Stand: 12.06.2018 20:28 Uhr

"Deutschland sollte Vorreiter bei KI werden"

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Jürgen Schmidhuber forscht seit 40 Jahren zum Thema Künstliche Intelligenz.

Jürgen Schmidhuber war einer der KI-Fachleute, die Ende Mai bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Thema vorsprechen durften. Der 55-jährige Professor für Informatik ist seit 1995 Direktor bei IDSIA, einem KI-Forschungsinstitut im Schweizer Lugano. Das in seiner Forschungsgruppe entwickelte LSTM (Long Short-Term Memory), ein neuronales Netzwerk, das Maschinen das Lernen ermöglicht, wird inzwischen täglich milliardenfach für Spracherkennung bei Alexa, Siri und Co eingesetzt. NDR.de hat mit ihm über Chancen von KI und die Ängste davor gesprochen.

Herr Schmidhuber, welche Chancen bietet die Künstliche Intelligenz für Deutschland?

Jürgen Schmidhuber: Das "Internet der Menschen" gehört schon den Chinesen und Amerikanern. Google und Facebook, Alibaba und Amazon werden wohl keine nennenswerte europäische Konkurrenz mehr bekommen. Aber beim sehr viel größeren Internet der Dinge - also den miteinander verbundenen Maschinen und Sensoren - sind die Karten noch nicht verteilt. Und da hat Deutschland unglaublich viel zu bieten und eine Riesenchance, vornewegzugehen. Zumal bei KI die Umsetzung von der Grundlagenforschung zur Anwendung inzwischen nur noch wenige Jahre, manchmal nur Monate braucht. Hier könnte die deutsche Wirtschaft schnell profitieren.

Ihrer Begeisterung steht eine große Furcht vieler Menschen vor Robotern und Super-Computern entgegen, die mehr und mehr Kontrolle über unser Leben bekommen. Woher kommt diese Bedenken?

Schmidhuber: KI-Forschung dreht sich vor allem um Produkte, die man verkaufen will, die unser Leben angenehmer und schöner machen. Etwa in der Medizin, wo unsere Deep-Learning-Methoden bessere Krebsdiagnosen ermöglichen. Oder bei Smartphones, wo inzwischen ein großer Teil der Google-Anfragen von der Spracherkennung durch LSTM kommt. Auch für die automatischen Übersetzungen bei Facebook sorgen LSTM-basierte Systeme. Das alles macht das Leben im Prinzip leichter und letztlich besser. Natürlich haben manche Menschen Vorbehalte, das ist bei neuer Technik nicht ungewöhnlich. Manche Deutsche haben auch das Gefühl, da werde ihnen etwas von "fremden Mächten" übergestülpt, etwa von Facebook oder Google. Dabei kommt die moderne KI weitgehend aus Deutschland, von selbstfahrenden Autos bis zum LSTM. Wenn die Menschen hierzulande das wüssten, könnten sich viele auch besser damit identifizieren.

Wer ist Jürgen Schmidhuber?

Der in München geborene Informatiker ist ein Pionier der KI-Forschung und wird regelmäßig von internationalen Medien wie dem "Guardian", der "New York Times" und Fachmagazinen interviewt. In seiner Forschungsgruppe wurde unter anderem ein Lern-Algorithmus namens LSTM entwickelt, der von allen großen Internetkonzernen in Spracherkennung und maschineller Übersetzung genutzt wird. Schmidthuber war damit maßgeblich an der Entwicklung von Alexa, Siri oder Googles Assistant beteiligt.

Dennoch: In der Spiegel-Bestsellerliste thront aktuell weit oben der Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ von Frank Schätzing, in dem ein KI-Supercomputer die Menschheit auslöschen will. Schaden solche Horror-Szenarien der Akzeptanz dieser Technologie? Oder warnt das Buch vor einer realistischen Gefahr?

Schmidhuber: Es erzählt vor allem eine uralte Geschichte. Der Film "Ex machina" funktioniert ganz ähnlich: Ein junger Mann verliebt sich in eine schöne junge Frau, am Ende ist sie ein humanoider Roboter und alles geht schlimm aus. Das gab es doch schon lange vorher, schon E.T.A. Hoffmann hat 1816 in seiner Erzählung "Der Sandmann" eine Puppe beschrieben, die Menschen an der Nase herumführt. Kaum einer ängstigt sich davor, was Roboter in Filmen tun. Die "Matrix"-Serie etwa – schöne schwarze Mäntel, gut inszeniert. Aber der Plot ist Unsinn. KI, die sich aus der Energie menschlicher Hirne speist? Das sind pro Hirn 30 Watt. Viel mehr Energie ist nötig, um ein Hirn samt Körper am Leben zu halten. Die Zuschauer wissen, dass das keinen Sinn ergibt und nehmen es nicht ernst.

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Aber es gibt doch berechtigte Sorgen zur KI-Forschung: Schließlich sind viele ethische Fragen weitgehend ungeregelt. Google hat erst in der vergangenen Woche sich selbst einige Richtlinien auferlegt, etwa dass ihre KI-Entwicklungen nicht dem Töten von Menschen dienen sollen. Wie intensiv sollten Unternehmen Ihrer Meinung reguliert werden?

Schmidhuber: Das sind Reaktionen auf die Skepsis in der Bevölkerung. Google hat viele Nutzer und Mitarbeiter, die Waffenforschung ablehnen. Deshalb musste man sich da positionieren. Natürlich: Fünf Prozent der KI-Forschung geschehen im militärischen Bereich, wo Drohnen noch effizienter Terroristen aufspüren und unschädlich machen sollen. Da muss man wahnsinnig aufpassen. Aber das ist nur ein kleiner Teil, der Rest dreht sich darum, Menschenleben länger und gesünder zu machen. Bei den Geheimdiensten sehe ich mehr Missbrauchspotenzial als bei den Konzernen. Man braucht kein Uran, wie bei Atomwaffen. Nur ein paar clevere Leute, die KI programmieren können.

Künstliche Intelligenz im Film

Also ist KI doch brandgefährlich?

Schmidhuber: Man kann das vergleichen mit der Erfindung des kontrollierten Feuers vor etwa 700.000 Jahren. Die Leute sahen schnell seine wahnsinnigen Vorteile: Man kann damit kochen, sich wärmen. Aber man kann damit auch andere Menschen verbrennen. Und Feuer kann sich, wie KI auch, ohne menschliches Zutun ausbreiten - und uns etwa als Waldbrand sehr gefährlich werden. Dennoch hat man entschieden: Wir nutzen die Vorteile und behalten die Nachteile im Auge. Bei KI ist es ähnlich. Und selbst wenn die wichtigsten Entscheidungsträger in Zukunft keine Menschen mehr sein werden, sondern KIs, werden sich vor allem für andere KI interessieren, weniger für uns Menschen. Wir interessieren uns ja auch nicht so sehr für Ameisen.

Auf welche KI-Entwicklung freuen Sie sich persönlich am meisten?

Schmidhuber: Ich war schon als Teenager von dem Thema fasziniert. Seit meinem 15. Lebensjahr versuche ich, etwas zu bauen, das lernt, klüger zu werden als ich selbst und dann alle Probleme löst, die ich selbst nicht lösen kann. Dann kann ich mich zurückziehen und in Rente gehen. Ich würde das gern noch miterleben.

Das Interview führte Alexander Nortrup, NDR.de.

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