Stand: 11.05.2020 09:00 Uhr

Jürgen Schult: Weltrekordler mit Makel

von Johannes Freytag, NDR.de
Jürgen Schult am 6. Juni 1986 in Neubrandenburg.

74,08 Meter - weiter als Jürgen Schult am 6. Juni 1986 in Neubrandenburg hat bis heute keiner die Diskusscheibe geworfen. Doch dem ältesten Männer-Weltrekord der Leichtathletik haftet ein Makel an. "Seit Jahren wird die Weite so zerrissen, dass ich keine Lust mehr habe, darüber zu reden", sagt Schult. Der 60-Jährige ärgert sich darüber, dass seine damalige Leistung heute vor allem auf Doping zurückgeführt wird: "Wenn man die Weltrekord-Listen löschen möchte, bin ich dabei. Aber wo soll man da anfangen?"

Doping-Enthüllungen

In den Doping-Enthüllungen der Heidelberger Brigitte Berendonk und Werner Franke ist nachzulesen, dass Schult im Zuge des DDR-Staatsdopings von 1981 bis 1984 hohe Dosen Oral-Turinabol erhielt - unter welchen Umständen, ist nicht bekannt. Schult selbst hat stets bestritten, anabole Steroide benutzt zu haben. Die Aussagen stehen jedoch im krassen Widerspruch zu den Erklärungen seiner einstigen Teamkollegen vom SC Traktor Schwerin, die die Einnahme von Anabolika bestätigten.

Rekord war "eine Art Glückswurf"

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Die Tafel zeigt es an: 74.08 Meter - Weltrekord!

Seinen Fabelwurf von 1986 bezeichnet er als "eine Art Glückswurf, bei dem alles passte". Um satte 2,22 Meter verbesserte Schult damals den Rekord des Russen Juri Dumtschew. Eine Windböe habe den Diskus erfasst, der gar nicht mehr landen wollte. Mit Doping habe das also gar nicht zu tun gehabt. "Diese 74,08 Meter lagen eigentlich völlig außerhalb meiner Reichweite, mein Leistungsvermögen lag damals vielleicht bei 67, 68 Meter", sagt Schult.

Andere Werfer nach ihm wie Lars Riedel, Rolf Danneberg, die Harting-Brüder Robert und Christoph, Gerd Kanter (Estland) oder Virgilijus Alekna (Litauen) hätten "dieses Glück", diesen einen Moment, eben nicht gehabt.

Letzter Olympiasieger der DDR

Dem großen Wurf folgte Wochen später die große Pleite. Schult wurde nur Siebter bei den Europameisterschaften 1986 in Stuttgart. Doch danach sammelte er Medaillen. Neun Mal gab es Edelmetall für die DDR und die Bundesrepublik bei Olympia (Gold und Silber), der WM (Gold, Silber, zweimal Bronze) sowie der EM (Gold, Silber, Bronze). 1988 in Seoul wurde er letzter Olympiasieger der DDR.

"Zu 99 Prozent bin ich mit meiner Karriere zufrieden. Ich hatte mir hohe Ziele gesteckt und habe alles gewonnen, natürlich war der Olympiasieg 1988 dabei das Größte", sagte Schult, der nach seiner aktiven Karriere auch als Bundestrainer Wurf/Stoß für den deutschen Leichtathletikverband arbeitete.

Geburtstagsfeier im kleinen Kreis

Seinen 60. Geburtstag am 11. Mai 2020 feierte Schult corona-bedingt im kleinen Kreis: Eigentlich hatte er gemeinsam mit seiner Frau, die 50 wird, ein Doppel-Fest geplant. "Wir möchten aber nicht mit Masken feiern und Angst vor Nähe haben müssen. Jetzt wird es eben eine kleine Familien-Feier. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir holen das nach", sagt er.

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Sport aktuell | 11.05.2020 | 09:25 Uhr