Stand: 27.08.2019 14:50 Uhr

Sei doch mal hip - und werde Bäcker!

Die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk geht seit Jahren zurück. 2018 wurden nur rund 140.000 Ausbildungen begonnen. Bei den Frauen beliebt sind die Berufe Friseurin und Fachverkäuferin im Lebensmittel-Bereich, bei den Männern Kfz-Mechatroniker und Elektroniker. Aber wo bleibt da das Bäcker-Handwerk?

Eine Glosse von Nils Heinrich

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Der Bäcker-Beruf hat Zukunft. Wetten, dass ...?!

Deutschland 2019. Eine Bäckerei nach der anderen macht dich. Aber nicht, weil sich Glutenunverträglichkeit zum Breitensport entwickelt hat. Nein, Schuld am Bäckersterben ist der gute germanische Geiz. Eher frisst der Deutsche Fensterkitt, als seinem 100.000-Euro-SUV neue Felgen vorzuenthalten.

Und weil's schön billig ist, geht man immer öfter in den Backshop, statt beim Bäcker seine Leitkultur auszuleben. Identität ist zwar schön, aber sie darf kein Geld kosten. Lieber holt man sich morgens nach der Pegida-Demo einen billigen Brötchen-Nachbau aus Klon-Weizenmehl und Backtrieb-Chemie, hergestellt in derselben chinesischen Fabrik wie das iPhone, mit von Schweröl betriebenen Containerfrachtern klimakillend hierher verschifft, vom Lohnsklaven aufgebacken, vom Kunden selber aufs Tablett gegriffelt, von Schülerpraktikanten abkassiert - und auch noch selber eingetütet.

Ein Bäcker bestäubt Teigrundlinge in der Backstube mit Mehl. © dpa picture alliance Foto: Jens Büttner

Der Bäcker-Beruf braucht einen Image-Wandel

NDR Info - Auf ein Wort -

Niemand will mehr Bäcker werden. Man kann ja auch nicht ausschlafen. Das Image des Bäckers ist schlecht. Höchste Zeit, das zu ändern, meint Nils Heinrich in seiner Glosse.

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Gleitzeit macht's möglich: Frühstück um 15 Uhr

Warum tun das die Leute? Und warum ist Bäcker kein ehrenwerter Beruf mehr? Es war doch noch nie so leicht wie jetzt! Man muss ja gar nicht mehr morgens um eins aufstehen, so wie früher in der muffigen alten Arbeitswelt. Die gleitende Arbeitszeit der Leute macht es möglich, seinen Bäckerladen erst nachmittags um 15 Uhr zu öffnen. Und dann kommen sie zum Frühstück, die Homeoffice-Menschen, die Start-up-Hipster, die Hortkinder und die ausgeschlafenen Elternzeit-Eltern.

Wenn die Bäckerei zum angesagten Hotspot wird

Und wer empfängt sie dort? Ein glücklicher Bäcker. Ein Mensch, der sein eigener Chef ist. Bei ihm riecht's immer gut, es gibt knusprige Kuchenränder zu naschen. Und rohen Keksteig! Roher Keksteig ist vor allem bei jungen Frauen mega angesagt. Steckt in jedem Eis und auch schon in Pralinen drin.

Und wer macht rohen Keksteig? Na? Der Bäcker! Mit rohem Keksteig kann man Influencer anlocken. Zack, machen sie ne Insta-Story, und deine Bäckerei ist der angesagte Hotspot!

Brötchen essen sie immer!

Außerdem hat niemand eine bessere Körperhaltung als der Bäcker. Er sitzt nicht am Rechner, und er hängt den Kopf nicht zum Smartphone runter. Weil er keine Zeit hat vor lauter Work-out am Backofen-Schieber. Durchtrainiert, mit breitem Rücken und nach rohem Keksteig duftend - mir fiele niemand ein, der heißer wäre.

Also: Lasst das studieren, Leute. Mit einem abgeschlossenen Studium in Politikwissenschaften wird man höchstens Umweltminister - und das will heute keiner freiwillig machen.

Lieber jetzt noch beim letzten lebenden Bäckermeister in die Lehre gehen und in vier Jahren mangels Bäckerkonkurrenz ein Monopol haben. Die Brötchenpreise selber festlegen, herrlich. Und wenn die Rohling-Fabrik in China wegen Trumps Handelskrieg am Boden liegt, und wenn keiner mehr Felgen braucht, weil Autos verboten sind, kommen sie alle wieder angekrochen. Denn: Brötchen essen sie immer!

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 27.08.2019 | 18:25 Uhr