Mein 2020: Edina Müller und der verschobene Traum

Stand: 26.12.2020 10:00 Uhr

2020 sollte noch einmal ein großes Sportjahr für Edina Müller werden. Die Para-Kanutin hatte sich nach ihrer Schwangerschaft stark zurückgemeldet und bei den Paralympics sehr gute Medaillenchancen. Doch dann kam Corona.

von Florian Neuhauss, Ben Wozny und Ole Zeisler

"Die Absage der Olympischen und Paralympischen Spiele war erst mal ein Knaller", sagte die 37-Jährige dem NDR. "In meinem Kopf war es eigentlich so, dass man die Spiele nicht verschieben kann. Für mich waren sie schon fast etwas von Gott Gegebenes. Die Absage hat meine Welt erschüttert."

Nach dem langem Hin und Her ("Ich hätte mir mehr Transparenz gewünscht") stand die Ausnahme-Athletin vor großer Ungewissheit. Mit dem Arbeitgeber - das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg hatte ihr große Freiheiten eingeräumt - und ihren Sponsoren war alles genau besprochen; eben bis zu den Spielen in Tokio 2020. Danach wollte sich Müller, die im Jahr zuvor Mutter geworden war, auf Beruf und Familie konzentrieren. Und nun?

Seit dem 17. Lebensjahr querschnittsgelähmt

Rückblende: Mit 16 Jahren spielte die gebürtige Rheinländerin noch begeistert Volleyball. Wegen anhaltender Rückenprobleme musste sie zum Arzt, um eingerenkt werden. Doch dabei lief einiges schief, sie sitzt seitdem im Rollstuhl.

Mit beeindruckendem Elan kämpfte sich Müller zurück ins Leben. Der Rollstuhlbasketball wurde zum großen Antrieb. Mit der Nationalmannschaft gewann sie fast alles, was es zu gewinnen gibt - inklusive der Goldmedaille bei den Paralympics 2012 in London.

Doch 2014 zog die Diplom-Rehabilitationspädagogin überraschend einen Schlussstrich - und fand mit dem Kanusport eine neue Passion. Ihr Feuereifer führte sie erneut in die Weltspitze, sie wurde Europa- und Weltmeisterin, knackte den Weltrekord und verpasste bei den Paralympics in Rio denkbar knapp die Goldmedaille.

Familienglück und neue Prioritäten

Es war fast schon logisch, dass sie sich mit Silber nicht zufriedengab - und für die Spiele im Tokio 2020 einen neuen Anlauf plante. Doch schnell wurde die Familie wichtiger und Müller 2018 schwanger: "Das Kind ist für mich ein absolutes Wunschkind und hat bei allem Priorität." Wenn es irgendwelche Probleme gegeben hätte, "hätte ich eben nicht weitergemacht, sondern meine sportliche Karriere beendet".

Doch Probleme gab es nicht. Erst die "super Schwangerschaft", dann die schnelle Regeneration: "Ich habe in der Schwangerschaft sieben Kilo zugenommen. Die waren nach der Geburt quasi wieder weg. Und ich konnte ganz früh wieder starten."

"Solange der Kleine in meiner Nähe ist und es ihm gut geht, kann ich mich ganz auf den Sport konzentrieren. Sonst könnte ich das nicht." Para-Kanutin Edina Müller

Ihr Heimtrainer und der Bundestrainer gaben ihr Einverständnis, dass Müller ihren Sohn zu allen Trainingseinheiten, Wettkämpfen und sogar ins Trainingslager mitbringen durfte. Ihr Lebensgefährte und ihre Mutter kümmerten sich um das Kind, wenn sie auf dem Wasser war oder im Kraftraum trainierte.

Fünf Monate nach der Geburt Vizeweltmeisterin

Eigentlich sollte der Rest des Jahres 2019 dazu dienen, wieder in Form zu kommen. Für das Erreichen der Paralympics-Norm wäre ja auch 2020 noch genug Zeit gewesen. Aber ihr Körper benötigte keine Pause. Kurz vor der Weltmeisterschaft im August "bin ich noch mal richtig explodiert", schildert Müller. "Ich bin Vizeweltmeisterin geworden, das war der Wahnsinn! Das hatte vorher keiner erwartet, auch ich nicht."

Die Paralympics konnten kommen - doch stattdessen kam Corona. An Sport war für die Para-Kanutin zunächst nicht zu denken, erst deutlich später gab es eine Sondergenehmigung, um überhaupt trainieren zu können. Sie schwankte zwischen "Motivationslöchern und totaler Ratlosigkeit".

ParalymNIX zu Hause statt Paralympics in Tokio

Doch nicht nur der neue Termin für die Paralympics in Tokio (24. August bis 5. September 2021) gaben neuen Antrieb: "Wir haben noch ein Haus gekauft, entkernt, renoviert. Jetzt haben wir zum Glück auch einen Garten. Das ist in der Corona-Zeit goldwert. Wir hatten einfach genug zu tun, um uns abzulenken und nicht so sehr in ein Corona-Tief zu fallen."

Außerdem halfen sich die deutschen Para-Sportlerinnen und -Sportler gegenseitig durch die Krise. Statt der Paralympics standen die ParalymNIX auf dem Programm. Viele absolvierten an dem Tag, an dem es für sie eigentlich in Tokio um eine Medaille gegangen wäre, in der Heimat ihren Wettkampf und stellten davon ein Video ins Netz. "Ich bin durch die 200 Meter geflogen und habe das Ding geholt", sagt Müller lachend. "Wir hatten ein kleines Podest gebaut und da haben wir dann zu Hause auch eine Siegerehrung gemacht."

Tokio? "So geplant, dass das klappen kann"

Rückblickend bezeichnet sie 2020 als eines der "anstrengendsten Jahre meiner Sportlerkarriere". Die Ungewissheit um die Spiele in Tokio habe auch psychisch sehr viel Kraft gekostet.

Mittlerweile ist das klare Ziel, im zweiten Anlauf bei den Paralympics zu starten. Sie arbeitet zwar nach dem Ende ihrer Elternzeit seit November wieder. Das Krankenhaus stellt sie allerdings erneut für das Training und die Wettkämpfe frei. Auch die Sponsoren sind geblieben. "Ich habe das jetzt wieder so geplant, dass das klappen kann", betont Müller. "Wie das ich hinbekomme und wie das nächste Jahr wird, werde ich sehen. Aber ich werde es versuchen, das ist mein Plan.

Rückblicke

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 20.12.2020 | 23:35 Uhr

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