Stand: 26.03.2019 17:29 Uhr  | Archiv

Pro und Kontra: Die EU-Urheberrechtsreform

Das Europäische Parlament hat am Dienstag in Straßburg die EU-Urheberrechtsreform komplett angenommen. Nach Darstellung der Befürworter soll die Reform das Urheberrecht für das Internet mit seinen großen Digital-Plattformen wie Youtube oder Google fit machen. Die bislang gültige Richtlinie stammt aus dem Jahr 2001.

Macht die EU in Sachen Urheberrechtsreform alles richtig? Die NDR Info Redakteure Michael Latz und Nils Kinkel haben unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

"Es muss fairer zugehen als bisher", meint Nils Kinkel.

Nils Kinkel © NDR Foto: Christian Spielmann
Es ist gut, wenn in Europa große Plattformen wie Youtube oder Facebook endlich auch Inhalte prüfen müssen, meint Nils Kinkel.

Liebe Netzgemeinde, ich bewundere eure Kreativität und bin auch leidenschaftlicher Nutzer eurer Inhalte. Oft lache ich über GIFs und Memes - diese kleinen Schnipsel, neu aufgelegt, mit viel Humor, millionenfach geteilt. Manchmal auch illegal, weil Bilder einfach kopiert wurden.

Einige von euch sind dadurch auch reich geworden - YouTuber, Influencer. Glückwunsch! Aber nur an die Kollegen, die sich auch an das Zitat- und Bildrecht gehalten haben. Das ist vielleicht mühsam und verhindert Spontaneität. Aber nur wenn die Rechte geklärt sind, will ich eure Filme sehen. Wegen der neuen Ästhetik, der interessanten, ungewöhnlichen Erzählweise.

Keine Frage, das Internet hat die Kultur und die Kommunikation revolutioniert. Schade, dass wegen der veralteten Gesetze dabei viel zu lange Urheber abgezockt wurden. Ich kenne viele Journalisten, Fotografen und Musiker, die von ihrer kreativen Arbeit deshalb nicht mehr leben können. Obwohl große Plattformen Milliarden mit Werbung verdienen, kommt bei den Urhebern oft zu wenig an.

Wenn wir die Bevölkerung von der Digitalisierung begeistern wollen und nicht spalten, dann muss es fairer zugehen als zuletzt. Es ist deshalb gut, wenn in Europa große Plattformen wie Youtube oder Facebook endlich auch Inhalte prüfen müssen - notfalls auch mit intelligenten Suchmaschinen. Das schaffen die Programmierer schon.

Wichtiger als eine neue Technik sind aber die Menschen, die Musikern und Autoren jetzt ein faires Angebot machen müssen. Das ist gut für die Künstler - und auch gut für das Internet.

Kontra

"Die Netzgemeinde muss sich Sorgen machen", meint Michael Latz.

Der NDR Info Redakteur Michael Latz im Portrait. © NDR Foto: Dennis Pfennig
Die EU-Urheberrechtsreform ist dazu geeignet, Kreativität und Meinungsfreiheit abzuwürgen, meint Michael Latz.

Keine Frage: Wer Melodien komponiert, Texte schreibt, Logos entwirft oder vom Fotografieren lebt, sollte auch mitentscheiden können, wo diese Werke veröffentlicht werden und Geld dafür bekommen. Das alte Netz-Motto "Für gut befunden und geklaut" fördert weder Kreativität noch Meinungsfreiheit - sondern trocknet sie aus.

Aber die EU-Urheberrechtsreform hilft da auch nicht weiter, denn sie ist dazu geeignet, Kreativität und Meinungsfreiheit abzuwürgen. Wenn Facebook, Youtube und Co. künftig Urheberrechtsverstöße verhindern sollen, dann werden sie um die heiß diskutierten Upload-Filter nicht herumkommen. Schon jetzt entscheiden zum Beispiel bei Youtube Programme, ob in den Clips geschützte Ausschnitte auftauchen. Und deshalb ist klar, wo die Grenzen liegen. Es sollen zum Beispiel schon private Urlaubsvideos blockiert worden sein, weil im Hintergrund die Melodie eines bekannten Sommerhits zu hören war.

Und nun sollen solche Filter entscheiden, ob der Schnipsel aus einem Hollywood-Film einfach nur geklaut ist oder als Satire gedacht ist? Sie sollen den Unterschied zwischen illegaler Kopie und erlaubtem Zitat erkennen? Und sie sollen auch noch die feinen Unterschiede im nationalen Urheberrecht der EU-Staaten begreifen?

Ich habe daran meine Zweifel. Und ich befürchte, dass die Online-Riesen übers Ziel hinausschießen und schon beim kleinsten Zweifel Inhalte blockieren, um jursitisch auf der sicheren Seite zu sein. Und wer in solchen Fällen glaubt, mit einem Widerspruch etwas ändern zu können, hat sich noch nie mit den namenlosen Beschwerdesystemen der Plattformen herumschlagen müssen.

Ich hätte mir einen anderen Ansatz gewünscht - einen, der das Internet offen und lebendig hält. So aber entscheiden die Plattformen, was ins Netz gelangt.

Den Kreativen hilft das kaum: Sie stehen künftig hilflos daneben, wenn ihre Verwertungsgesellschaften mit den Online-Riesen über Milliarden feilschen - und müssen es nehmen, wie es kommt. Es ist sicher nicht das Ende des freien Internets, aber wir kommen ihm ein schlechtes Stück näher. Liebe Netzgemeinde, ihr habt allen Grund, euch Sorgen zu machen!

Weitere Informationen
Zu sehen ist mathematische Gleichung in Form einer gebastelten Kollage, ein Internet-Symbol und Kaffeefilter ergeben den Artikel 13. © Imago Foto: Christian Ohde

Grünes Licht für EU-Urheberrechtsreform

Das EU-Parlament hat der umstrittenen Reform des Urheberrechts zugestimmt. Auch ein besonders kontrovers diskutierter Artikel fand eine Mehrheit. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 26.03.2019 | 17:08 Uhr

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