Stand: 09.12.2019 10:19 Uhr  - Sportclub

André Wiersig: Marathonmann der Meere

Extremsportler André Wiersig ist als erster Deutscher durch die "Ocean's Seven" geschwommen, sieben schwierige und gefährliche Meerengen auf fünf Kontinenten. Er traf auf Haie und Delfine. Aber auch auf eine Menge Plastikmüll - und wurde zum Botschafter der Ozeane und der Deutschen Meeresstiftung. Längst plant er die nächste (schwimmende) Herausforderung.

von Andreas Bellinger, NDR.de

Den Arm mal kurz gen Himmel gereckt - mehr Siegerpose gab es nicht. Ein Eis genehmigte er sich dann doch zur Belohnung und gegen den salzigen Geschmack auf den geschwollenen Lippen. Ozean-Schwimmer André Wiersig war nach seiner sechs Jahre währenden Herausforderung und mehr als 200 Kilometern in teils tosender See nicht sonderlich zum Feiern zumute. Es war auch kein Empfangskomitee zur Stelle, als der Extremsportler Pfingsten 2019 in der Straße von Gibraltar die letzte Etappe der "Ocean's Seven" bewältigt hatte. Eine innige Umarmung gab es mit seinem Schwager Jürgen Peters, der ihn all die Jahre im Beiboot begleitet hatte, ein paar Tränen auch und die Erkenntnis: "Wem Aufmerksamkeit und gutes Aussehen wichtig sind, für den ist das hier die falsche Geschichte."

Extremschwimmer André Wiersig und die Ocean's Seven

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André Wiersig hat geschafft, was vorher noch keinem Deutschen gelungen ist. Der 48-Jährige ist durch die sieben weltweit berühmtesten Meerengen geschwommen, die "Ocean's Seven".

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Neoprenanzug streng verboten

Eine Story mit dem Ziel, auf fünf Kontinenten sieben schwierige und gefährliche Kanäle zu durchqueren. "Du bist verrückt" habe er sich nicht nur einmal anhören müssen. Zumal die strengen Regeln aus dem Jahr 1875, als der Brite Matthew Webb durch den Ärmelkanal schwamm, nur Badehose und Kappe erlauben. Vielleicht noch eine Schwimmbrille und ein bisschen Vaseline zum Schutz für die gestresste Haut. Neoprenanzug? Streng verboten. Als einziger Deutscher gehört er zum Kreis der fünf Frauen und zehn Männer, die diese einsame Prüfung in den Urgewalten der Meere bestanden haben. "Ich hatte Glück", sagt Wiersig dem NDR Sportclub. "Viel Glück."

Kälte und gefühlte Ewigkeit

Der 48-Jährige aus Paderborn, der in Hamburg als Vertriebsleiter arbeitet, hat den Ärmelkanal bezwungen, den Kaiwi-Kanal auf Hawaii, den North Channel zwischen Schottland und Irland, den tiefen Kanal zwischen der Felseninsel Santa Catalina und der Küste Kaliforniens, die Tsugaru-Straße zwischen Honshu und Hokkaido im Norden Japans, die Cook-Straße zwischen der Nord- und  Südinsel Neuseelands und schließlich die Straße von Gibraltar zwischen Spanien und Marokko. Er hat der Einsamkeit im dunklen und bisweilen eiskalten Wasser getrotzt und brutalen Strömungen, die das Fortkommen zur gefühlten Ewigkeit werden ließen.

Wiersig: "Ich schäme mich für uns alle"

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Entschlossener Anwalt der Meere: André Wiersig.

Gefräßigen Haien oder den langen Tentakeln der Portugiesischen Galeere, einer besonders giftigen Quallenart, ist er entkommen. Im NDR spricht Wiersig auch über die unvorstellbaren Massen an (Plastik-)Müll, die ihn zu einem entschlossenen Anwalt der Meere gemacht haben. "Wir sind Gast im Ozean", sagt er, und sein Blick verfinstert sich. Jedes Jahr landen laut "World Wide Fund for Nature" (WWF) bis zu 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer. "Ich schäme mich für uns alle." Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, davon zu erzählen. Von der Panik, die ihn überfiel, als er sich in einer Plastikplane verheddert hatte. Oder von der schmerzhaften Begegnung mit einer Europalette. "Auf einmal ist man in derselben Situation wie die Tiere", sagt Wiersig und appelliert: "Wir müssen uns verändern. Sonst ist bald Feierabend."

Handeln ist angesagt, und das tut der Marathonschwimmer als Botschafter der Deutschen Meeresstiftung. "Es ist wichtig, dass einer für den Ozean spricht. Meine erbrachte Leistung und die Filme, Fotos und Berichte können helfen", sagt Wiersig, der schon als Teenager die Freude am Open-Water-Schwimmen entdeckt hat.

Training in der Eistonne

Das Schlüsselerlebnis für seine Leidenschaft war ein eisiges Bad im für gewöhnlich warmen Mittelmeer. An diesem Morgen im Februar 2011 erschrak Wiersig beim Versuch, eine Boje ein paar hundert Meter vor dem Strand von Ibiza zu erreichen. Die Kälte hatte ihm im wahrsten Sinne des Wortes den Atem geraubt. Der Versuch scheiterte kläglich. Eine inakzeptable Niederlage. Ein "Warmduscher“ wollte er nicht sein. Also kaufte er im Baumarkt eine Eistonne und startete sein ganz spezielles Abhärtungsprogramm. Bis zu 20 Minuten lang stieg er Tag für Tag in den Bottich unter dem Carport. Überstand 9,5 Grad Celsius. "Es bleibt immer kalt. Man kann sich doch nicht stundenlang einreden, dass es nicht kalt ist, wenn es doch kalt ist. "

Aus André wurde Andrea

Im folgenden Winter schaffte er die Strecke zur Boje - und machte zwei Jahre später im Ärmelkanal weiter.

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Auftakt zum "Ocean's Seven". Verewigt auf einer Tafel. Schmucklos und mit einem Fehler, der ihn bei jedem Besuch zum Schmunzeln bringt. "Ich finde es irgendwie spaßig", sagt der Dauerschwimmer und zeigt auf die Stelle, an der es Andrea statt André Wiersig heißt. Am 2. September 2014, kurz vor fünf Uhr morgens, begann die Tortur. Auf der Karte hatten sie 33,2 Kilometer errechnet. Tatsächlich aber musste er in der Strömung 45,88 Kilometer schwimmen, bevor er nach 9:45 Stunden in Frankreich anlandete.

Zwölf Monate später brach er mitsamt der Familie zur zweiten Etappe nach Hawaii auf. Als Triathlet war er Jahre vorher und viele Kilo leichter schon mal dort gewesen.

Ein paar Kilo draufgelegt

Nun hatte er "bewusst Fett draufgelegt" für die Durchquerung des Kaiwi-Kanals. "Ein Modellathlet zu sein, ist der Sache nicht zuträglich", sagt er. Nach 44 Kilometern und 18:26 Stunden war er froh über das zusätzliche Polster auf den Rippen. Die längste Distanz hatte er bei reichlich hohen Wellen geschafft. An Grenzen sollte er im August 2016 im 13 Grad kalten Nordkanal zwischen Nordirland und Schottland stoßen. "Jetzt weiß ich, wie der Erfrierungstod funktioniert", sagte er der "Welt". "Irgendwann beginnst du zu halluzinieren. Plötzlich war ich zu Hause und saß bei meiner Familie am Frühstückstisch." Das Training in einem eiskalten schottischen See rettete ihn, er überlebte die 35 Kilometer in 12:17 Stunden.

Mit "Pipifax" gegen die Haie

Wie immer hatte Schwager Jürgen ein Auge auf ihn gehabt und ihm alle halbe Stunde einen Snack gereicht. Fütterung per Kescher - Schmelzflocken, Vitamine, hochkalorische Power-Gels. Eine Cortisonspritze war auch mit an Bord. Trotz Hai-Alarms vor Kalifornien (34 Kilometer in 9:48 Stunden) und in der Tsugaru-Straße, wo sich Nordpazifik und Japanisches Meer treffen, brauchte er die Notfallration nicht. "Wenn der Hai kommt, einfach ruhig bleiben", so sein Rezept. Die japanischen Begleiter wollten aber zum Schutz ein langes Tuch unter ihm aufspannen. "Pipifax", so Wiersig. "Ein weißer Hai lässt sich davon nicht abhalten. So blöd ist kein Hai."

Er ließ sie gewähren und kämpfte im kalten Wasser fast 13 Stunden gegen die von einem Taifun noch aufgewühlten Wellen an. Aus eigentlich 19,5 Kilometern wurden so endlos erscheinende 42,1 Kilometer. "Die Strömung zieht einen immer wieder zurück oder lässt dich auf der Stelle schwimmen. Das muss man mental verkraften."

Nachts allein im Ozean

Die Cook-Straße in Neuseeland (26 Kilometer/8:02 Stunden) noch und schließlich am Pfingstsonntag 2019 der letzte Streich in der viel befahrenen Straße von Gibraltar (14,4 Kilometer/4:17 Stunden) - die "Ocean's Seven" waren geschafft. Rund 150.000 Euro hat ihn das waghalsige Unternehmen gekostet. Bereut hat er es nicht eine Sekunde. "Das klingt noch lange nach", sagt er dem NDR und sinniert - auf einen Stapel seines Buchs "Nachts allein im Ozean" gelehnt - ein wenig pathetisch: "Bis zu meiner letzten Minute." Vorerst aber treibt ihn eine neue Idee um: von Cuxhaven nach Helgoland schwimmen. 63 Kilometer durch die Nordsee. Als Erster.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 08.12.2019 | 22:50 Uhr

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