Stand: 03.11.2016 06:00 Uhr  | Archiv

Bot-Wahlkampf in den USA - Bald auch bei uns?

von Marie Löwenstein

Der US-Wahlkampf geht in die letzte Runde. Nicht nur Menschen wirken daran mit, sondern auch Roboter. In den sozialen Netzwerken wie Twitter machen sogenannte Bots kräftig Stimmung für Donald Trump und Hillary Clinton, indem sie pro Clinton oder Trump kommentieren. Sie beeinflussen damit die Diskussion, auch offline. Im deutschen Wahlkampf könnte das bald ebenfalls eine Rolle spielen - und das obwohl sich alle großen Parteien dagegen aussprechen.

Hillary Clinton und Donald Trump während des zweiten Fernsehduells © dpa - Bildfunk Foto: Jim Lo Scalzo
Vor allem nach den Fernsehdebatten zwischen Clinton und Trump sollen Bots Stimmung in den sozialen Medien machen.

#MakeAmericaGreatAgain: Tweets unter diesem Hashtag haben Trump-Anhänger nach der ersten Fernsehdebatte gegen Hillary Clinton tausendfach abgesetzt. Könnte man meinen. In Wirklichkeit war jeder dritte Pro-Trump-Tweet von sogenannten Bots - also Software-Robotern - verfasst, fand die Universität Oxford heraus. Bei Clinton war es jeder fünfte Tweet. Deutsche Politiker zeigen sich besorgt über diese Entwicklung. Bundeskanzlerin Merkel auf einer Medientagung: "Solche Mechanismen, wenn sie nicht transparent sind, können zur Verzerrung der Wahrnehmung führen. Sie verengen den Blickwinkel und deshalb gilt es, wirklich daran zu arbeiten, solche Mechanismen zu durchschauen."

Verstoß gegen Twitter-AGB ohne große Reaktion

Manche Bots schicken Dutzende Wahlkampfslogans pro Minute ins Netz. Sogenannte Social Bots können sogar automatisch auf die Hashtags anderer Nutzer reagieren, mit vorgefertigten Textbausteinen. Die Roboter steuern Tausende gefälschte Profile, um mit den Nachrichten die Twitter-Trends zu manipulieren. Das verstößt gegen die Nutzungsbedingungen von Twitter. Doch das Unternehmen tue wenig dagegen, sagt Alexander Sander, Geschäftsführer des Vereins "Digitale Gesellschaft": "Wenn mehrere Hunderttausend Tweets losgeschickt werden wegen der Präsidentendebatte, ist das für Twitter ja auch erst mal eine ganz angenehme Nachricht, weil das ja vielleicht dazu führt, dass neue Leute einen Account anlegen. Von daher haben soziale Netzwerke wahrscheinlich erst mal kein großes Interesse daran, solche Bots weg zu kriegen."

Deutsche Parteien üben offiziell Verzicht - aber einzelne Mitglieder?

Lars Klingbeil, netzpolitischer Sprecher der SPD, hält die Bots für einen Eingriff in die politische Meinungsbildung: "Es ist noch zu früh für politische Maßnahmen, aber irgendwann könnte das mal der Fall sein, dass man aktiv auf die Betreiber zugeht und sagt - ihr müsst löschen." Die Parteien im Bundestag haben versprochen, selbst keine Wahlkampfbots zu nutzen. Alice Weidel von der AfD hatte es dem "Spiegel" gegenüber zunächst in Betracht gezogen. Auf der Partei-Website ruderte sie dann aber wenig später zurück. Ein Missverständnis. Man plane doch keinen Einsatz der Bots. Alexander Sander glaubt nicht, dass man Roboter so aus dem Wahlkampf heraushalten könne: "Man kann das auch als Partei seinen Mitgliedern nicht verbieten. Man kann dazu anraten, man kann sagen, ich möchte das nicht, aber es wird faktisch Teil des Wahlkampfes sein."

Bitte an Medien: Aufklären statt Aufspringen

Die kommende Bundestagswahl würden die Bots noch wenig beeinflussen, prognostiziert Sander. Dafür fehlten in Deutschland die Geldgeber. 2021 könne das schon anders sein, wenn die Bots weiter entwickelt und billiger seien. Sander plädiert deshalb an die Medien: Sie sollten nicht über vermeintliche Twitter- oder Facebooktrends berichten und diese damit verstärken. Wichtiger sei, die Verbraucher aufzuklären. Die Bürger würden so vielleicht weniger auf die Stimmungsmache im Netz geben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 03.11.2016 | 08:08 Uhr

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