Stand: 14.09.2020 12:00 Uhr

Corona beim Boxteam: Scheurich erhebt Vorwürfe

Sarah Scheurich ist tough, eine Boxerin aus Leidenschaft. Doch nun fürchtet sich die junge Frau mit dem Kampfnamen "Fighterrella". Die Schwerinerin ist Mitglied der deutschen Box-Olympiastaffel, von der sich ein Großteil im Trainingslager in Österreich mit dem Coronavirus infiziert hat. Auch sie selbst ist erkrankt und fühlt sich seit gut einer Woche elend. "Ich bin traurig, enttäuscht, ein bisschen sauer und habe auch Angst, ob wir uns alle davon gut erholen werden", sagte die 27-Jährige vom Boxclub Traktor Schwerin dem NDR Sportclub. Wie viele Personen der 25-köpfigen Delegation betroffen sind, blieb zunächst unklar. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" vermeldete, dass möglicherweise alle 18 Aktiven infiziert seien. "Es betrifft einen Großteil der Mannschaft", so Sportdirektor Michael Müller vom Deutschen Boxsport-Verband (DBV).

VIDEO: Boxerin Scheurich: "Ich bin richtig geschockt" (6 Min)

Auch ein Schalker Spieler im Hotel infiziert

Die österreichischen Behörden bestätigten, dass es in Verbindung mit einer deutschen Sportgruppe in Längenfeld (Tirol) zu Infektionen gekommen sei. In demselben Hotel hatte sich Schalke 04 aufgehalten, ein Spieler des Bundesligisten hatte sich ebenfalls infiziert. Der Fußballprofi soll in einen Extratrakt des Hotels verlegt worden sein. Der DBV wusste schon vor der Anreise von dem Schalker Fall, verteidigte aber trotzdem gegenüber dem Sportclub die Hotelwahl: "In solchen Fällen sind die Auflagen der Gesundheitsbehörde Tirol extrem hoch, sodass die Reinigung, Desinfektion und Hygieneverhältnisse exzellent waren und nirgendwo besser zu bekommen sind. Wir waren sicher, die höchsten Standards anzutreffen", konstatierte Müller.

Corona erreicht neue Dimension im deutschen Sport

Die Boxer befinden sich derzeit in Quarantäne. "Sie weisen keine stärkeren Symptome auf, können sogar trainieren", berichtete Müller. Zumindest im Fall von Scheurich ist daran allerdings überhaupt nicht zu denken. "Ich weiß nicht, ob die anderen trainieren können. Ich war bis vor zwei Tagen schon nach zehn Minuten im Zimmer umhergehen echt kaputt", berichtete die deutsche Meisterin im Mittelgewicht am Sonntag. Immerhin sei aber "heute der erste Tag, an dem es besser ist".

Nachdem ein Mannschaftsmitglied gedacht habe, erkältet zu sein, sei es ganz schnell gegangen: Schüttelfrost, Kopfschmerzen, "es kam auf einen Schlag, dass es einigen schlecht ging", schilderte Scheurich. Die Ausbreitung von Corona hat damit im deutschen Sport eine neue Dimension erreicht: Noch nie zuvor hat sich der Großteil einer Mannschaft mit dem Virus gleichzeitig infiziert.

Sportdirektor Müller: Klar, dass sowas kommt

Die deutsche Staffel hatte erstmals seit der Corona-Pause ab Ende August ein Trainingslager im Ausland bezogen. "Wir haben uns für Österreich entschieden, weil dort die Zahlen niedrig waren", sagte Müller. In den letzten Tagen hat es dort jedoch einen drastischen Anstieg gegeben. Die Boxer waren eine der ersten olympischen Sportarten, die mit einer kompletten Mannschaft wieder ins Ausland gegangen sind. "Das müssen wir machen. Wir brauchen den Vergleich mit ausländischen Sportlern, sonst bringt die ganze Vorbereitung auf Olympia nichts", sagte Müller. Deshalb auch sei er nicht überrascht, dass sich so viele Sportler infiziert hätten. "Es war klar, dass so etwas kommt. Wenn es dieses Mal gut gegangen wäre, hätte es uns vielleicht beim nächsten Mal erwischt."

Der Sportdirektor ist davon überzeugt, dass die anderen olympischen Teamsportarten bald ähnliche Probleme haben werden. "Wer glaubt, dass die Vorbereitung auf Olympia ohne Corona-Fälle passieren wird, lebt an der Realität vorbei", sagte er: "Wir haben jetzt wichtige Erfahrungen gesammelt, die wir bei nächsten Aufenthalten nutzen können."

Scheurich über Aussagen entsetzt

Diese Aussage grenze für sie "an Körperverletzung. Ich bin richtig geschockt. Das heißt ja, man schickt uns in ein Trainingslager und rechnet damit, dass wir uns infizieren", sagte Scheurich dazu. "Sollte diese Aussage wahr sein, ist das für mich ein Vertrauensbruch und ich weiß auch nicht, wie wir damit umgehen sollen." Sie fühle sich nicht gut betreut als Athlet.

Zumal der Arzt, der das Team ins Trainingslager begleitet hat, nach Bekanntwerden der ersten Fälle bereits vor einigen Tagen abgereist sei. "Ich weiß nicht, wie das gehen kann. Wir hätten auch gerne die Quarantäne zu Hause gemacht, aber uns wurde klipp und klar gesagt, dass wir bleiben müssen", so die Vize-Europameisterin von 2014 im Mittelgewicht. "Die Abreise des Arztes", erläuterte Müller, sei "nach intensivem Austausch mit der Amtsärztin und dem Erhalt des negativen Testergebnisses in enger Abstimmung mit der Gendarmerie und der Gesundheitsbehörde Tirol erfolgt".

Sorgen um die Zukunft

Sarah Scheurich (l.) beim Boxkampf © picture alliance / dpa
"Richtig geschockt": Sarah Scheurich (l.).

Sobald alle Boxer an die Bundesstützpunkte in Deutschland zurückgekehrt sind, sollen sie sich einer gründlichen medizinischen Untersuchung unterziehen. Danach entscheidet sich, ob sie am nächsten Lehrgang ab Ende September in Schwerin teilnehmen können. Ab Februar wird es ernst, dann findet in London das erste Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele von Tokio (23. Juli bis 8. August) statt. Scheurich, die sich noch für die Spiele qualifizieren will, macht sich Sorgen um die Zukunft. "Ich befürchte, dass uns das richtig lange aus der Bahn wirft. Ich würde sagen, drei Monate sind mindestens für die Katz."

Müller setzt weiter auf eine optimale Vorbereitung

Müller dagegen glaubt trotz allem weiter an eine gute Vorbereitung: "Die Alternative wäre, dass wir die öffentliche Förderung zurückgeben und auf Olympia verzichten. Aber erzählen sie das mal den Sportlern." Letztendlich liege die Entscheidung beim Bund sowie beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), "und dort wurde festgelegt dass wir an Olympia teilnehmen werden".

Es werde regelmäßig Fieber gemessen, außerdem müssten die Boxer täglich über ihr Wohlbefinden berichten, auch danach richte sich, wann sie die Heimreise in der kommenden Woche antreten können, berichtete Müller. Sarah Scheurichs Rückflug ist für Mittwoch vorgesehen, sofern ihre Gesundheit mitspielt. So oder so ist Frust ihr Begleiter: "Nächstes Jahr ist Olympia. Wir haben eh Angst, dass das nicht stattfindet, und waren echt froh, dass wir wieder trainieren. Jetzt wurde das alles zerstört. Ich bin ziemlich traurig."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 13.09.2020 | 22:30 Uhr

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