Stand: 12.01.2017 18:13 Uhr  | Archiv

Wie geht's raus aus der Facebook-Filterblase?

von Nils Kinkel, NDR Info, Bettina Less, NDR Info

Viele Menschen informieren sich stundenlang und mit viel Spaß im Internet. Texte und Meinungen, die einem beispielsweise bei Facebook begegnen, bestätigen das eigene Weltbild, passen zu dem, was man längst weiß, und sie streicheln das eigene Ego. Das ist ein Merkmal für sogenannte Filterblasen. Was das ist und warum das - gerade im Jahr der Bundestagswahl - überhaupt ein Problem ist, klären wir in der Reihe "NDR Info Perspektiven". Darin zeigen wir auch, was man selbst tun kann, um die Blase zum Platzen zu bringen.

Was ist überhaupt eine "Filterblase"?

Eine Frau schreibt an einem Laptop auf der Website des sozialen Internet-Netzwerkes Facebook. © dpa
Soziale Netzwerke wie Facebook arbeiten mit Algorithmen, die den Nutzern Themen gefiltert anbieten.

Auch im Internet gibt es das psychologische Phänomen: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das ist auch in sozialen Netzwerken zu beobachten, wo sich Freunde, Familien und Gleichgesinnte vernetzen und ihre Meinung austauschen, teilen und liken. Wenn also ein Nutzer der Meinung ist, die Erde sei flach, wird er Artikel darüber online lesen und Freunden empfehlen. Je häufiger er das macht, desto mehr Artikel sieht er, in denen der Autor behauptet, die Erde sei eine Scheibe.

Welche Rolle spielt dabei der Algorithmus?

Im personalisierten Internet sieht der Nutzer nur noch Artikel, die ihn interessieren. Mit diesem Geschäftsmodell verdienen Internet-Konzerne ihr Geld, weil sie mit diesem Werkzeug auch die Werbung auf das jeweilige Profil zuschneiden. Wer beispielsweise Urlaub in Schweden anklickt, bekommt über Google oder Facebook plötzlich nur noch Angebote von Blockhütten an einem schwedischen See angezeigt. Der Artikel über eine Motorradtour im Atlasgebirge erreicht den Nutzer nicht mehr, weil er sich in seiner Skandinavien-Blase befindet. Das Problem: Je mehr personalisiert wird, umso mehr wird vom Rest der Welt ausgeblendet. Im schlimmsten Fall bekommt der Nutzer also gar nichts anderes mehr mit.

Welches Risiko gibt es, wenn Meinungen ausgeblendet werden?

Wissenschaftler befürchten, dass Leser nur noch die eigene Überzeugung wahrnehmen. In der Filterblase kann sich nämlich auch eine Echokammer bilden. Wer beispielsweise einen Artikel von Impfgegnern kommentiert, bekommt automatisch auch viele andere Artikel angezeigt, die von Impfschäden handeln.

Wie gefährlich ist die Meinungsbildung im Netz mit Blick auf Wahlen?

In einer freien Gesellschaft gibt es eigentlich immer einen Wettbewerb um die besten Ideen und einen Austausch von Argumenten. Wer sich aber nur noch seine Meinung bestätigen lässt, der wird zunehmend intolerant. Das kann zu einer Spaltung der Gesellschaft führen. Andererseits gibt es Filterblasen auch ohne Internet. Ein CSU-Bierzelt oder eine TTIP-Demo funktionieren ähnlich wie eine Echokammer. Wer sich also nicht für andere Meinungen interessiert, der wird dann auch überrascht vom Brexit oder Präsident Trump, weil diese Themen in der Timeline nicht präsent waren.

Die Perspektive

Filterblasen oder Echokammern bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken können die eigene Sicht auf die Welt einschränken. Damit das nicht passiert, hat NDR Info fünf Tipps zusammengestellt:

Unbequeme Meinungen zulassen

Wegzuhören ist bei Facebook einfacher als im richtigen Leben. Der entfernte Bekannte setzt ein "Gefällt mir" bei einer unsympathischen Seite? Er kommentiert einen Zeitungsartikel mit hanebüchenen Argumenten? Weg damit, empfiehlt Facebook in einer aktuellen Werbekampagne. Um den Algorithmus auszutricksen, ist es besser, den Bekannten nicht auszublenden, zu ignorieren oder zu entfreunden, sondern ihn auszuhalten, um so vielleicht mehr über seine Meinungen oder Sorgen zu erfahren.

 

Facebook © NDR

AUDIO: Was tun gegen Einseitigkeit im Netz? (7 Min)

Weitere Informationen
Facebook - Logo vor einem, weltumspannenden, abstrahiertem Netzwerk (Montage) © fotolia.com Foto: Kobes

Facebook: Wo bleibt die Verantwortung?

Facebook bemüht sich nach eigener Darstellung darum, dass Nutzer sich im größten sozialen Netzwerk wohlfühlen. Doch das Unbehagen und die Kritik am Unternehmen wachsen. mehr

Ein Screenshot der Internetseite "Funk" zeigt einen Artikel zum Thema "Filterblase". © funk.net

Wie sieht die Filterblase von anderen aus?

Die Seite "ungefiltert" von Funk hat vier Newsfeeds nebeneinander gestellt. Je nachdem, welchen Feed man sich ansieht, werden verschiedene Deutungen desselben Themas angezeigt. extern

Timeline-Foto Facebook - "Auch Angela Merkel bereitet Bürger jetzt auf Krieg und Unruhen vor" © NDR

Die Hass-Welt: Social Media am rechten Rand

Was passiert, wenn man sich ein nationalkonservatives Alter Ego auf Facebook zulegt? Videos voller Hass werden in die Timeline gespült. Und Angst schleicht sich wie ein Gift in den Kopf ein. mehr

Weitere Informationen
Eine Frau wirft eine Glühbirne hoch, so dass sie über ihrer Hand zu schweben scheint. © Nadia Valkouskay/unsplash Foto: Nadia Valkouskay

NDR Info Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

In der Reihe NDR Info Perspektiven beschäftigen wir uns mit Lösungsansätzen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 13.01.2017 | 07:38 Uhr

Mehr Nachrichten

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Corona-Ticker: Im hohen Norden gibt es am wenigsten Neuinfektionen

Im Kreis Schleswig-Flensburg liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell unter elf - und damit bundesweit am niedrigsten. Mehr Corona-News im Ticker. mehr

Rettungskräfte stehe vor einem Zug mit Kesselwagen © Westküstennews Foto: Florian Sprenger

Stromschlag tötet zwei Jugendliche im Bahnhof in Itzehoe

Sie waren nach Polizeiangaben auf einen Waggon geklettert und zu nahe an die Oberleitung gekommen. Eine dritte Person erlitt Verletzungen. mehr

Ein Blaulicht bei Nacht. © picture alliance/dpa Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Überfall auf Geldtransporter: Mann flieht mit 400.000 Euro

Der Täter hatte laut Polizei am Sonnabend gegen 7.20 Uhr in der Fußgängerzone in der Möllner Landstraße in Hamburg-Billstedt gewartet. mehr

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig im Interview.
6 Min

Schwesig: "Kernfamilie soll über Weihnachten zusammenkommen"

Das hat die Landesregierung bei den heutigen Beratungen zur Corona-Lage beschlossen. Touristische Reisen bleiben ausgeschlossen. 6 Min