Stand: 27.04.2018 14:36 Uhr

Ich laufe Marathon - und bin nicht verrückt

"Endlich wieder Marathon", sagen die Marathon-Läuferinnen und -Läufer. "Marathon? Seid Ihr verrückt?", sagen beziehungsweise fragen die anderen. Zu erleben sind beide Lager am Wochenende in Hamburg. Die einen werden schwitzen wie verrückt, die anderen den Kopf schütteln. Warum tut die Marathonis sich das nur an?

Eine Glosse von Albrecht Breitschuh, NDR 2

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Am Marathon scheiden sich die Geister: Für die einen ist er die größte Lust, für andere pure Zeit- und Kraftverschwendung.

Am Montagmorgen war er gekommen, der Moment der Wahrheit: Sofort nach dem Aufstehen ab ins Bad, auf die Waage. Zwölf Wochen mehr oder weniger intensiver Marathon-Vorbereitung liegen hinter mir, gleich wird sich zeigen, ob sich der Aufwand gelohnt hat - oder ob die aus welchem Grund auch immer verpassten Trainingseinheiten am Ende die entscheidenden waren; entscheidend für mein Gewicht.

Um es in den Worten von Börsen-Experten zu sagen: Ich darf die psychologisch wichtige 75-Kilogramm-Marke nicht allzu deutlich überschreiten. Das ist nämlich mein Wettkampfgewicht, mit dem ich am Sonntag an den Start gehen will.

Weniger ist mehr

Ich tippe die Digital-Waage leicht an: 0,0 erscheint im Display. Und jetzt rauf auf das gute Stück! Die Zahlen verschwinden, stattdessen blinken ein paar Punkte auf. Ich schaue kurz zur Seite, als mein Blick wieder runter auf die Waage fällt, steht da eine 73,6. Fast zu schön, um wahr zu sein. Kann das wirklich stimmen? Eigentlich fühle ich mich viel schwerer.

Also Standortwechsel. Neue Messung auf dem Flur, da gibt der Boden ein bisschen mehr nach. Könnte ja daran liegen. Wieder blinken die Punkte: 73,8. Perfekt!

Teilnehmer des Hannover-Marathons © Hanno Bode Foto: Hanno Bode

Marathon? Muss sein!

NDR Info - Auf ein Wort -

Ein Marathon ist lang. Sehr lang. Und trotzdem schrecken Tausende Läuferinnen und Läufer nicht davor zurück, an den Start zu gehen. Albrecht Breitschuh bittet auf ein Wort.

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Überdreht? Naja, ein bisschen vielleicht ...

Richtig gute Laune will trotzdem nicht aufkommen, denn meine Wetter-App meldet für den Sonntagvormittag Regen, Wind und Kälte. Das sind - wie jeder weiß - die Hauptfeinde des Marathonläufers, abgesehen von Sonne, Wärme und dem Wetter überhaupt. Auf der Suche nach günstigeren Vorhersagen lande ich auf einer norwegischen Wetterseite, die Hamburg wenigstens den Regen erspart - und bei den Temperaturen sogar noch zwei Grad draufpackt.

Ich beschließe, den Norwegern zu glauben. Sie halten das für ein bisschen überdreht? Wird wohl so sein, aber wenn man drei Monate lang nahezu täglich Sklave eines Trainingsplans war, der wie immer keine Rücksicht auf die Freuden des norddeutschen Winters nahm, kommt es auf ein paar Macken mehr oder weniger auch nicht mehr an.

Die Sinnfrage für Marathonläufer

Monate, in denen ich überwiegend schlecht gelaunt war, denn ich laufe zwar liebend gerne, aber eben nicht nach Vorschrift. Zum Glück gab es auch die anderen Momente. In denen hatte ich keine schlechte Laune, sondern ein schlechtes Gewissen, weil ich den Plan ignorierte. Womit ich bei der Sinnfrage wäre, die noch an jedem Marathonläufer genagt hat. Fußball, Volleyball oder Hockey spielen versteht sich offenbar von selber, wer 42,195 Kilometer am Stück läuft, kommt nicht so leicht davon. Er oder sie muss Begründungen liefern.

Es lohnt sich! Unbedingt!

Und bloß nicht mit der Gesundheit kommen, denn die ist alles andere als gesichert. Gesund ist ein Marathon nur, wenn man darauf hin trainiert und zwei Wochen vor dem Start absagt, meint Dieter Baumann. Der 5.000-Meter-Olympiasieger ist in Hamburg übrigens bei seinem einzigen Rennen nach gut 30 Kilometern ausgestiegen - und hat damit das Beste verpasst.

Denn natürlich sind es die letzten paar Hundert Meter, denen die ganzen Quälereien in der Vorbereitung gelten. Bei mir ist es jedenfalls so. Wenn ich weiß, gleich bist du da, gleich hast du es geschafft, um dich herum nur noch Jubel, Beifall und glückliche Gesichter, im Ziel Umarmung mit jedem, der mir gerade über den Weg läuft. Dieses Hochgefühl dauert vielleicht fünf Minuten. Fünf Minuten, für die ich und viele andere Monate trainiert haben. Und das soll sich lohnen? Unbedingt!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 27.04.2018 | 18:25 Uhr

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