Stand: 07.09.2020 16:02 Uhr

Kieler Woche: Beucke will sich für Olympia qualifizieren

Mit Spannung wird das Duell der beiden 49er FX-Crews auf der Kieler Woche erwartet: Denn das Ergebnis entscheidet darüber, welches Team sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert. Susann Beucke und Tina Lutz (Kiel/München) starten mit 12 Punkten Vorsprung auf die Titelverteidiger Vicky Jurczok und Anika Lorenz (Berlin). Eigentlich sollte die Olympia-Qualifikation bereits im März auf Mallorca entschieden werden. Doch dann kam die Corona-Pandemie.

Susann Beucke, im Winter waren sie verletzt, dann kam Corona und seit acht Monaten sind Sie keinen Wettkampf mehr gesegelt. Wie haben Sie die Monate seit der abgesagten Regatta von Mallorca erlebt?

Die 49erFX-Seglerin Susann Beucke (Hannoverscher Yacht Club) schaut vor dem Regattastart in die Kamera. © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter
Die Kielerin Susann Beucke kann es kaum erwarten, am Donnerstag bei der Kieler-Woche-Regatta zu starten.

Susann Beucke: Corona war auf jeden Fall schwierig. Kurz vor der wichtigsten Regatta unseres Lebens ging alles komplett auf Null. Das war ein tiefer Fall und es war schwer, das zu verkraften. Aber auf der anderen Seite waren wir beide sehr geschafft vom Winter. Wir haben dann erst mal gar nichts gemacht und auch kein Boot betreten. Wir waren nicht traurig, dass wir nicht aufs Wasser durften, aber es war ein Schlag ins Gesicht, dass wir von Hundert auf Null gestoppt wurden. Dann haben wir die Zeit gut genutzt: Tina hat viel für ihr Studium gemacht. Ich hatte leider im Herbst mein Studium abgebrochen, wegen Tokio. Ich habe mich aber auch anderen Projekten gewidmet - meinen Van ausgebaut, Windsurfen gelernt und viel am Boot gearbeitet. Also unser Boot ist tipptopp.

Und wie hat sich die lange Wettkampfpause auf Training und Motivation ausgewirkt?

Beucke: Bei den ersten Trainingseinheiten habe ich gemerkt, dass ich wie eingerostet war auf dem Boot. Jetzt ist das natürlich nicht mehr so. Die ersten Einheiten waren super schwer, weil wir da noch gar nicht wussten, wann der nächste Wettkampf sein wird. Außerdem durfte unser Trainer, der aus Großbritannien kommt, nicht hierher reisen. Das heißt, wir mussten alleine trainieren. Und dass man sich dann alleine coacht, alleine segelt - weil wir auch keine internationalen Trainingspartner hatten wie sonst - und dann noch nicht mal weiß, wann der nächste Wettkampf ist, dadurch hatten wir täglich Motivationsschwierigkeiten. Das war aber trotzdem eine interessante Zeit. Denn sie hat gezeigt, wie schwer es ist, etwas zu machen, wenn man keine Motivation hat. Und sich dann zusammenzureißen, das hat mir viel Disziplin abverlangt. Jetzt ist unser Trainer wieder hier, hat die Zügel in der Hand und sagt jeden Tag, was wir machen sollen. Ich möchte die Zeit aber nicht missen, weil wir viele Sachen auf dem Boot ausprobiert haben, die wir sonst nie gemacht hätten.

Jetzt zählt die Kieler Woche sogar als Olympia-Qualifikation für Tokio. Wie froh sind Sie, dass die Kieler Woche stattfindet?

Beucke: Ich bin mega froh, denn seit sechs Wochen haben wir endlich wieder ein Trainingsziel. Damit ist das Training so viel produktiver, und wir erlangen eine Planungssicherheit. Es ist schon entscheidend zu wissen, ob man bis nächsten August segelt oder anderen Projekten nachgehen kann. Diese Ungewissheit, wie das nächste Jahr aussehen könnte, ist schon sehr hinderlich. Von daher freuen wir uns sehr, dass die Kieler Woche das so durchzieht. Das ist ja schon auch ein Risiko, denke ich, aber für uns richtig cool.

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Start der 49erFX-Klasse bei der Kieler Woche. © www.segel-bilder.de Foto: www.segel-bilder.de

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Kiel ist Ihr Heimatrevier. Sehen Sie es als einen Vorteil, dass die dritte Qualifikations-Regatta jetzt hier stattfindet?

Beucke: Segeln ist ein Sport, der sehr unvorhersehbar ist, weil wir sehr vom Wetter abhängig sind. Von daher ist es immer doof, von Heimvorteil zu sprechen, weil das Wetter so eine unbeherrschbare Komponente ist. Aber es ist trotzdem total cool. Meine Familie ist hier, wir sind hier schon sehr oft eine Regatta gesegelt, wir haben unsere Routinen hier - und wir wissen, wie wir uns vom Segeln ablenken können. Dann machen wir etwas mit meiner Familie. Wir haben hier ein Setup, von dem wir wissen, dass es funktioniert. Und das ist definitiv ein Vorteil.

Aufgrund von Corona gibt es in diesem Jahr strenge Auflagen. Was ist anders als sonst in Schilksee?

Beucke: Also wir müssen zum Beispiel beim Rein- und Rauslassen der Boote Masken tragen, und auch auf dem Hafengebiet selbst. Und was super verwirrend ist: Schilksee ist durch ganz viele Zäune abgesperrt. Ich brauche sehr viel mehr Zeit für alle Wege, denn über den normalen Weg kommt man zum Beispiel nicht zur Umkleidekabine. Am Samstag war ich bei der Eröffnung der Kieler Woche dabei und bin zuerst gar nicht zum Hafenmeisterhäuschen gekommen, weil überall Absperrzäune waren.

Wie empfinden Sie die Stimmung in Schilksee?

Beucke: Mein Eindruck von Samstag ist, dass es sehr ruhig ist. Alle haben Masken auf und es ist sehr unpersönlich. Sehr coronamäßig.

Und wie ist Ihre persönliche Gemütslage?

Beucke: Ich bin sehr dankbar, dass diese Regatta jetzt stattfindet. Egal wie doof das ist mit den Regularien, egal wie gut die Konkurrenz ist - uns ist das alles egal, denn wir wollen einfach nur die Regatta segeln und die Olympia-Qualifikation abhaken.

Tina Lutz (r) und Susann Beucke in der 49erFX-Klasse bei einer Wettfahrt im Rahmen der Kieler Woche. © picture alliance/dpa Foto: Frank Molter
Die Kielerin Susann Beucke (l.) und Tina Lutz wollen das Olympia-Ticket für Tokio lösen.

Nach 2012 im 470er und dann 2016 im 49er FX - beide Male hat es nicht geklappt mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele - nehmen Sie nun zum dritten Mal Anlauf für die Olympia-Qualifikation. Wie hoch ist der Druck?

Beucke: Ich denke nicht darüber nach, dass es der dritte Versuch ist. Ich weiß, warum es die beiden Male nicht geklappt hat. Jede Olympiakampagne hat ihre eigene Charakteristik, und ich weiß dieses Mal einfach, dass wir auf alle Eventualitäten super gut vorbereitet sind. Wir haben alles reingegeben, was wir reingeben konnten - an Herzblut und an finanziellen Mitteln, an Zeit und an Hingabe. Das nimmt den Druck. Ich weiß, wir müssen nur das abspulen, was wir jeden Tag abspulen, und dann klappt das schon. Nervös bin ich auch nicht. Das glauben mir immer alle nicht. Aber ich weiß, was ich da draußen machen muss, zu jeder Zeit. Es wird mich da draußen nichts Unerwartetes erwarten.

Haben Sie schon einen Plan, wie es nach der Kieler Woche weitergeht?

Beucke: Nein. Also vielleicht fahren wir die Europameisterschaft in Österreich, die ist zwei Wochen nach der Kieler Woche. Und dann machen wir einen kompletten Reset und besprechen alles neu, wie es weiter geht. Daran hängen viele persönliche und berufliche Entscheidungen - wie die Olympia-Vorbereitung und die Frage, ob ich nochmal anfange zu studieren.

Das Interview führte Frauke Hain.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 06.09.2020 | 17:30 Uhr

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