Stand: 08.08.2016 06:00 Uhr  | Archiv

Was bedeutet Digitalisierung für die Gesellschaft?

von Katja Scherer, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Die Digitalisierung ist mittlerweile in allen Lebensbereichen angekommen. Intelligente Häuser, denkende Kühlschränke und selbstfahrende Autos werden demnächst Teil unseres Alltags sein. Wie verändert das unsere Gesellschaft?

Hände halten ein Tablet-PC, dahinter eine Weltkugel (Bildmontage) © Fotolia Foto: Sergey Nivens, Robert Kneschke
Bedeutet die digitale vernetzte Welt die Aufgabe der Privatsphäre?

Die Digitalisierung macht unser Leben leichter: Wir können binnen Minuten ein Hotel in Shanghai buchen oder mit smarten Haushaltsgeräten Energie sparen. Gleichzeitig aber stelle sie unsere grundsätzlichen Werte in Frage, sagt Simon Hegelich, Professor für Politische Datenwissenschaft an der Technischen Universität München: "Wir haben einen Punkt erreicht, an dem man nicht mehr zurückkommt von der technischen Ebene. Das heißt aber, dass unsere gesamte Konzeption von Privatheit nicht mehr funktioniert."

Verzicht auf Privatsphäre

Privatsphäre hieß bisher, dass wir selbst bestimmen können, wer was über uns weiß. Heute ist das anders: Egal, ob wir uns auf einen neuen Job bewerben oder eine Wohnung mieten - immer kann es sein, dass der andere uns bereits besser kennt, als wir vermuten. Für den Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar heißt das, Daten würden häufig in einer Weise eingesetzt, die den Einzelnen vorherbestimmt handeln lasse und die Freiheit etwas anderes zu tun, einschränke.

Ein Beispiel dafür ist der Online-Einkauf: Je nachdem, von wo aus wir eine Seite aufrufen und wie lange wir dort verweilen, können die Preise um mehr als 160 Prozent variieren. Das hat das Institut für kritische digitale Kultur in einer Studie festgestellt. Beim Reisebuchungsportal Orbitz werden Kunden mit Apple-Computer Hotels um bis zu 13 Prozent teurer angeboten. Auch die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, ändert sich.

Maschinen entscheiden über Kredite

Bei der Kreditvergabe zum Beispiel zählt schon heute nicht mehr nur die persönliche Einschätzung des Bankberaters, sondern zunehmend die Bewertung durch Algorithmen, sagt Simon Hegelich: "Auf der einen Seite muss man sagen, es finden keine Diskriminierungen per Vorsatz statt. Für viele Leute kann es positiv sein, dass die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Das Problem dabei ist, dass viele Diskriminierungen, die es schon immer gab, einfach fortgeschrieben werden."

Wer zum Beispiel im falschen Stadtteil wohnt, wird automatisch schlechter eingestuft. Maschinen erschweren es, aus bekannten Mustern auszubrechen. Kommt man etwa aus dem Gefängnis und will einen Job finden, so könne man einen Menschen vielleicht von seiner Läuterung überzeugen, bei einem Computer aber sei das kaum möglich, so Hegelich: "Alles was die Maschinen machen, ist, Daten aus der Vergangenheit fortzuschreiben. Das widerspricht unserer Auffassung, dass sich Menschen auch ändern können."

Datensouveränität des Einzelnen

Portrait von Johannes Caspar © © HmbBfDI / Thomas Krenz Foto:  Thomas Krenz
Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar fordert: "Jeder muss selbst die Entscheidung treffen können, ob er seine Daten preis gibt oder nicht."

Der Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar fordert daher: "Wir brauchen in der Tat die Datensouveränität des Einzelnen. Jeder muss selbst die Entscheidung treffen können, ob er seine Daten preisgibt oder nicht. Und es muss Verfahren und Rechte geben, die dem Einzelnen helfen, seine Rechte in einer globalisierten, digitalen Welt auch durchzusetzen." Auf diesem Gebiet gibt es immerhin Fortschritte: Seit 2014 etwa gilt das sogenannte Recht auf Vergessen. Thorsten Holz, Professor für IT-Sicherheit an der Universität Bochum meint dazu: "Ich kann zum Beispiel Google bitten, eine bestimmte Seite zu löschen. Und dann löscht Google das auch wirklich von seinen Servern."

Und doch gibt es noch eine Menge mehr zu tun. Im Jahr 2018 soll daher die sogenannte Datenschutzgrundverordnung in Kraft treten. Damit soll etwa transparenter werden, wer welche Daten speichert. Zudem werden Verbraucher ermächtigt, ihre Daten wie Fotos oder Nachrichten mitzunehmen, wenn sie zum Beispiel das soziale Netzwerk wechseln. Das wäre ein Meilenstein für eine bessere digitale Zukunft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.08.2016 | 10:41 Uhr

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