Thomas Hengelbrock im Gepräch

Der Dirigent und ausgebildete Geiger ist in der nationalen Musikszene seit Langem für unermüdliche Entdeckerlust und höchst abwechslungsreiche Konzertprogramme bekannt. Im Gespräch mit Dr. Richard Armbruster erzählt Thomas Hengelbrock von seinen dramaturgischen Ideen für die erste Spielzeit in Hamburg.

NDR: Sie haben das NDR Sinfonieorchester schon mehrfach dirigiert. Was waren die ersten Erfahrungen mit Ihrem neuen Ensemble?

Thomas Hengelbrock: Unser erstes gemeinsames Projekt umfasste Beethovens 4. Sinfonie und die "Walpurgisnacht" von Mendelssohn. Ich erinnere mich an viele glückhafte Momente, das Orchester spielte mit großer Präzision und unglaublicher Leidenschaft, bisweilen wild aufschäumend. Diese Konzerte waren von wunderbarer musikalischer Übereinstimmung getragen und bildeten die Basis für weitere Projekte und die Gespräche über unsere feste Zusammenarbeit.

NDR: Wie ist Ihre erste Saison beim NDR Sinfonieorchester aufgebaut – und welche thematischen Linien ziehen sich durch die Programme?

Hengelbrock: In der ersten Saison wollen wir unser Publikum zu einer musikalischen Zeitreise einladen. Das angestammte Repertoire des Orchesters - Beethoven, Brahms, Mahler, Bruckner und die klassische Moderne - soll weiter gepflegt, aber auch erweitert werden. Das 17. und 18. Jahrhundert hält funkelnde musikalische Schätze für uns bereit, von denen wir so manchen für unser Publikum heben möchten! Die kompositorische Meisterschaft eines Johannes Brahms wäre ohne seine intensive Beschäftigung mit Schütz, Bach und Joseph Haydn überhaupt nicht denkbar. Unsere Programme beziehen aber auch heutige Komponisten mit ein und zeigen musikalische Verbindungen von Werken aus vier Jahrhunderten. Dabei wollen wir nicht didaktisch sein; das Staunen und die Hör-Lust sollen immer im Vordergrund stehen.

Fern jeder Klassiker-Routine entfachte Hengelbrock ein solches Feuer der Aufklärung, dass der gute alte Beethoven eine kaum mehr für mögliche gehaltene Sprengkraft gewann. […] Und die NDR Sinfoniker zogen mit, spitzten Rhythmen zu, leuchteten lyrische Passagen aufs Vielfarbigste aus. So erblickten wir wieder jene tiefer liegenden Schichten, die allzu oft im nivellierten Schönklang verloren gehen.
(Beethoven: Vierte Sinfonie) "Die Welt":

NDR: Auf Kampnagel werden Sie sich mit der Uraufführung eines Werks von Simon Wills dem Publikum auch als Operndirigent vorstellen. Was hat Sie an diesem Projekt besonders gereizt?

Hengelbrock: Simon Wills ist für mich einer der bedeutendsten lebenden Komponisten, ein musikalischer Weltbürger, ein großartiger und inspirierender Künstler durch und durch. Die Arbeit an seiner Oper "The stolen smells" nach einem alten arabisch-jüdischen Märchen ist fast beendet, und ich freue mich ganz besonders auf die Aufführung im nächsten Februar. Die Kampnagel-Fabrik gibt uns Gelegenheit, dieses Werk als inszeniertes Konzert aufzuführen. Ich bin mir sicher, dass nur sehr wenig zu einer kompletten Opernaufführung fehlen wird.

Orchester und Chor