Stand: 21.10.2019 15:35 Uhr

Glosse: Auf der Nachtseite des Bildschirms

Das Leben vor dem Bildschirm kann anstrengend, ermüdend und sogar gesundheitsgefährdend sein. Noch schädlicher und zermürbender ist nur das Leben hinter dem Bildschirm, wenn man als Behördengänger oder Bestellkunde hilf- und tatenlos erleben muss, wie der tippende und klickende Dienstleister mit seinem Latein ans Ende kommt. Eine Nervenprobe des Alltags, an der auch Detlev Gröning regelmäßig scheitert.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Normalerweise verfüge ich über ein schwaches Zahlengedächtnis, aber die 811-2-33-43-5-4-8 bleibt für immer hängen. Das ist die Seriennummer auf der Rückwand eines Monitors, auf dessen Vorderseite die Fachkraft einer Badmöbel-Abteilung den ausgestellten Waschtisch "Pillepalle Campino" aus mundpoliertem Granit bereits nach anderthalb Stunden auch im Computer gefunden hatte. Eigentlich wollte ich bloß Emaille glasiert, war aber mittlerweile bereit, jedes auch nur annähernd ähnliche Fundstück auf der Tagseite des Bildschirms zu akzeptieren.

Eigentlich stehe ich auf Digitalisierung, weil sie meine Welt entschleunigt: Wenn die Kellnerin für drei Bier zu je 2,50 Euro den Taschenrechner zückt, wenn der Wechselgeld-Automat in der Post auf Godot wartet, oder wenn meiner Vorderfrau an der Kasse irgendwo im Pflanzenmarkt der Barcode vom Primelpott gesegelt ist, von dem nur ein Mensch auf dieser Welt weiß, was der kostet, und der ist gerade zu Tisch. Das ist Satirefutter aus der Sterne-Küche!

Etwas ganz anderes ist es, wenn man in seiner Rolle als 12-stellige Kundennummer bei Banken, Behörden, Versicherungen oder am Teiletresen der Kfz-Werkstatt vorspricht und dort eine schweigende Ewigkeit lang von einem angebissenen Apfel angeglotzt, von einer durchkreuzten Mülltonne auf die Entsorgungsvorschriften für diesen Bildschirm hingewiesen oder eben von einer Inventarnummer in ein Zahlenrätsel gezwungen wird.

Irgendwann hatte ich Summe, Produkt sowie die Quadratwurzel besagter Ziffernkolonne auf der Bildschirmrückwand ermittelt - krumme Ergebnisse, die hier nicht weiterhalfen - und dabei wenigstens versucht, den dornigen Weg durch die Eingabemaske an der Mimik des tippenden Gegenübers  nachzuvollziehen, wie ein Pokerspieler, der das verdeckte Blatt im Gesicht seines Gegners liest. Unterlegt ist die moderne Datenverarbeitung meist mit den missmutigen Fragmenten eines  Selbstgesprächs: "Nanu? ... was ist das denn? ... da müsste doch eigentlich ... nee, wieso komm ich hier jetzt nicht rein?"

Es ist ein Gefühl wie bei einem Friseur, der die Spiegel abgenommen hat, oder wie beim wortlosen Seufzer von der Rückbank während der Fahrprüfung. 

Nach einer weiteren halben Stunde musste der Fachmann aufgeben, oder wie wir Schachspieler sagen: Matt in 53 Klicks.

Er könne leider nicht sagen, in welcher Kalenderwoche mein Waschtisch geliefert wird. Ich konnte es, denn die stand für uns galaktische Anhalter als Quersumme der Seriennummer auf der Nachtseite des Monitors: 42! Die Antwort auf alle Fragen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 21.10.2019 | 18:25 Uhr