VIDEO: Boxer Abduljabbar: Bewegende Lebensgeschichte, starke Fäuste (10 Min)

Ammar Riad Abduljabbar: Kein Boxkampf ist so hart wie das Leben

Stand: 04.10.2021 13:39 Uhr

Ammar Riad Abduljabbar hat früh lernen müssen, sich durchzuboxen. Weil sein Vater aus dem Irak nach Deutschland flüchtete, musste er als Kind die Rolle des Familienoberhaupts einnehmen. Diese Erfahrungen prägten ihn für seine spätere Karriere als Boxer.

Die stummen Zeugen seiner Kindheit liegen an diesem Mittag auf dem Glastisch der elterlichen Wohnung auf der Veddel. Es sind einige bereits leicht vergilbte Fotos, die vor fast 20 Jahren im irakischen Al Basrah entstanden sind. Sie zeigen den heutigen Faustkämpfer vom SV Polizei Hamburg unter anderem, wie er seinen jüngeren Bruder Mukhtar barfuß auf den Schultern durch den Sand trägt. Abduljabbar, der sich die Bilder gemeinsam mit seinem Vater Riad, seiner Mutter Rajaa sowie Schwester Eman anschaut, tat dies damals nicht aus Spaß.

Sein Bruder war schwer krank, hatte ein Loch im Herzen. "Er ist nach zwei Metern immer außer Atem gewesen. Deswegen musste ich ihn immer tragen", erklärte Ammar dem NDR. Mukhtar konnte im Irak nicht operiert werden, weshalb sein Vater nach Deutschland flüchtete, um dort eine Behandlungsmöglichkeit für ihn zu finden. Daraufhin musste der damals achtjährige Ammar für den Lebensunterhalt seiner Familie sorgen.

Als Kind in die Rolle des Familienoberhaupts gedrängt

"Zuerst habe ich Plastiktüten verkauft. Dann habe ich mir eine Schubkarre und später ein Auto besorgt, um Waren zu verkaufen", erzählte der 26-Jährige im NDR Sportclub. Abduljabbar musste erwachsen sein, obwohl er noch ein Kind war. Sieben Jahre lang. Dann durften er, seine Mutter und seine Geschwister dem Vater 2010 nach Hamburg folgen. Der im Irak dem Tode geweihte Bruder wurde daraufhin in der Hansestadt erfolgreich operiert. "Es geht ihm super, er ist zu 100 Prozent gesund", sagte Ammar glücklich.

Vom Vater zum Boxen gedrängt

Boxer Ammar Riad Abduljabbar © picture alliance / picture alliance Foto: Axel Heimken
Ammar Riad Abduljabbar begann zu boxen, weil es sich sein Vater wünschte.

Für ihn selbst war die erste Zeit fernab der Heimat schwer. Ohne Sprachkenntnisse und soziale Kontakte war der Teenager einsam und ihn plagte Heimweh. Der Boxring wurde schließlich zum emotionalen Rettungsring für den Jugendlichen. Vorerst allerdings unfreiwillig. Denn Ammar widmete sich dem Faustkampf nur, weil es sich Vater Riad so sehr wünschte. "Am Anfang hat mir das nicht richtig gefallen. Ich wollte lieber arbeiten gehen und Geld verdienen. Jetzt ist das Boxen eine Sucht geworden. Ich kann nicht mehr ohne es leben", erklärte der 26-Jährige.

Unorthodoxer Boxstil, großes Herz: "Bin ein Krieger"

Obgleich der gebürtige Iraker im Vergleich zu seinen Vereinskameraden ein Späteinsteiger war und technisch nicht so sauber wie sie boxte, schickte der Boxer wider Willen seine Kontrahenten nach und nach auf den Ringboden. Gegen seinen etwas unorthodoxen Kampfstil finden sie keine Mittel. Und vor allem nicht gegen diesen unbändigen Willen, der ihn auszeichnet. "Ich bin ein Krieger. Auch wenn mein Körper sagt, ich kann nicht mehr, kann ich einfach nicht aufgeben. Weil mein Kopf sagt: Du musst weitermachen. Du musst!", erklärte der Schwergewichtler einmal.

Hamburgs Landestrainer Christian Morales sieht ebenfalls in der Mentalität seines Schützlings dessen ganz große Stärke: "Ammar ist ein Quereinsteiger im Boxen, hat nie eine Sportschule besucht. Es ist nicht sinnvoll, ihm jetzt technisches Boxen beibringen zu wollen, dann würde man ihn seiner Stärken berauben. So, wie er ist, ist er gut."

Mutter Rajaa Abduljabbar droht die Abschiebung

Seit über drei Jahren ist Abduljabbar in Deutschland nun ungeschlagen. Der bisherige Höhepunkt seiner Karriere ist die Qualifikation für Olympia in diesem Sommer in Tokio. Doch ausgerechnet, als der Sportsoldat bei der Bundeswehr diese geschafft hatte, erhielt seine Mutter von den Behörden die Mitteilung, dass ihr Aufenthaltstitel nicht verlängert wird. Rajaa Abduljabbar lebt seitdem mit der Angst, von heute auf morgen abgeschoben zu werden. Ihr Sohn, der 2018 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, ist entsetzt. "Meine Mutter ist so eine liebe Frau, sie hat niemanden etwas getan. Ich verstehe das nicht", sagte der 26-Jährige.

Die Familie kämpft juristisch gegen die drohende Abschiebung von Rajaa Abduljabbar. Weil es ein laufendes Verfahren ist, kann sie sich nicht zum genauen Stand der Dinge äußern. Was bei einem erneuten negativen Bescheid passieren würde, erklärte der Boxer jüngst der "Bild": "Wenn sie gehen muss, gehe ich mit. Zu 100 Prozent. Wir sind ein Blut. Ohne sie gäbe es mich nicht. Ich kann sie nicht alleine lassen. Dann muss ich meine Träume aufgeben und mit ihr in den Irak."

Fernziel Gold bei Olympia in Paris

Boxer Ammar Riad Abduljabbar © picture alliance/dpa Foto: Swen Pförtner
Nach dem Viertelfinal-Aus bei Olympia in Tokio will Ammar Riad Abduljabbar in drei Jahren in Paris Gold holen.

Bereits seine Tokio-Teilnahme hatte Abduljabbar absagen wollen, weil er bei seiner Mutter bleiben wollte. Diese aber bat ihn, nach Japan zu reisen: "Ich habe ihm gesagt: 'Das war dein Ziel, hab keine Angst'." Vom Fernseher aus verfolgte sie, wie es ihr Sohn bis ins Viertelfinale schaffte und dort dem russischen Weltmeister Muslim Gadschimagomedow unterlag. Ein Sieg fehlte zu Bronze. In drei Jahren in Paris will sich der Schwergewichtler nicht mehr aufhalten lassen. "Mein Ziel ist in jedem Fall, eine Goldmedaille zu holen", erklärte er im Sportclub.

Sollte dieser Traum in Erfüllung gehen, wird er bei seiner Rückkehr nach Hamburg von Freunden und Fans gewiss auf Schultern getragen werden. So, wie er es vor vielen Jahren mit seinem Bruder Mukhtar tat...

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 03.10.2021 | 22:50 Uhr

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