Stand: 23.03.2018 13:56 Uhr  | Archiv

Social-Media-Nutzer müssen kritischer werden

Facebook hat Nutzerdaten weitergegeben und für Manipulationen nutzbar gemacht - das Unternehmen hat dies zumindest nicht verhindert. Die Kritik an der Social-Media-Plattform und an deren Chef Mark Zuckerberg ist derzeit massiv. Die Folgen des Skandals sind noch unklar.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Bettina Gaus ("taz")

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Hilfreich wäre es schon, sich als Facebook-Nutzer bewusster und konsumkritischer zu verhalten, meint Bettina Gaus in ihrem Kommentar.

Die Empörung ist groß, die Überraschung ist es nicht. Wer wirklich geglaubt hat, bei dem sozialen Netzwerk Facebook sei Datenschutz oberstes Gebot, muss die vergangenen Jahre in einer Höhle gelebt oder aus anderen Gründen jeden Medienkonsum verweigert haben.

Der Skandal könnte weitreichende Folgen haben, die Aufklärung wird lange dauern. Worum geht es? Was bisher festzustehen scheint: Die Datenanalysefirma Cambridge Analytica, die mit dem Wahlkampfteam des heutigen US-Präsidenten Donald Trump zusammengearbeitet hat, erstellte mithilfe einer App Psychogramme von vielen Millionen Facebook-Nutzern. Was noch nicht fest steht: Ob und in welchem Umfang diese Psychogramme eingesetzt wurden, um den Wahlkampf in den USA zu beeinflussen - und welche Rolle Facebook dabei spielte.

Durchsetzung demokratischer Forderungen macht Arbeit

Unternehmensgründer Mark Zuckerberg stellt seine Organisation als Opfer dar, andere bezweifeln das. Die Folge: Die Aktie stürzte ab, große Werbekunden sind abgesprungen, Nutzer legen ihre Profile still und demokratische Institutionen fordern Aufklärung. So weit, so erfreulich. Schließlich ist Aufklärung immer gut. Außerdem steht zu hoffen, dass die neue Datenschutz-Grundverordnung, die in genau zwei Monaten in allen EU-Ländern in Kraft treten soll, die Bevölkerung in den Mitgliedsstaaten besser vor Missbrauch ihrer Daten schützen wird. Sicher ist das angesichts einer komplexen internationalen Rechtssituation allerdings keineswegs.

Sicher ist nur eines: Ohne Engagement jedes einzelnen Nutzers und jeder einzelnen Nutzerin sozialer Medien wird der Druck auf diese Großkonzerne niemals stark genug sein, um eine rechtsstaatliche Lösung des Problems zu erzwingen. Das Stichwort lautet: kritisches Konsumverhalten.

Bislang kann davon allerdings keine Rede sein. Viele Leute sind zu träge, um auch nur die Privateinstellungen ihres Facebook-Accounts zu überprüfen - geschweige denn Allgemeine Geschäftsbedingungen wenigstens zu überfliegen, bevor sie ihnen gutgläubig zustimmen. Alles andere würde Arbeit machen, schon klar. Aber niemand hat je behauptet, dass die Durchsetzung demokratischer Forderungen keine Arbeit macht.

So funktioniert Manipulation

Bei Facebook, ausgerechnet bei Facebook - manchmal ist die Realität wirklich ironisch! - kursiert derzeit ein ziemlich lustiger Post. Darin wird die Behauptung aufgestellt, man könne nicht durch die Nase atmen, wenn man gleichzeitig die Zunge herausstrecke. Danach folgt der Satz: Du hast es gerade versucht und festgestellt, dass es möglich ist, nur, dass du dabei aussiehst wie ein Hund. Und dann: Jetzt lächelst du, weil Du hereingelegt worden bist. Ende der Zusammenfassung.

Stimmt. Stimmt alles. So - genau so - funktioniert nämlich Manipulation. Auch Leute, die sich gefeit fühlen vor jedem gefährlichen Versuch der Einflussnahme auf ihr Unbewusstes, strecken willig die Zunge heraus, empfinden kurz ein Gefühl des Triumphs, weil sie trotz der gegenteiligen Behauptung durch die Nase atmen können - und sind dann ein wenig beschämt und zugleich amüsiert, weil sie durch einen simplen Trick zu einem so albernen Verhalten veranlasst worden sind.

Wir alle können Opfer werden

Üblicherweise ist Manipulation weniger harmlos. Im Zusammenhang mit der Beeinflussung politischer Überzeugungen, Wahlen oder sogar einfachen Konsumverhaltens gibt es allerdings drei Probleme. Das erste: Im Regelfall erfahren die Opfer gezielter Manipulation nicht, dass sie hereingelegt worden sind. Das zweite: Die Opfer sind überzeugt, dass sie bei derart wichtigen Fragen nicht manipuliert werden können.

Es dürfte niemanden geben, der oder die glaubt, Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt zu haben, weil russische Dienste oder ein britisches Datenanalyse-Unternehmen ein Psychogramm erstellt haben. Manipuliert werden in der eigenen Weltsicht immer nur die anderen - man selbst ist klug genau, alle derartigen Versuche zu durchschauen.

Das dritte Problem besteht darin, dass viele Leute glauben, sie hätten ja nichts zu verbergen, also könne Datenklau ihnen auch nicht gefährlich werden. Sie irren sich. Opfer von Manipulation mit allen unerfreulichen Folgen können wir alle werden. So lange diese Einsicht - die ja auch an der eigenen Eitelkeit kratzt - nicht Allgemeingut wird, so lange haben die dunklen Mächte des Internets nichts zu befürchten.

Selbsterkenntnis und einsame Lektüre vor dem heimischen Computer als erste Schritte zu politischem Aktivismus: Das ist neu. Aber in der heutigen Zeit vermutlich wirksamer als manche Massendemonstration.

 

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Facebook kündigt Veränderungen an

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Das soziale Netzwerk gibt sich reumütig. Man habe Fehler gemacht und wolle diese abstellen. Facebook-Manager Cox sagt, die Einstellungen zur Privatsphäre sollen verbessert werden. extern

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Facebook als "Gefahr für die Demokratie"

Politiker sehen angesichts des Facebook-Datenskandals die Demokratie bedroht. Justizministerin Barley will Konzernvertreter zu einer Erklärung zwingen. Mehr bei tagesschau.de. extern

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Private Daten für politische Zwecke missbraucht - der Facebook-Skandal zeigt, wie viel bei sozialen Netzwerken im Argen liegt. Tagesschau.de listet auf, wie alles begann. extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 25.03.2018 | 09:25 Uhr

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