Stand: 05.09.2018 13:41 Uhr

Philipp Schmids Pilgerblog 2018

Gemeinsam mit drei anderen Pilgern ist NDR Kultur Moderator Philipp Schmid unterwegs auf der Via Baltica. Im Blog schildert er seine persönlichen Eindrücke.

Fünfter Tag - Lammfromm

Frank Martin - Agnus Dei der Messe

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Kristina Lohe, Klaas Grensemann und Heike Götz genießen ihr Frühstück mit Blick auf den Hamburger Michel.

Die Messe für zwei vierstimmige Chöre von Frank Martin habe ich als Kind im Knabenchor vielfach gesungen. Schweres Stück, sehr expressiv, mit vielen Taktwechseln und wirklich kniffligen, teilweise absurd hohen Passagen. Das "Agnus Dei" ist vergleichsweise meditativ und ruhig. Im zweiten Chor gleichmäßige, fortschreitende Viertelnoten. Ich war bis zum Stimmbruch immer Sopran 1, also ganz hoher Sopran, und bei diesem Stück hat man da den interessanteren Part, der obere Chor singt einstimmig die fast gregorianisch anmutende, ruhige Melodie.

Das Gerüst ist aber der immer durchschreitende (also pilgernde) Rhythmus. Der Gesang "Agnus Dei, qui tollis peccata mundi" - "Lamm Gottes, Du nimmst hinweg die Sünde der Welt" fügt sich in Synkopen dazwischen. Also um es nicht zu musikwissenschaftlich zu machen, und was ich damit sagen will: Die Melodie ist nicht im laufenden Rhythmus, sie ist dazwischen. Der Glaube ist nicht im Pilgern, er ist dazwischen.

Das "dazwischen" macht es aus

Es gab auf dieser Pilgerreise Momente, in denen ich über das Wort "fromm" nachgedacht habe.
Es gab auf dieser Pilgerreise Momente, in denen ich vermutlich fromm war.
Es gab auf dieser Pilgerreise Momente, in denen ich andere um ihre Frömmigkeit beneidet habe.
Es gab auf dieser Pilgerreise Momente, in denen mir Frömmigkeit fürchterlich peinlich war.

Wo genau findet man den Glauben, wenn er zwischen dem Pilgern ist? Ich finde ihn am leichtesten, wenn er zur Situation passt. Zum Pilgern passt er, keine Frage. Vielleicht nicht direkt zur Strecke zwischen Hamburg-Landungsbrücken und Fischmarkt, vielleicht nicht zum Alsterwanderweg. Aber er passt auch da dazwischen, er passt und passiert dazwischen. In Gesprächen mit Mitpilgern, in kleinen Zeichen, manchmal in jedem Baum, jedem Glitzern auf dem Wasser, jedem kleinen Umweg und Stehenbleibenmüssen. Da kann man schon mal fromm werden.

Unterschiedliche Hingabe und Widmunge

Mich hat das Gottvertrauen, die Zuversicht, die Dankbarkeit, die ernsthafte Auseinandersetzung, das intensive Nachdenken und die intuitive Hingabe meiner beiden Mitpilger aus dem Kloster, Kristina und Klaas, sehr beeindruckt. In vielen Punkten hat sie mich überzeugt. Und Zweifel gehört zum Glauben dazu. Auch für die Frommen. Das hat die Gruppe wohl verstanden, dass ich auch als Pilger nicht gerne an belebten Kreuzungen stehe und ein geistliches Lied singe.

Gleichzeitig haben wir wunderschön zusammen gesungen, im Michel in der kleinen Kapelle war das einer der bewegenden Momente dieser Pilgerreise. Und auch der Kompromiss, den wir gefunden haben, überzeugt mich. "Mir ist Beten in der Öffentlichkeit nicht wichtig, aber mir ist Beten wichtig", so ein Satz, der zwischen den Glauben passt, der zwei unterschiedliche Hingaben und Widmungen des eigenen Lebens überbrückt. Etwas anderes wäre scheinheilig, wäre zur Schau gestellte Frömmigkeit, zumindest bei mir. Man kann als Pilger mitten durch Hamburg laufen, nach außen als gläubig zu erkennen, innerlich fromm. Gott passt zwischen jeden Schritt beim Pilgern, Gott passt zwischen einen Scheinheiligen und einen Frommen.

Mitbringsel vom Pilgern

Morgens, mittags und abends wird beten nicht mein Lebensmodell. Ich weiß jetzt aber, dass manche daraus große Kraft, Beständigkeit, Hoffnung und Erfüllung schöpfen. Die Mönche in Kloster Nütschau oder meine zwei Mitpilger aus dem Kloster. Und ich werde eins von der Pilgerreise mitnehmen: hin und wieder beim Blick zur Uhr denken, "jetzt versammeln sie sich zum Morgengebet" - und mir dann auch einen kleinen Moment des Innehaltens gönnen. Zur Ruhe kommen, neu ordnen, achtsam sein. Vielleicht sogar beten.

Auf jeden Fall an die Mitpilger denken - an Kristina, die so viel Herzlichkeit, Zuversicht und Gottvertrauen hat, und an meinen neuen, coolen, frommen Freund Klaas.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.09.2018 | 17:40 Uhr