Stand: 03.05.2016 14:43 Uhr  | Archiv

Storyteller will Medien auf Twitter halten

Mark Little von Twitter bei seinem Vortrag auf der re:publica 2016.

Mark Little war jahrelang Krisen-Reporter und Nachrichten-Moderator beim irischen Fernsehen. Seit fünf Monaten arbeitet er bei Twitter und versucht Journalisten und Medien zu überzeugen, warum das soziale Netzwerk für sie weiter wichtig ist - trotz der kaum einzuholenden Übermacht von Facebook. Fiete Stegers hat ihm auf der re:publica 2016 zugehört.

"Alle Iren sind Geschichtenerzähler", sagte Ex-Journalist Little. Er selbst natürlich eingeschlossen. Und so erzählt er seinem Publikum auf der zusammen mit der Internet-Konferenz re:publica stattfindenden Media Convention Berlin erst einmal die Geschichte, wie er er selbst vom klassischen TV-Sender RTE zu Twitter kam. Ein biographischer, mit eingeflochtenen Anekdoten geschmückter Vortragsstil, wie ihn Manager angelsächsischer Internet-Unternehmen gerne pflegen, um die Zuhörer erst auf ihre Seite zu ziehen und dann zu überzeugen, wie uneingeschränkt toll das von ihnen angepriesene Produkt sei.

Twitter als Emanzipation vom Schleusenwärter

Als Reporter in Afghanistan habe er sich einst ein Werkzeug gewünscht, um sein Publikum unmittelbar an seinen Eindrücken und Erfahrungen dort teilhaben zu lassen, erklärt Little. Twitter gab es damals noch nicht. Dann rattert er durch die bekannten Höhepunkte der Twitter-Geschichte, vom Foto der spektakulären Notwasserung einer Passagiermaschine in New York über die Demonstrationen des arabischen Frühlings bis zur spontanen Massen-Solidarität von Twitter-Nutzern nach den Anschlägen von Paris und Brüssel. "Ein Geschichtenerzähler mit der richtigen Geschichte kann durch Twitter alle Schleusenwärter überwinden", schwärmt Little.

Journalisten bleiben wichtig

Anfangs habe er sogar gedacht, dass Twitter seine Arbeit als Journalist überflüssig machen würde. Weil er wie andere schnell merkte, dass das nicht so wahr ist, gründete er zwischendurch das Unternehmen Storyful, das Berichte von echten oder vermeintlichen Augenzeugen in den sozialen Medien filtert, überprüft und an Redaktionen weiterleitet - klassische Journalistenarbeit. Die schnell gehen muss, denn genau wegen der Geschwindigkeit lieben viele Journalisten Twitter. Wenn es um die schnelle Verbreitung von Nachrichten und Augenzeugenberichten geht, ist das soziale Netzwerk ungeschlagen.

Reichweite allein reicht nicht, Qualität entscheidet

Allerdings merken Medien auch, dass sie über Facebook mit ihren eigenen Inhalten ein Vielfaches mehr an Menschen erreichen. Die blanken Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache. In Deutschland ist Twitter - überspitzt gesagt - eine Blase, in der sich vor allem Menschen aus der Technik- und Medienbranche und jugendliche Fans von YouTube-Stars tummeln. Little bemüht sich, solche Bedenken zu zerstreuen: "Ich habe selbst ein Nachrichten-Unternehmen auf der Basis von Twitter gegründet. Reichweite ist sehr wichtig. Aber nur auf die Klicks zu schauen, ist kein nachhaltiges Modell", sagt er ZAPP. Stattdessen käme es auf die Qualität der Inhalte an und die Zeit, die sich Nutzer damit beschäftigten. "Nur so entstehen virale Inhalte" - und die verbreiteten sich massenhaft auch über die eigentliche Plattform Twitter hinaus.

Twitter will für Medienhäuser attraktiver werden

"Natürlich gibt es Dinge, an denen wir arbeiten müssten", räumt Little ein. "Twitter sucht nach Wegen, wie wir Medienhäusern helfen können, über ihre bei Twitter eingestellten Inhalte auch Geld zu verdienen. Ich bin hier, um einen Dialog mit den Publishern zu beginnen." Aktuell hat Twitter für sein Büro in Berlin mehrere Stellen ausgeschrieben, die sich in Berlin um den Ausbau von Partnerschaften unter anderem mit Medienanbietern kümmern sollen. In den USA hat schon eine aufsehenerregende Partnerschaft abgeschlossen und plant mit seiner Video-Funktion künftig Spiele der NFL zu übertragen.

Livestreaming kein Alleinstellungsmerkmal mehr

Auf der Media Convention preist Little erneut die Möglichkeit für Journalisten an, mit Twitters Videostreaming-Funktion Periscope live Reportagen per Smartphone zu übertragen. Ein Beispiel: Bild-Reporter Paul Ronzheimer war unterwegs mit Flüchtlingen. Inzwischen bietet allerdings auch das reichweitenstärkere Faceboook solches Livestreaming. Twitter muss Angst haben, dass Facebook künftig weitere erfolgreiche Twitter-Funktionen in seine eigenen Plattform integriert und die Alleinstellungsmerkmale schwinden. Gleichzeitig machen Investoren Druck, dass Twitters Nutzerzahl weiter wachsen soll.

Einzigartigkeit ein Schlüssel zum Erfolg

Littles Job ist es, dennoch Optimismus zu verbreiten. Der Geschichtenerzähler redet über die "nächsten zehn Jahre Twitter": "Tu, was du am besten kannst. Die Idee, dass es nur ein einziges Modell gibt, wie Menschen im sozialen Web kommunizieren, ist veraltet. Du musst wissen, wo dein Platz in dieser sich schnell verändernden Welt ist, was dich einzigartig macht - und was deine Nutzer wollen." Was Außenstehende sagten, sei für das Unternehmen nicht so entscheidend.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 04.05.2016 | 23:20 Uhr

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