Stand: 03.07.2014 14:19 Uhr  - Das Erste

Waffenfirma soll Behörden getäuscht haben

von Robert Bongen, Georg Mascolo, Volkmar Kabisch

"Bitte gebt ihm einmal kräftig auf die Zwölf!" Der Mitarbeiter von SIG Sauer in Eckernförde war an diesem Morgen im August 2011 auf Zinne. Gerade hatte er von einem Kollegen der amerikanischen Schwesterfirma in Exeter (New Hampshire) eine E-Mail bekommen, in der dieser explizit Informationen über die Pistole des Typs SP2022 in Kolumbien weitergibt. Das seien Dokumente, "von denen wir gar nichts wissen sollten", empört sich der deutsche Kollege. Offenbar war ihm sehr wohl bewusst, wie heikel der Deal seines Unternehmens war. Es geht um illegale Waffenlieferungen ins Bürgerkriegsland Kolumbien, um Pistolen, die in Schleswig-Holstein gefertigt wurden und die die amerikanische Schwesterfirma an das US-Militär verkauft hat - im Wissen, dass sie von dort auch an die kolumbianische Bundespolizei gehen. Insgesamt handelt es sich um 98.000 Pistolen im Wert von 70 Millionen US-Dollar.

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Pistolen über die USA nach Kolumbien - ohne Genehmigung

Der Mailverkehr zwischen Exeter und Eckernförde an diesem Augusttag 2011 ist nur eines von zahlreichen Dokumenten, die belegen, dass man bei SIG Sauer in Deutschland über das problematische Geschäft Bescheid wusste. Auch die Aussagen mehrerer Insider, die NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegen, bestätigen dies. Damit erhärtet sich der Verdacht, dass die Waffenfirma geltende Vorschriften umging. Offenbar mit Wissen der obersten Führungsriege lieferte SIG Sauer demnach die Pistolen über den Umweg USA in das Krisenland Kolumbien, obwohl dafür keine Genehmigung vom zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) vorlag.

Export-Kontrollbeauftragte der Firma warnte vor "harten Strafen"

Auf den Exportdokumenten hieß es, die Waffen seien für den zivilen Markt in den USA. In den internen Firmenunterlagen finden sich aber zahlreiche Belege dafür, dass der Waffenproduzent aus Schleswig-Holstein wusste, dass die Waffen an die kolumbianische Polizei weitergeleitet wurden. In einer E-Mail heißt es, Empfänger sei ein "Kunde in Kolumbien". Die Kenntnis dürfte es seit Herbst 2010 gegeben haben. Das Kolumbien-Geschäft lief dennoch zunächst weiter. Erst als die Export-Kontrollbeauftragte des Unternehmens von dem Geschäft erfuhr, kam es zu einem zumindest zeitweiligen Lieferstopp. Sie schrieb in einem dreiseitigen Bericht, sie fürchte eine Razzia der Polizei und "harte Strafen". Auch der Konzernanwalt warnte, das Vorgehen sei "strengstens verboten".

SIG Sauer sieht kein Fehlverhalten

Da auf den Exportdokumenten behauptet wurde, die Lieferungen würden in den USA verbleiben, hätte SIG Sauer demnach falsche Angaben gegenüber den Behörden gemacht. Die Ausfuhrgenehmigung wäre unwirksam, die Lieferung illegal. Den Verantwortlichen drohten wohl bis zu fünf Jahre Haft. Von SIG Sauer hieß es, für die Lieferungen seien nach ihrer Auffassung die US-Behörden verantwortlich. Eine von der Waffenfirma beauftragte Rechtsanwaltskanzlei habe die Geschäfte überprüft: "ein Fehlverhalten der SIG Sauer GmbH & Co KG konnte nicht festgestellt werden".

 

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SIG Sauer Deutschland wusste um das problematische Geschäft

Der Mailverkehr zwischen Exeter und Eckernförde im August 2011 ist nur eines von zahlreichen Dokumenten, die belegen, dass man bei SIG Sauer in Deutschland über das problematische Geschäft Bescheid wusste.
Panorama 3 und die "Süddeutsche Zeitung" hatten bereits im Mai über die SIG Sauer-Lieferungen nach Kolumbien berichtet. Seither prüft die Staatsanwaltschaft Kiel die Vorwürfe, ebenso wie das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Die Ermittler standen bislang allerdings vor dem Problem, SIG Sauer Deutschland nachzuweisen, dass die Firma wusste, wohin die Waffen gingen. Die internen Dokumente, die Panorama vorliegen, liefern nun Belege: In einer E-Mails heißt es beispielsweise, Empfänger sei ein "Kunde in Kolumbien". Die Kenntnis dürfte es seit Herbst 2010 gegeben haben.

Dokumente belegen, dass SIG Sauer vom Geschäft wusste

Waffen für die USA

Das sogenannte Endverbleibszertifikat: hier erklärt SIG Sauer gegenüber dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn, dass die Waffen in den Vereinigten Staaten von Amerika verbleiben - um nicht gegen deutsche Gesetze zu verstoßen. Download (32 KB)

Ärger um eine E-Mail

Ein Mitarbeiter von SIG Sauer ist verärgert über eine E-Mail, in der ein Kollege spezifische Angaben zum Kunden in Kolumbien gemacht hat, "von denen wir gar nichts wissen sollten". Download (28 KB)

Anwalt mahnt an, dass "zwingend keine Lieferung erfolgen" darf

Seit 2000 gehört die SIG SAUER GmbH & Co.KG der L&O Holding an. Deren Rechtsanwalt hat offenbar im April 2011 das Kolumbien-Geschäft geprüft. Er mahnt in einer E-Mail an, dass "zwingend keine Lieferung erfolgen" darf, wenn bereits jetzt "positiv bekannt ist, dass die Lieferung 'am Ende des Tages' in ein Land erfolgen soll, dass nicht vom EUC (dem Endverbleibszertifikat) gedeckt ist. Dies würde ansonsten eine Lieferung ohne Ausfuhrgenehmigung darstellen und ist strengstens verboten." Download (328 KB)

Vorschläge zur Laserbeschriftung

In einer E-Mail macht ein SIG Sauer-Mitarbeiter Vorschläge zur Laserbeschriftung einer Waffe. Das müsse noch vom Produktmanagement und dem "Kunden in den USA/Kolumbien" abgesegnet werden. Download (28 KB)

Der Zielort wird bekannt

Ein Mitarbeiter der amerikanischen Schwesterfirma von SIG Sauer weist auf die Rostproblematik der Pistole SP 2022 hin. Hier wird offenbar, dass die Pistole auch nach Kolumbien geht und nicht in den USA bleibt. Download (43 KB)

Videokonferenz über die Pistole "Sig Pro Kolumbien (USA)"

In der wöchentlichen Videokonferenz zwischen SIG Sauer Eckernförde und SIG Sauer Exeter / USA geht es im April 2011 unter Top 4 und Top 5 um die Pistole "Sig Pro Kolumbien (USA)". Download (511 KB)

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 03.07.2014 | 21:45 Uhr

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