Stand: 25.05.2020 08:47 Uhr

Als sich der HSV 1983 zum Europacup-Sieger krönte

von Sebastian Ragoß, NDR.de

Der Hamburger SV holt 1983 die wichtigste Trophäe im europäischen Vereinsfußball: den Europacup der Landesmeister. Im Endspiel von Athen besiegt der HSV den großen Favoriten Juventus Turin. Trainer Ernst Happel hat seine Mannschaft brillant eingestellt, Felix Magath erzielt das Siegtor.

Aleksandar Ristic (v.l.), Felix Magath, Ernst Happel und Günter Netzer mit dem Europapokal der Landesmeister © picture-alliance / Sven Simon
Aleksandar Ristic (v.l.), Felix Magath, Ernst Happel und Günter Netzer mit dem Europapokal der Landesmeister.

Am 25. Mai 1983 ist der Hamburger SV auf Europas Fußball-Gipfel angelangt. Kapitän Horst Hrubesch und Ditmar Jakobs stemmen nach dem 1:0-Erfolg gegen Juventus Turin den Europacup der Landesmeister in den Athener Nachthimmel. Der Grundstein für den größten Erfolg der Vereinsgeschichte war fünf Jahre zuvor gelegt worden. Damals hatte der im Mittelmaß dümpelnde Traditionsclub Ex-Nationalspieler Günter Netzer verpflichtet, obwohl der 34-Jährige keinerlei Erfahrung als Fußball-Manager hatte. Doch Netzer erwies sich als Glücksgriff. Der ehemalige Mönchengladbacher holte Trainer Branko Zebec aus Braunschweig an die Elbe und den Erfolg zurück in die Hansestadt. Nach 19 Jahren Pause wurde der HSV 1979 wieder deutscher Meister.

Happel kommt 1981 nach Hamburg

Netzers Meisterstück war 1981 die Verpflichtung von Star-Trainer Ernst Happel. Nachdem Zebec seine Alkoholsucht nicht mehr unter Kontrolle und mitunter angetrunken auf der Bank gesessen hatte, handelte der HSV und ersetzte den Kroaten durch Happel. Der Österreicher hatte in den Beneluxländern mit vergleichsweise kleinen Mannschaften Erfolg auf Erfolg gefeiert und die niederländische Nationalmannschaft auch ohne Johan Cruyff 1978 ins WM-Finale geführt. Happel rauchte Kette, trank seinen Kaffee mit Weinbrand und saß zu Hause jeden Tag bis zum Sendeschluss vor seinem Fernseher. Medienarbeit hasste er wie Niederlagen, und nicht selten bestanden seine Pressekonferenzen aus drei oder vier Sätzen. "Schreiben S', was woll'n. Is' mir eh wurscht", fuhr der "Grantler" gelegentlich Journalisten an. Trotz seines teilweise rüden Auftretens in der Öffentlichkeit pflegte Happel zu seinen Spielern meist ein gutes Verhältnis. "Der erste menschliche Schleifer, den ich in meinem Leben getroffen habe", urteilte Netzer über Happel.

Mit Raumdeckung und Pressing zum Erfolg

Gleich in seiner ersten Saison führte Happel den HSV zur Meisterschaft. Taktisch war das Team unter Zebec bereits bestens ausgebildet. Der neue Trainer gab ihm den letzten Schliff. Während viele Mannschaften noch mit stumpfer Manndeckung agierten, spielte der HSV schon seit Jahren ohne eindeutige Zuteilung im Raum. Happel installierte zudem sein aggressives Pressing, mit dem der Gegner früh unter Druck gesetzt wurde. Der HSV stürmte durch die Bundesliga, erzielte in der Spielzeit 1981/82 sagenhafte 95 Treffer und blieb zwischen Januar 1982 und Januar 1983 in 36 Partien ungeschlagen. Happel hatte eine perfekt funktionierende Mannschaft geformt. Sie war reif für den ganz großen Triumph.

Juventus Turin: Ansammlung von Superstars

Auf dem Weg ins Europacup-Endspiel hatte sich der HSV gegen Dynamo Berlin, Olympiakos Piräus, Dynamo Kiew und Real Sociedad San Sebastian durchgesetzt. Der Gegner im Endspiel hieß Juventus Turin: ein Team voller Superstars. Sechs Spieler, die im Vorjahr die Weltmeisterschaft für Italien gewonnen hatten, gehörten zur Anfangsformation, unter ihnen Torwart-Legende Dino Zoff und WM-Torschützenkönig Paolo Rossi. Das Mittelfeld dominierten der Pole Zbigniew Boniek und der Franzose Michel Platini, damals der überragende Spieler in Europa.

Felix Magath (l.) jubelt, nachdem er Juve-Torwart Dino Zoff (r.) überwunden hat. © picture alliance / empics Foto: Peter Robinson

AUDIO: HSV - Juventus Turin: Die Anfangsminuten (15 Min)

Doch wer wusste besser als Happel, wie eine italienische Mannschaft zu besiegen war? Auf dem Weg zum Europacup-Erfolg mit Feyenoord Rotterdam 1970 gewann der Österreicher gegen den AC Mailand. Der von Happel trainierte FC Brügge schaltete 1976 den AS Rom und zwei Jahre später Juventus aus. Außerdem hatte der Grantler noch eine persönliche Niederlage wettzumachen. 1982 waren Happel und der HSV als hoher Favorit in das UEFA-Cup-Finale gegen IFK Göteborg gegangen, erlebten aber eine bittere Enttäuschung. Vom jungen Coach Sven-Göran Eriksson brillant eingestellt, gewannen die Schweden beide Endspiele (1:0, 3:0) und holten sich die Trophäe.

Zwei Pokale in einer Saison

Noch einmal wollte sich Happel nicht vorführen lassen. Auch gegen Juventus setzte er auf die vertraute Raumdeckung - mit einer Ausnahme: Turins Regisseur Platini wurde während der gesamten 90 Minuten manngedeckt und so zum Mitläufer degradiert.

Finale in Athen: HSV - Juventus Turin 1:0

Tor: Magath (8.)
Zuschauer: 75.000
HSV: Stein - Kaltz, Hieronymus, Jakobs, Wehmeyer - Rolff, Groh, Magath, Milewski - Hrubesch, Bastrup (von Heesen) - Trainer: Happel
Juventus: Zoff - Gentile, Brio, Scirea, Caprini - Bonini, Platini, Tardelli, Boniek - Bettega, Rossi (Marocchino) - Trainer: Trapattoni

"Ich wäre am liebsten nach einer Stunde rausgegangen", gab der frustrierte Platini zu Protokoll. Nach dem Erfolg jubelte Happel, seine Elf habe "dem Publikum einen Propagandafußball, wie ihn Deutschland schon lange nötig hatte" gezeigt: "Das war wohl meine größte Stunde als Trainer." Nur drei Tage nach dem Sieg in Athen schlug der HSV in der Bundesliga Borussia Dortmund mit 5:0. Eine Woche später wurde die Meisterschaft durch ein 2:1 bei Schalke 04 perfekt gemacht.

Von der Spitze ins Mittelmaß

Der HSV schien Bayern München als Deutschlands Fußball-Verein Nummer eins abgelöst zu haben. Doch direkt nach der Erfolgssaison 82/83 begann der zunächst schleichende, später rasante Abstieg. Im Bestreben, das Team zu verjüngen, hatte Happel beschlossen, die Stürmer Horst Hrubesch und Lars Bastrup zu verkaufen - eine fatale Fehlentscheidung.

HSV-Profi Felix Magath stemmt 1983 die Trophähe für den Europapokalsieg der Landesmeister in den Athener Himmel. © imago/WEREK

AUDIO: HSV - Juventus Turin: Die Schlussphase (8 Min)

Als Nachfolger kamen Wolfram Wuttke und Dieter Schatzschneider nach Hamburg. Wie der später verpflichtete Schotte Mark McGhee reichten sie nie an die Leistungen ihrer Vorgänger heran. Nach einer Vize-Meisterschaft und zwei Jahren ohne Titelchance formte der zuvor amtsmüde wirkende Happel in seiner letzten Spielzeit als Coach in Hamburg noch einmal ein junges, erfolgreiches Team, das 1987 hinter den Bayern Zweiter wurde und in Berlin den DFB-Pokal gewann. Danach verließ Happel Hamburg. Der HSV rutschte immer weiter ins Mittelmaß und stand Anfang der 1990er-Jahre sogar kurz vor der Pleite. Am 25. Mai 1983 hatte daran wohl niemand gedacht.

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Horst Hrubesch vom HSV jubelt 1979 mit der Meisterschale. © picture alliance

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 25.05.2020 | 11:25 Uhr

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