Stand: 18.01.2019 12:24 Uhr

Philippinen: Knarren aus dem Urwald

von Holger Senzel, Korrespondent im ARD-Studio Singapur

Die Philippinen sind nicht als sonderlich friedlich bekannt. Auch, weil Präsident Rodrigo Duterte gerne mit größter Brutalität gegen Drogenhändler und Drogensüchtige vorgeht. Waffenbesitz ist auf den Philippinen fast selbstverständlich. Das Herstellen, das Schmieden von Waffen übrigens auch. Waffen aus Altstahl - ein Handwerk, nennen wir es einmal so, das geradezu eine uralte Familientradition darstellt - eine illegale natürlich. In der Region um Danao werden Revolver, Pistolen und Sturmgewehre hergestellt, die ihren Vorbildern bis auf das Firmenlogo gleichen und wegen der hohen Kriminalität großen Absatz finden.

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Ein Holztisch unter einer Plastikplane - das ist die "Werkstatt" der Waffenschmiede.

Hähne krähen, Schweine grunzen, eine Frau wäscht Kleider in der Blechwanne vor einer Hütte, Kinder füttern Schweine. Aus dem üppig grünen Regenwald vor dem Dorf klingt fernes Hämmern. Ein versteckter Pfad führt durchs Unterholz zur Werkstatt - ein Holztisch unter einem Dach aus Plastikplane, jeder deutsche Heimwerkerkeller ist besser ausgestattet. Männer mit schwieligen Händen hämmern, feilen und sägen an Stahlplatten, biegen Federn, härten Metallteile im Holzkohlefeuer. In fünf Tagen wird das eine Waffe sein.  

Illegales Schmieden unter Plastikplanen

"Das wird eine Colt Automatic-Pistole im Kaliber 45. Andere Schmiede hier im Dorf bauen andere Waffen, zum Beispiel Sturmgewehre oder Revolver, aber in der Regel sind sie alle nur auf einen bestimmten Typ  spezialisiert. Wie diese Colt-Pistole. Cooles Teil, oder?" Noel ist ein wenig nervös. Am Tag zuvor war die Polizei im Urwald und hat zwei Nachbarschmiede hochgenommen. Noel und Nilo haben ihre kleine Werkstatt noch rechtzeitig versteckt. Früher konnten sie die Polizisten bestechen, aber seit Rodrigo Duterte Präsident ist, geht der Staat härter gegen die illegalen Waffenschmiede vor, sagt Noel: "Meistens erfahren wir vorher von einer Razzia. Von unseren Kontaktleuten in Danao, die sehen, wenn die Polizei ausrückt. Aber manchmal überraschen sie uns auch. Und dann nehmen sie alles mit. Jedes Werkzeug, jedes Stück Stahl, jede Feder, alles. Als Beweis. Und wir gehen in den Knast."

Attraktive, unregistrierte Pistolen

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Die Pistolen sind bei Kriminellen sehr beliebt, weil sie keine Seriennummern haben.

Dass die Waffen aus den Urwaldschmieden keine Seriennummern haben, macht sie für Kriminelle außerordentlich attraktiv. Aber auch der ein oder andere Polizist weiß eine unregistrierte Pistole neben seiner offiziellen Dienstwaffe zu schätzen. Bürger, die sich schützen wollen, aber keinen Waffenschein bekommen - Kunden gibt es genug. 20.000 Peso, rund 350 Euro kostet eine Pistole bei Noel und Nilo, weniger als die Hälfte des Originals. Und die Qualität? Fast so gut wie die aus der Fabrik, ist Nilo überzeugt.

Traditionelles Handwerk im Verborgenen

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Das Handwerk haben die Schmiede von ihren Vätern gelernt - philippinische Familientradition seit Generationen.

Das Handwerk haben die Schmiede von ihren Vätern gelernt - philippinische Familientradition seit Generationen. Schon im philippinisch-amerikanischen Krieg gegen die Spanier Ende des 19. Jahrhunderts bauten Noels Vorfahren Waffen für die Untergrundkämpfer. Sein Großvater hat dann im zweiten Weltkrieg philippinischen Guerillas Waffen für den Kampf gegen die japanischen Besatzer geliefert. Und sein Vater reiste für die Yakuza nach Japan, um vor Ort Schießeisen für die Banden zu schmieden. 

Früher haben sie Revolver gebaut, jetzt Selbstladepistolen - die sind anspruchsvoller in der Herstellung, sagt Nilo. "Ja, das ist sehr schwer, schauen Sie sich diese ganzen Teile an. Das muss alles passen und ineinandergleiten. Falls das Verhältnis nicht stimmt vom Gewicht der Teile und der Stärke der Federn - dann wird die Pistole später Ladehemmungen haben." Oder sie fliegt dem Schützen um die Ohren, denn bei der Explosion der Treibladung einer Patrone entstehen gewaltige Kräfte. Noel und Nilo bevorzugen den Stahl versunkener Schiffswracks, der ist besonders zäh, sagen sie.

Das Einkommen ist überschaubar

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Die Fälschungen sind vom Original äußerlich nicht zu unterscheiden.

Fünf Pistolen fertigen Noel und Nilo im Monat. Der sogenannte Runner - also Läufer - holt die fertigen Waffen ab und übergibt sie an den Broker, der die Endkunden beliefert. Für die Schmiede bleiben zwischen 300 und 500 Euro monatlich. Als Handwerker in der "Shooters arms factory" - einer legalen Waffenfabrik in Danao - würde Noel fast dasselbe verdienen. Ohne Angst vor der Polizei. "Aber dann müsste ich jeden Morgen zur Schicht fahren. Hier bin ich bei meiner Familie - und bin frei."

"“Klar haben unsere Frauen Angst," gesteht Nilo, "aber was wollen sie machen. Wir ernähren die Familie mit diesem Job." Rahmen, Schlitten, Lauf, Federn, Abzug, winzige Stifte - 46 Teile bei einer Colt Government 1911. Der Schmied nimmt sie nacheinander vom Tisch und setzt sie mit  affenartiger Geschwindigkeit zusammen. Lädt durch, horcht auf die Mechanik - und lächelt: "So jetzt ist sie fertig, schau sie dir an. Eine echte Schönheit, oder?"

Die Fälschungen sind ziemlich perfekt

"Made by Colt LTD, Hartford, USA" steht auf dem mattschwarzen Rahmen der Kopie - vom Original äußerlich nicht zu unterscheiden. Die Kinder schauen neugierig zu, als Noel einen Testschuss in die sandgefüllte Tonne abfeuert. Waffen, scharfe Munition und dazwischen dieses Gewusel dutzender Kinder. "Mein Sohn kann mit acht schon eine Pistole zerlegen und wieder zusammensetzen", sagt der Schmied stolz. Wird er die Familientradition fortsetzen? "Auf keinen Fall", erklärt Lani bestimmt, "ich mach die Schule zu Ende. Und dann gehe ich vielleicht zur Marine. Kurze Pause, herausfordernder Blick zum Vater: Oder ich werde Polizist."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 20.01.2019 | 13:30 Uhr