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Corona-Langzeitfolgen bei Sportlern: Eine unterschätzte Gefahr?

Stand: 21.03.2021 22:05 Uhr

Zehntausende leiden noch Wochen nach einer Corona-Erkrankung unter den Folgen. Können sich Sportler vor Long Covid schützen? Und was ist für eine sichere Rückkehr ins Training unverzichtbar?

von Andreas Bellinger und Hendrik Maaßen

Fast klingt es ein bisschen harmlos: Long Covid. Dabei treffen die Langzeitwirkungen einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus auch vermeintlich fitte und widerstandsfähige Sportler. Gut 2,5 Millionen Menschen in Deutschland haben sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) seit Beginn der Pandemie nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt - und gelten gemeinhin als genesen. Aber sind sie auch gesund? Die Symptome sind vielfältig, von latenter Müdigkeit und fehlender Leistungsfähigkeit bis hin zu schwerwiegenden Organschäden. Betroffen sind vor allem Lunge und Herz, überdauernd möglicherweise, was bisweilen sogar sportliche Karrieren jäh beenden kann. "Wer eine funktionale Einschränkung hat, dem droht tatsächlich der Abstieg von der Champions League in die Regionalliga", sagt Klaus Rabe, Ärztlicher Direktor der Lungenklinik im schleswig-holsteinischen Großhansdorf.

Zehntausende mit Langzeitfolgen

"Wir kämpfen gegen eine Erkrankung, deren Auswirkungen wir kennen, die wir aber nicht mit unseren momentanen Methoden sichtbar machen können", sagt Tobias Welte, der an der Medizinischen Hochschule Hannover Chef der Post-Covid-Ambulanz ist, dem NDR. Der Professor für Pneumologie schätzt, dass ein Prozent der Infizierten unter Langzeitfolgen leiden. Mithin also allein in Deutschland mindestens 25.000 Menschen. Andere Wissenschaftler rechnen mit bis zu zehn Prozent. Frauen seien dabei häufiger betroffen als Männer, was insofern "erwähnenswert ist, weil insgesamt das Risiko, an Covid-19 zu sterben, bei Männern deutlich höher ist als bei Frauen", so Welte.

Warnung vor Überforderung

Die größte Gefahr für aktive Menschen und Hobbysportler sei dabei, so der Long-Covid-Experte, "dass sie nach der Erkrankung zu schnell wieder versuchen, die Leistung zu steigern". Denn sie werden, anders als die meisten Spitzensportler, nicht regelmäßig und intensiv untersucht, wodurch Auffälligkeiten verborgen bleiben können. Welte: "Tatsächlich haben wir die schwersten Rückfälle in der Long-Covid-Symptomatik bei denen gesehen, die sich zu früh überfordert haben." Jeder sollte gewarnt sein und sich vor dem sogenannten "Return to Sport" intensiv medizinisch untersuchen lassen.

Herzfrequenz als Indikator

Wenn sie nicht symptomatisch sind, könnten Sportler mit leichtem Aufbautraining wieder beginnen. "Aber", so Welte, "die Betonung liegt auf Aufbau." Wer gar keine Symptome habe, sollte die Herzfrequenz als Kontrollparameter nutzen. "Solange die Herzfrequenz noch erhöht ist, ist eine zu schnelle Leistungssteigerung nicht zu empfehlen." Für Freizeitsportler ein häufig unterschätztes Warnsignal - für Profis eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

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Engelhardt: Nicht gleich von null auf hundert

Eine lebensbedrohliche Erkrankung, die im Extremfall immer wieder zum Tod auch junger Sporttreibender führen kann. Damit es nicht so weit kommt, sollten sich auch Spitzensportler wie Möser und Co. vor der Rückkehr ins Training komplett durchchecken lassen. "Mit Lungenfunktionstest, Belastungs-EKG und eventuell Kardio-MRT", rät Sportmedizin-Professor Martin Engelhardt. Der Ärztliche Leiter des Klinikums Osnabrück und Präsident der Deutschen Triathlon-Union (DTU) mahnt allerdings auch, nach der Genesung immer eine Mindestpause von 14 Tagen einzulegen und erst danach behutsam loszulegen, nicht gleich von null auf hundert.

Alarmierende Prognose

Noch drei bis sechs Monate nach der Infektion - oder länger - könnten nach bisherigen Erkenntnissen mehr oder minder starke Beschwerden auftreten: Kurzatmigkeit, krankhafte Müdigkeit, Gedächtnis- und Herzprobleme, neurologische Ausfälle und zum Teil Schwierigkeiten, normale Bewegungsabläufe zu koordinieren. Engelhardt geht sogar von bis zu 50 Prozent der Covid-19-Erkrankten aus, die noch so lange eines oder mehrere dieser Symptome zeigten. Auffallend sei zudem, dass einige in kurzer Zeit bis zu 15 Kilogramm Muskelmasse verloren hätten. "Natürlich sank auch das Leistungsniveau. Manchen wird es nicht gelingen, das alte wieder zu erreichen."  

Eine alarmierende Prognose. Zumal Long Covid noch lange nicht umfassend erforscht werden konnte. "Wir haben keine etablierte Therapie zum jetzigen Zeitpunkt", sagt Welte. "Was wir den Menschen bieten können, ist, dass wir sie ernst nehmen und es als das erkennen, was es ist: eine ernst zu nehmende Erkrankung."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.03.2021 | 23:35 Uhr

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