Stand: 15.08.2019 15:55 Uhr

Woodstock - Man muss wohl dabei gewesen sein

Woodstock - das legendäre Festival - ging genau vor 50 Jahren in den USA über die Bühne. Und: Überstrahlt nicht längst der Mythos die Wahrheit?

Eine Glosse von Detlev Gröning

"Muss man wohl dabei gewesen sein." Wir kennen die klassische Entschuldigung dafür, der euphorischen Schilderung eines anderen nicht bis in den letzten Begeisterungstaumel folgen zu können. Die Legenden von Woodstock gehören dazu.

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Dieses Bild vom Woodstock-Festival ging um die Welt.

Zum weltweiten Sinnbild des Festivals wurde das jugendliche Pärchen auf dem Album-Cover, eng umschlungen in einer gesteppten Tagesdecke auf dem vermüllten und verkaterten Festivalgelände im Morgengrauen inmitten all der anderen runtergerockten Gestalten, die in überladenen, blumenbepinselten VW-Bussen angerumpelt kamen, sich die Klamotten vom Leibe rissen und alles geraucht haben, was sich in eine Papierrolle krümeln ließ.

Zwar war man mit einem beachtlichen Wohlstandshintergrund angereist -  boomende Wirtschaft, bärenstarke Währung, technologisch Weltspitze -  hatte aber dennoch das dringende Bedürfnis, den heimischen Eliten eine politische Botschaft zu übermitteln: Ihr Spießer könnt uns mal mit Kapitalismus, Krieg und eurer puritanischen Doppelmoral. Wir greifen jetzt zur Gitarre, haben uns alle lieb, und dann läuft die Schose.

Danach demonstrierten sie drei Tage lang zu Janis Joplin, Grateful Dead und im Chaos der Begleitumstände, was auf der Welt an Frieden und Miteinander alles möglich wäre, wenn sich diese Stimmung letztlich dann nicht doch wieder zerschlagen würde.

Und das tat sie so gründlich, dass mir die Amerikaner inzwischen endgültig ein Rätsel geworden sind. Wenigstens ein Teil der alten, weißen, zornigen Trump-Anhänger wird doch auch mal jung gewesen sein und irgendwo zwischen Hasch und Hendrix in Woodstock oder auf einem ähnlichen Event gezeltet haben.

Kann man also womöglich heute zu Joan Baez die Räucherstäbchen anzünden und morgen das Raketenarsenal aufrüsten? Heute Santana bejubeln und morgen die Mexikaner hassen? Heute Love and Peace proklamieren und morgen auf sein Recht auf den Besitz eines Sturmgewehres pochen?

Oder sind das alles "Missing Sixties", die sich auch bei uns von ihrer eigenen Jugend ferngehalten und zu Hause "Heidschi Bumbeidschi" anstatt der Stones aufgelegt haben? Wollen wir es hoffen, denn bei solchen Fragen kann man ja auf seine alten Tage Angst vor sich selbst und dem endgültigen Verrat an seinem 20-jährigen Alter Ego bekommen.

Das Paar auf dem Woodstock-Cover scheint sich in jeder Weise treu geblieben zu sein -  auch jetzt beim Woodstock-Rückblick in ihrer Senioren-Stilmöbel-Gemütlichkeit - und versucht, so begeistert wie wortreich, ihre Empfindung auf dem alten Foto in Worte zu fassen.

Allein es gelingt ihnen nicht. Man muss wohl einfach dabei gewesen sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 15.08.2019 | 18:25 Uhr