Stand: 15.06.2012 16:47 Uhr  | Archiv

Schädelbruch nach Polizeieinsatz?

von Andrej Reisin
Polizisten setzen während einer Demo gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg Pfefferspray ein. © dpa / Picture Alliance Foto: Christian Charisius
Polizisten setzen während der Demonstration gegen einen Nazi-Aufmarsch in Hamburg Pfefferspray ein.

Tausende Menschen haben Anfang Juni in Hamburg gegen einen Aufmarsch von Neonazis protestiert. Dabei kam es auch zu Blockaden der Demonstrationsroute und gewalttätigen Ausschreitungen seitens der Gegendemonstranten. 38 Polizeibeamte wurden verletzt. Der Polizei wird nun vorgeworfen, auch gegen friedliche Blockaden mit berittenen Polizisten, Wasserwerfern, Pfefferspray und Schlagstöcken vorgegangen zu sein.

Bereits unmittelbar nach den Ereignissen wurde der massive Polizeieinsatz von verschiedenen Oppositionsparteien der Hamburger Bürgerschaft und einigen Medien kritisiert. Daher wird sich der Innenausschuss des Stadtparlaments am 21. Juni in einer Sondersitzung mit dem Polizeieinsatz befassen. Panorama hatte in der vergangenen Woche zum wiederholten Mal über Polizeigewalt ohne Konsequenzen für die Beamten berichtet.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Wie die "Hamburger Morgenpost" berichtete, sollen sächsische Polizeibeamte, die zur Unterstützung vor Ort waren, eine Demonstrantin schwer verletzt haben. Sie erlitt einen Schädelbruch. Nach ihren eigenen Angaben hatte sich die Geschädigte nach einer Aufforderung der Polizei von einer Sitzblockade auf der Nazi-Route entfernt. Plötzlich sei sie von einem Beamten geschlagen, mit Pfefferspray traktiert und anschließend über einen Betonpoller geschubst worden. Dadurch sei sie rückwärts gefallen und mit dem Hinterkopf auf den Asphalt geprallt.

Demonstranten sollen Erste Hilfe geleistet haben

Der Pressefotograf Benjamin Leufer, der kurz zuvor am Ort des Geschehens Bilder vom Polizeieinsatz gemacht hatte, schildert den Hergang des Zwischenfalls ähnlich wie die verletzte Demonstrantin: Diese sei über ein Beton-Hindernis geschubst worden und dadurch gestolpert. Auch er selbst habe mehrere Hindernissen am Boden im Laufschritt überspringen müssen, um den Polizisten auszuweichen. Obwohl die Frau mit einer blutenden Platzwunde am Boden gelegen habe, hätten sich die Beamten entfernt und keine Erste Hilfe geleistet. Stattdessen hätten sich andere Demonstranten um die Erstversorgung der Schwerverletzten gekümmert.

Nach Angaben der 42-Jährigen diagnostizierten die behandelnden Ärzte im Krankenhaus eine Fraktur des sogenannten Felsenbeins. Dabei handelt es sich um den härtesten Knochen im gesamten Schädel, der als Teil der Schläfe das Innenohr umgibt und schützt. Zunächst war die Patientin auf eigenen Wunsch wieder aus der Klinik entlassen worden, musste allerdings wenige Tage später erneut ins Krankenhaus eingeliefert werden - mit einer halbseitigen Gesichtslähmung, die bis heute anhält. Zudem könne sie auf dem betroffenen Ohr derzeit nur stark eingeschränkt hören.

Hamburger Innenbehörde untersucht Vorfälle

Wolfgang Kopitzsch © dpa Foto: Christian Charisius
Hamburgs Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch (SPD) hatte den Polizeieinsatz vom 2. Juni ausdrücklich als "umsichtig und angemessen" gelobt.

Laut dem Sprecher der Hamburger Innenbehörde, Frank Reschreiter, wird der Polizeieinsatz derzeit "polizeiintern wie auch juristisch nachbereitet". Jeder "Vorwurf strafbarer Handlungen" werde geprüft: "Zu dem in der "Hamburger Morgenpost" geschilderten Fall hat das Dezernat für Interne Ermittlungen (D.I.E.) Ermittlungen von Amts wegen aufgenommen, die noch nicht abgeschlossen sind", so Reschreiter weiter.

Eine Anzeige der betroffenen Frau sei dagegen bislang nicht eingegangen. Insgesamt liegen dem Dezernat für Interne Ermittlungen laut Innenbehörde derzeit acht Strafanzeigen vor, die im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 2. Juni gegen Mitarbeiter der Polizei gestellt wurden. Sechs davon beträfen den Vorwurf der Körperverletzung im Amt. Darüber hinaus sei bei der Staatsanwaltschaft eine weitere Strafanzeige gegen einen noch nicht ermittelten Polizeibeamten wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung eingegangen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama | 15.06.2012 | 21:15 Uhr

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