Stand: 13.12.2016 16:19 Uhr  | Archiv

Fake News: Wer erst nachdenkt, teilt sie nicht

Das Internet ist aus unserem Leben schon lange nicht mehr wegzudenken. Reisen buchen, Rezepte suchen, Artikel lesen oder mit Freunden kommunizieren - alles ist möglich, und zwar schnell und unkompliziert. Aber mehr und mehr zeigen sich auch die Schattenseiten: Gerade weil es so einfach ist, Dinge zu posten und zu veröffentlichen, setzen sich mehr und mehr auch Fake News durch. Also bewusste Falschmeldungen, die in Windeseile Tausende Menschen erreichen.

Ein Kommentar von Nils Kinkel, NDR Info

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Facebook muss sich mit Wissenschaftlern und Politikern gemeinsam überlegen, wie es seine Glaubwürdigkeit verteidigen kann, meint Nils Kinkel.

Denk nach, bevor du etwas teilst. Was für normale Facebook-Nutzer gilt, das sollen bald auch Computerprogramme entscheiden: was richtig ist oder falsch. So ähnlich stellt sich ein Facebook-Manager ein intelligentes Programm vor, das Falschmeldungen in sozialen Netzwerken verhindern soll. Ein guter Gedanke, nur die Umsetzbarkeit muss ich leider bezweifeln. Wie sollen Algorithmen oder künstliche Intelligenz zwischen Satire und Lüge unterscheiden, wenn schon das Gehirn meiner Facebook-Freunde viel zu häufig auf die Rattenfänger im Netz hereinfällt?

Je dreister die Lüge, umso größer die Diskussion

Es ist zum Verzweifeln, wenn plötzlich Schulfreunde Videos empfehlen, deren Protagonisten den Holocaust leugnen. Manchmal funktioniert die Selbstkontrolle, wenn andere auf Fehler hinweisen, bis sich der Absender entschuldigt. "Sorry, wusste ich nicht." Das Video ist trotzdem geteilt, und jeder weitere Kommentar sorgt für einen viralen Hit.

Das bedeutet, dass Facebook mit der Diskussion des Holocaust-Leugners Geld verdienen kann. Und genau das ist das Problem. Das Geschäftsmodell ist eben nicht die Demokratisierung der Gesellschaft, sondern der Erlös von Werbegeldern. Auch Populisten gehen online shoppen. Noch gefährlicher: Ihre Anführer lassen Inhalte produzieren. Je dreister die Lüge, umso größer die Diskussion. Flüchtlinge, die angeblich Pferde schlachten, interessieren offenbar mehr, als der Tod in Aleppo.

Wem wollen wir vertrauen?

Wenn deutsche Politiker jetzt von Facebook verlangen, Inhalte zu löschen, dann ist das leider naiv. Wie reagieren wohl Kunden, wenn ein Computerprogramm aus Versehen Fakten löscht, weil sie jemand als Fake News gemeldet hat? 1,8 Milliarden Facebook-Mitglieder zu kontrollieren ist einfach unmöglich. Deshalb müssen sich auch die Nutzer immer häufiger fragen, wem sie in Zukunft vertrauen wollen. Bislang bietet Facebook ungefiltert Meinung und Nachrichten. Sollen in Zukunft auch Redakteure bei Facebook arbeiten, die überprüfen, ordnen und bewerten?

Es geht um die Glaubwürdigkeit von Facebook

Für Facebook ist die Antwort auf diese Frage sehr unangenehm. Es reicht nicht mehr aus, Programmierer damit zu beschäftigen, das Problem technisch zu lösen. Facebook muss sich mit Wissenschaftlern und Politikern gemeinsam überlegen, wie es seine Glaubwürdigkeit verteidigen kann.

Wenn nämlich Regierungen soziale Netzwerke regulieren, dann ist es schnell vorbei mit der Meinungsfreiheit, wie beispielsweise in China. Eine sinnvolle Lösung für das Problem gibt es also im Moment nicht. Solange sollten alle 1,8 Milliarden Nutzer nachdenken, bevor sie etwas teilen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 13.12.2016 | 17:08 Uhr

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