Stand: 17.10.2019 16:19 Uhr

Kambodscha: Die Chinesen sind da

von Holger Senzel, Korrespondent im ARD-Studio Singapur

Kambodscha als sehr armes Land in Südostasien ist auf Hilfe angewiesen - und die kommt meistens aus China. Chinas Einfluss im Land der Khmer wächst stetig. Viele Kambodschaner machen sich deswegen bereits Sorgen. Was sich derzeit allerdings im kambodschanischen Küstenort Sihanoukville abspielt, gleicht schon einer Apokalypse. Der Badeort, früher auch bei westlichen Touristen beliebt, verschwindet buchstäblich. Ein Großteil des Grund und Bodens ist von der Regierung an chinesische Investoren verkauft oder verpachtet. Und die graben Sihanoukville derzeit praktisch um. Mit dem Ziel, ein Spielcasino-Paradies für chinesische Urlauber zu schaffen. Für die Khmer ist buchstäblich kein Platz mehr.

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Die chinesischen Investoren vertreiben die einheimischen Geschäftsleute.

Der Lärm Dutzender Baustellen vereint sich zu einem mörderischen Crescendo. Dröhnende Bagger, ratternde Presslufthämmer, hallende Stahlträger. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: Sihanoukville ist eine Stadt, die niemals schläft. Nachts mischt sich das Flutlicht der Hochhaus-Skelette mit den blinkenden Leuchtreklamen der Clubs und Spielcasinos, ein Vergnügungspark auf einer Baustelle. Gelber Staub hängt in der Luft. Autos, Mopeds und und Tuk-Tuks quälen sich hupend über matschige Wege.

Über den Glasfronten nagelneuer Geschäfte prangen chinesische Schriftzeichen. Die wenigen verbliebenen kambodschanischen Läden kämpfen um das Überleben. "Ich habe jetzt kaum noch Kunden. Früher haben viele Touristen aus dem Westen bei mir eingekauft. Aber seit die Chinesen da sind, bleiben die weg. Sie hören ja, wie unerträglich es geworden ist. Eine einzige Baustelle. Und die Chinesen kaufen nichts bei mir, die haben ihre eigenen Läden eröffnet."

Zwei Tuk Tuks stehen vor dem Spielkasino in Sihanoukville © NDR Foto: Udo Schmidt

Sihanoukville wird verkauft

NDR Info - Echo der Welt -

Die Themen der Sendung: Kenia liest | Sihanoukville in Kambodscha verschwindet | Chinesen säubern Ohren | Ägypter darben | Mexikaner genießen Insekten.

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Das alte Sihanoukville ist verschwunden

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Nicht viel ist vom einst verschlafenen Küstenort am Golf von Thailand übriggeblieben.

Der einstmals verschlafene Küstenort am Golf von Thailand ist kaum noch wiederzuerkennen. Hochhäuser prägen die Skyline von Sihanoukville. 11,5 Milliarden US-Dollar haben chinesische Unternehmer in den vergangenen zehn Jahren investiert. Durch den Bauboom haben sich die Löhne verdreifacht, doch davon haben die Einheimischen kaum etwas. Denn um attraktiv für die chinesischen Investoren zu sein, hat die Regierung in Phnom Penh zugleich die Einwanderungsgesetze gelockert.

Die Folgen seien dramatisch, erklärt Menschenrechtlerin Cheap Sotheary: "Wenn Sie auf die Website der Stadtverwaltung schauen, dann verkünden die voller Stolz, dass die Investitionen aus China in Sihanoukville um 90 bis 95 Prozent gewachsen sind. Der Punkt ist: Die Reichen werden dadurch reicher - und die Armen immer ärmer. Die Chinesen schaffen hier keine Jobs, die bringen ihre eigenen Leute mit. Sogar in ihren Restaurants arbeitet nur chinesisches Personal - und die Kambodschaner haben das Nachsehen."

Es gibt kaum noch Jobs für Kambodschaner

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In Sihanoukville gibt es bereits mehr Spielcasinos als im chinesischen Spielerparadies Macao.

Karaoke-Bars, Tabledance, Nachtclubs, Supermärkte, Massage-Salons, Apotheken - alles chinesisch. Fast 100 Spielcasinos sind in Sihanoukville entstanden, mehr als im chinesischen Spielerparadies Macao. Kambodschanern ist der Zutritt verboten. Theoretisch könnten sie in den Casinos arbeiten, doch die chinesischen Besitzer erwarten, dass ihre Angestellten fließend Mandarin sprechen.

So entstehen trotz Milliarden-Investionen so gut wie keine neuen Jobs für Einheimische. Selbst die Tuk-Tuk-Fahrer haben Konkurrenz bekommen durch chinesiche Unternehmen. Gleichzeitig sind für fast alles die Preise explodiert, erzählt ein Tuku-Tuk-Fahrer: "Früher habe ich 30 Dollar Miete im Monat gezahlt, da waren Strom und Wasser schon mit drin. Inzwischen sind es 150 Dollar, aber selbst wenn ich die zahlen könnte, wäre es egal. Der Vermieter hat mir gekündigt, weil er an Chinesen vermietet hat."

Chinesen übernehmen die Geschäfte

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Der Badeort, früher auch bei westlichen Touristen beliebt, verschwindet buchstäblich.

Explodierende Mieten und Ladenpreise haben viele Kambodschaner aus ihrer Stadt vertrieben, in die Slums am Rande Sihanoukvilles. Sogar die Garküchen auf den Straßen haben Chinesen übernommen. "Es ist beängstigend, beunruhigend", sagt Cheap Sotheary. "Für uns Kambodschaner wirken sie nicht wie Investoren, es fühlt sich eher an wie eine feindliche Besatzung."

Der chinesische Bevölkerungsanteil in Sihanoukville liegt inzwischen bei 20 Prozent. Jahr für Jahr kommen zudem 1,2 Millionen chinesische Touristen in die kambodschanische Küstenstadt, die zumeist unter sich bleiben. Mit ihnen kamen chinesische Mafiabanden, Prostitution, Menschenhandel, Drogen. Die Kriminalitätsrate hat sich vervielfacht.

"Chinesen haben keinen Respekt vor den Einheimischen"

Bei den meisten Kambodschanern sind die Chinesen geradezu verhasst. Und auch, wenn man sich vor Verallgemeinerungen hüten sollte: Ihr rüdes Auftreten ist durchaus augenfällig. Oppositionspolitiker Phan Sokha erlebt es jeden Tag: "Natürlich gibt es auch unter den Chinesen gute Leute. Es geht um Menschen, nicht um Chinesen, Kambodschaner, Amerikaner oder Europäer. Aber eine Menge von den Chinesen hier benehmen sich wirklich schlecht. In meiner Nachbarschaft machen die nachts immer einen Mordslärm, singen, schreien und fluchen. Und wenn ich höflich um etwas mehr Ruhe bitte, dann drohen sie. Und sie werfen ihren Müll auf die Straße. Sie sind unhöflich und haben keinen Respekt vor den Einheimischen."

Kritik von Menschenrechtlerin Cheap

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Der Bauboom in der Stadt ist überall sichtbar.

"Wie sollen sie auch Respekt vor anderen Kulturen haben?", fragt Menschenrechtlerin Cheap bissig zurück. Wo die Regierung in Peking ja selbst die eigenen Leute schlecht behandele: "China ist ein kommunistischer Staat. Die respektieren nicht mal die eigenen Menschen in ihrem Land. Da können wir nicht erwarten, dass die Kambodschaner respektieren. Sie wollen die Macht. Sie kommen ja nicht nur nach Kambodscha, sondern auch nach Laos, nach Myanmar, nach Afrika. Sie nennen sich Investoren, aber in Wahrheit kommen sie als Besatzer in die armen Länder. Und irgendwann bestimmen sie die Regeln. Unsere Regierung in Kambodscha ist so begeistert, dass die Chinesen so viel Geld bringen, dass sie keinerlei Bedingungen stellen was Menschenrechte betrifft etwa oder Demokratie."

Der Westen nimmt zu wenig Einfluss

Und da sieht die kambodschanische Menschenrechtlerin durchaus auch die westlichen Demokratien in der Pflicht. Wenn selbst deutsche Unternehmer aus Angst um lukrative Geschäfte zu Menschenrechtsverletzungen schwiegen: Wer solle dann die chinesische Expansion noch bändigen? Kambodschas Ein-Parteien-Diktatur sicher nicht, die umarme die Investoren geradezu.

Kritik an den Chinesen, weiß Oppositionspolitiker Phan Sokna, sei unerwünscht. Ebenso wie die Frage, wer eigentlich tatsächlich profitiere in Kambodscha von den chinesischen Milliarden. "Ich bin ein Sohn Kambodschas, und ich wünsche mir Veränderung für mein Land. Ich weiß, dass ich auf einer schwarzen Liste der Polizei stehe. Da hängt auch ein Foto von mir auf dem Revier. Sie folgen mir überall hin - und sie wissen natürlich auch ganz genau, dass ich jetzt mit Ihnen rede."

Die kambodschanische Regierung will das chinesische Geld, ergänzt Menschenrechtlerin Cheap: "Sie sind so glücklich, wenn die Chinesen kommen. Aber das Volk ist nicht glücklich."

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NDR Info | Echo der Welt | 20.10.2019 | 13:30 Uhr