Stand: 02.03.2016 18:21 Uhr  | Archiv

Schleichwerbungsangebote für Technik-Portale

Neues Handy? Neuer Fernseher? Die Auswahl im Bereich der Unterhaltungselektronik ist riesig, ständig kommen neue Produkte auf den Markt. Tests und Produktbesprechungen auf Internetportalen und in der Fachpresse helfen bei der schwierigen Kaufentscheidung. Kein Wunder, dass für viele Unternehmen eine gute Presse im Kampf um den Kunden längst so wichtig ist wie die klassische Werbung.

Seit fünfzehn Jahren testen und besprechen die Journalisten vom Hamburger Technikportal "netzwelt.de" Unterhaltungselektronik von der Drohne bis zum Handy. Das Unternehmen ernährt inzwischen 19 Festangestellte, vier Freie, einen Hund und zwei Geschäftsführer: Die Brüder Sascha und Dirk Hottes. "Wir empfehlen ein Produkt, dann sehen wir durchaus danach die Verkäufe ansteigen, da gehen tausende Euro über die Ladentheke", meint Sascha Hottes. "Es gibt einfach viele Konsumenten, die sich im Internet informieren." Ein einflussreicher kleiner Familienbetrieb. Und daher landen auch immer wieder unmoralische Angebote im Postfach der Technikjournalisten. PR-Agenturen bieten im Auftrag ihrer Kunden Texte an, in denen bestimmte Produkte besprochen oder hervorgehoben werden sollen.

Unmoralische Angebote der PR-Branche

"Inhaltlich und stilistisch soll sich der Beitrag komplett an Ihren bisherigen Veröffentlichungen orientieren. [...] Sie würden für die Veröffentlichung eine entsprechende Vergütung von uns erhalten", so stellt sich eine große deutsche PR-Agentur die Zusammenarbeit mit netzwelt.de vor. Eine andere schreibt: "Die Texter unserer Agentur werden unterhaltsame und professionelle Artikel verfassen, die eine Verbindung zwischen Consumer Electronics und unserem Kunden bieten. Wir werden Sie gerne für Ihre Zeit bezahlen."

Die Intention dahinter ist klar: Die Leser, die sich bei netzwelt.de vermeintlich unabhängig informieren wollen, sollen nicht erkennen, dass es sich hier um einen bezahlten PR-Text handelt. "Solche Anfragen trudeln täglich, wöchentlich mehrmals ein", so Dirk Hottes. "Uns überrascht das nicht mehr."

PR-Rat: eindeutig Schleichwerbung

Umso mehr überrascht es den Vorsitzenden des Deutschen PR-Rates, Prof. Gerhard Bentele: "Ein großer Teil der Anfragen, die ich gesehen habe, war für mich ziemlich eindeutig der Versuch Schleichwerbung anzubieten, das heißt ein intransparenter Geld-Transfer dafür, dass ein Produkt oder eine Dienstleistung irgendwie beworben wird“, urteilt der PR-Fachmann. "Wenn ich einen Artikel lese, für dessen Botschaft bezahlt wurde, und das im Dunkeln bleibt, dann wird der Leser im Allgemeinen getäuscht."

Um ihre Unabhängigkeit zu dokumentieren, setzt die Redaktion von netzwelt.de auf Transparenz. Auf der Internetseite steht, welche Dienstreisen oder Produkte bezahlt wurden und was mit den getesteten Geräten passiert. Ein Vorgehen, das eigentlich Standard sein müsste, denn Schleichwerbung ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verstoß gegen das Wettbewerbsgesetz.

"Influencer Marketing"?

Doch das Unrechtsbewusstsein auf Seiten der Agenturen ist offenbar gering: "Wir sehen dies als Teil des Influencer Marketings an", rechtfertigt sich eine Agentur auf Nachfrage von ZAPP. Und weiter: "Im Influencer Marketing ist es üblich, dass Influencer, [...], in ihrem Stil schreiben. Wichtig ist uns auch immer, dass die Texte [...] entsprechend als Kooperation ausgezeichnet sind.“ Inwieweit solche "Kooperationen" im Technikjournalismus üblich sind, ist unklar. Der Umstand aber, dass PR-Agenturen derart massiv dafür werben, spricht für eine gewisse Offenheit auf Seiten der Technik-Portale und Fachmagazine.

"Es gibt gesetzliche Vorrichtungen, auch in Europa gibt es das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Aber es gibt eine tausend-, hunderttausend und millionenfache Verletzung dieser Gesetze", ärgert sich PR-Rat Gerhard Bentele. "Und es gibt zu wenige Instanzen, die darauf hinweisen und das monieren und es auf die Anklagebank bringen."

Weitere Informationen
mit Video

Produkte platzieren - US-Importe im deutschen TV

05.10.2011 23:20 Uhr
ZAPP

"Globale Verbreitung, ganz einfach", freut sich der Chef einer PP-Agentur. So erreicht Schleichwerbung durch US-Serien auch deutsche Zuschauer oft unerkannt. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.03.2016 | 23:20 Uhr

Mehr Nachrichten

01:26 min

Verkehrsminister wollen Stickoxide reduzieren

28.04.2017 16:00 Uhr
NDR//Aktuell
01:24 min

Erhöhen Bohr-Schlamm-Gruben das Krebsrisiko?

28.04.2017 16:00 Uhr
NDR//Aktuell