - für uns zu stark ist", berichtete Meike Ramuschkat, die sich ob des Wellengangs übergab, aber zunächst auf die Zähne biss. Nach 18 Stunden kehrte das Boot dann doch ins englische Burnham-on-Crouch zurück. "Wir haben es nicht mehr gegen den Wind und die Strömung geschafft", sagte Stefanie Kluge. "Wir wären nicht angekommen."

Doch das Team "RowHHome" ließ sich von dem Rückschlag nicht umwerfen - und hielt an seinem Ziel fest. Heute haben Ramuschkat und ihre beste Freundin Catharina Streit sowie Kluge und ihre Tochter Timna als erstes deutsches Frauenteam überhaupt die "Atlantic Challenge" in Angriff genommen. Mit ihrem Boot "Doris", das acht Meter lang und eine Tonne schwer ist, über 5.000 Kilometer (2.700 Seemeilen) von der kanarischen Insel La Gomera in die Karibik nach Antigua.

Als blutige Anfänger ins Abenteuer gestürzt

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Die Ruderinnen Catharina Streit (v.l.), Meike Ramuschkat, Timna Kluge und Stefanie Kluge.

Die 33-jährige Streit hatte im vergangenen Jahr die Idee und musste bei der gleichaltrigen Ramuschkat nicht lange Überzeugungsarbeit leisten. Gemeinsam hatten die beiden Frauen schon den Kilimandscharo bezwungen. Doch die Atlantiküberquerung war noch mal eine ganz andere Herausforderung, zumal sie bis dahin mit Rudern eigentlich gar nichts am Hut hatten. Deshalb belegten sie in Hamburg erst mal einen Anfängerkurs. Über das Rudern lernten sie dann auch die Kluges (51 und 26 Jahre) kennen. Und so bereiteten sich wenig später die Leiterin der Qualitätssicherung in einer Kaffeerösterei, eine Kardiologin, eine Pharmazeutisch-technische Assistentin und eine Medizintechnikerin gemeinsam auf das wohl größte Abenteuer ihres Lebens vor.

"16 Jahre lang habe ich Schulbrote geschmiert, dann kam das Projekt, und ich habe gesagt: Das ist doch eigentlich cool!", erinnerte sich die vierfache Mutter Kluge. Ihre Tochter sagte: "Es war schon krass, auf einmal mein Leben für das komplette nächste Jahr zu planen."

Schon als Challenge-Zuschauer "Gänsehaut pur"

Vor dem Quartett lag viel harte Arbeit. Einen ersten Eindruck davon, worauf sie sich eingelassen hatten, bekamen die Frauen, als sie sich 2018 auf La Gomera ein eigenes Bild machten. "Man kommt sich nicht mehr so irre vor, wenn man die anderen Leute trifft und die mit einem normal darüber sprechen", stellte Streich fest, erkannte bei einer Motorboot-Tour durch die Bucht aber auch: "Hier draußen ist es deutlich welliger. Da bekommt man schon mal ein Gefühl dafür, wie es auf dem Atlantik sein kann." Schon als die anderen Crews dann das Rennen in Angriff nahmen, hatten die Hamburgerinnen "Gänsehaut pur" und konnten erste "kleine Panikattacken" erahnen, die ihnen beim eigenen Startschuss bevorstehen würden.

Training mit einem Ruderweltmeister

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Ruderboot "Doris" in heimischen Gewässern neben einem Alsterdampfer.

Sechs Einheiten pro Woche standen auf dem Trainingsplan. Auf der Außenalster, aber vor allem auf dem Ruderergometer. Christian Dahlke, der 2003 Weltmeister im Leichtgewichtsachter geworden ist, betreute die Frauen in Hamburg. Sie absolvierten zudem unter anderem ein Überlebenstraining "Sea Rescue & Survival at Sea" und arbeiteten mit der Sportpsychologin und Mentaltrainerin Anett Szigeti zusammen, die schon Laura Ludwig und Kira Walkenhorst auf ihrem Weg zur Olympia-Goldmedaille im Beachvolleyball begleitet hatte.

Den Rückschlag auf dem Ärmelkanal musste das Ruderteam auch psychisch verarbeiten. Vor allem aber wurde das Trainingspensum noch einmal erhöht, um Beine und Rücken weiter zu stärken und so mit langen kräftigen Ruderschlägen den Wellen auf dem Atlantik gewachsen zu sein. "Doris" wurde derweil in England für die Challenge flott gemacht, mit der überlebenswichtigen Meerwasser-Entsalzungsanlage und einer Solaranlage ausgestattet - und schließlich nach La Gomera verschifft.

Ruderboot "Doris" gilt als unsinkbar

Doch trotz einer durchdachten Vorbereitung stehen die Vier vor einer Reise ins Ungewisse. "Die Ängste, die man dann erlebt, kann man sich vorher nicht so richtig vorstellen", sagte Ramuschkat. 50 Tage auf hoher See. Bis zu zehn Meter hohe Wellen, heftige Stürme und die sengende Sonne mit bis zu 40 Grad Celsius warten auf die insgesamt 35 startenden Boote und die Crew von "RowHHome". Stefanie Kluge betonte: "Wir sind uns sehr bewusst, dass wir ein großes Abenteuer vor uns haben. Aber alle wollen dieses Abenteuer so sicher wie möglich gestalten." Sie selbst haben sich mittlerweile den Namen "Wellenbrecherinnen" gegeben - und auf "Doris" sollte Verlass sein: Das Boot gilt als unsinkbar.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 06.12.2019 | 20:00 Uhr