Stand: 12.07.2018 17:09 Uhr

Nenn es nicht Pferderennen: der Palio von Siena

von Jan-Christoph Kitzler, Korrespondent im ARD-Studio Rom
Beim Palio rasen zehn Pferde mit ihren Jockeys über die Piazza del Campo und die Menschen feuern sie frenetisch an.

Vergessen Sie alles, was Sie über Pferderennen wissen: Zwar rasen zehn Rennpferde mit ihren Jockeys zwei Mal im Jahr jeweils drei Runden auf der berühmten Piazza di Campo in Siena entlang, aber der Palio ist viel mehr als das. Die Ortsteile von Siena - Contrada genannt - streiten sich das ganze Jahr darum, wer am Ende ein begehrtes Stückchen Stoff gewinnt. Monatelang wird geschachert, damit auch ja nicht die gegnerische Contrada gewinnt. Und dann muss man sich auf allerlei Unwägbarkeiten vorbereiten: Die Pferde werden erst wenige Tage vor dem Rennen ausgelost, die Fantini genannten Jockeys sind manchmal unzuverlässige Gesellen. Es wird bestochen, dass sich die Balken biegen - und am Ende entsteht durch den Kampf gegeneinander ein Gemeinsinn, der einzigartig ist.

Wer den Palio von Siena begreifen will, der sollte sich Zeit nehmen und schon vorher kommen. Denn wenn zwei Mal im Jahr zehn Pferde mit ihren Jockeys, den Fantini, über die berühmte Piazza del Campo rasen, dann kann man ohnehin mit niemandem in Ruhe sprechen. Dann kocht Siena vor Leidenschaft. Mit etwas Abstand aber kann man Menschen treffen, wie Roberto Barzanti: Er ist fast 80 Jahre alt, war mal Bürgermeister von Siena, später Vizepräsident des Europaparlaments. "Der Palio ist kein Pferderennen. Das ist nur ein Vorwand, oder die Gelegenheit für ein Fest der Gemeinschaft, für Siena, dass trotz aller Angriffe über die Jahrhunderte in den Herzen und in der Leidenschaft der Menschen überdauert hat."

Der große Kampf der Stadtteile

17 Stadtteile, Contrade, gibt es in Siena. Zehn dürfen jeweils mitmachen. Sieben, die beim letzten Mal nicht dabei waren, und drei, die ausgelost werden. Sie heißen Oca, also Gans, oder Tartuca, Schildkröte, oder Drago, Drache. Manche von ihnen sind seit Jahrhunderten verfeindet - und so einzigartig der Palio ist, so sehr ist er auch typisch italienisch, sagt Roberto Barzanti. "Der Palio ist Ausdruck von Einzelinteressen, wie es für Italiens Kultur typisch ist. Hier gibt es 17 Contrade in einer Stadt. Hier gab es schon immer einen gewissen urbanen Narzissmus. Das war schon immer eine Stadt, die sich selbst gespiegelt hat. Henry James zum Beispiel hat gesagt: 'In Siena ist alles sienesisch, aber alles hat seinen Höhepunkt überschritten.' Denn es gibt diese Erinnerung an eine Größe, die es nicht mehr gibt, aber die sich auch nicht vollständig aufgelöst hat."

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Der Jockey Giovanni Bruschelli, genannt Trecciolino, hat schon dreizehn Mal den Palio gewonnen.
Es geht um das Tuch

Rund um den Platz läuft ein Festumzug, der an die alten Stadtteile, die Contrade erinnert. Auf einem Wagen, von vier riesigen weißen Stieren gezogen, ist der Palio zu sehen. Es ist ein Tuch, das jede Contrada, die im Rennen ist, gewinnen will. Dann kommen die Fantini, auf ihren Pferden. Dabei ist auch Giovanni Bruschelli, genannt Trecciolino. Dreizehn Mal hat er schon gewonnen. Beim 14. Sieg würde er den Rekord einstellen. Doch Bruschelli wird fünfzig, ist der älteste Starter im Feld. Schon vor dem Palio hat er seine Chancen realistisch eingeschätzt. "Ich bin über den Punkt hinaus, wo ich der beste Fantino war. Jetzt gibt es drei, vier Jüngere, die dran sind, die gewonnen haben und denen die Contrade mehr zahlen. Auch für die Zukunft. Ich bin in gewissen Situationen vielleicht ganz nützlich, aber wenn ich in die Zukunft schaue, dann ist das Geburtsdatum in meinem Ausweis natürlich eine Last."

Am Ende siegt der Zufall

Das Problem beim Palio ist: Nichts ist klar. Die Pferde werden ein paar Tage vor dem Rennen ausgelost, dann erst engagieren die Contrade die Jockeys. Und beim Rennen ist die Startposition das Wichtigste - auch die entscheidet sich erst in letzter Sekunde. Bruschelli ist, natürlich ein guter Reiter, er hat viel Erfahrung. Aber er sagt: Entscheidend ist, dass man im Kopf elastisch ist. "Beim Palio ist es wie im Leben: Du kannst planen, was Du willst, und dann passiert etwas Unvorhergesehenes. So ist das. Du trainierst das ganze Jahr, du bereitest die Pferde vor. Aber du weißt nicht, ob du am Ende drauf sitzt, oder das Pferd an einen anderen geht, den du nicht abkannst - und dann hast du ihm das Pferd trainiert. Du kannst schlecht aussehen, wenn du für deine Contrada verlierst, aber genauso, wenn die verfeindete Contrada gewinnt. Bis zum Schluss weißt du nichts."

Organisierter Wahnsinn

Das ganze Jahr über wird gedealt. Da werden Absprachen mit den Fantini getroffen, Bündnisse geschmiedet, Szenarien durchgespielt - und am Ende kommt dann doch alles anders. Wichtiger noch als ein eigener Sieg ist, dass die gegnerische Contrada nicht gewinnt. Der Palio ist kein Pferderennen. Das ist organisierter Wahnsinn, gelebte Gemeinschaft, die aus dem Wettstreit entsteht. Und wenn eine Contrada gewinnt, wird es teuer, sagt Francesco Cillerei, der Chef der Oca, der Gans, die bisher die meisten Palios gewinnen konnte. "Das ist das einzige Spiel, wenn man es so definieren will, wo der Sieger zahlt. Normalerweise kassiert der, der gewinnt, aber hier muss man zahlen. Das ist schon mal nicht normal. Der Palio, die Contrada ist das Herz, die Seele, der Geist. Freiwilliges Engagement. Man lebt die Contrada, man wird darin geboren und man stirbt dort."

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Ganz Siena ist auf den Beinen - fiebernd für die eigene Contrada.
Zwei Minuten entscheiden über alles

Und all das verdichtet sich zu einem Pferderennen, das keine zwei Minuten dauert. Am Morgen haben Pfarrer in den Contrade die Pferde gesegnet. Jetzt müssen sie nacheinander in die Startbox, bis auf das zehnte Pferd - wenn das reinreitet, wird das straff gespannte Tau gelöst - und die Pferde rasen los. Doch vorher laufen die Spielchen. Die Fantini versuchen es zum letzten Mal mit Bestechung, damit das Rennen auch ja erst dann startet, wenn sie in einer günstigen Position sind. "Jedes Mal, wenn der Moment kommt, dann frage ich mich: Warum bist du nicht woanders geboren, in einer anderen Stadt. Denn das ist ein Leiden. Aber auch wenn wir nicht mit machen, wenn du, wie man in Siena sagt, einen Touristenpalio machst, weil du nicht mitmachst und auch nicht dein Gegner: Dann spürst du trotzdem diese Angst, dieses Zittern, was man nicht beschreiben kann."

Und dann löst sich diese endlose Spannung. Das Rennen geht los. Die 15.000 Menschen auf dem Platz sind ein einziger Schrei. Drei Fantini fallen schon in der ersten gefährlichen Kurve von ihren nassgeschwitzen Pferden - sie reiten ohne Sattel. Auch Giovanni Bruschelli wird es nicht ins Ziel schaffen. Dafür gewinnt Drago - der Drache! Die ganze Nacht werden die Mitglieder der Contrada mit ihren Fahnen durch die Stadt ziehen - immer wieder. Bis zum nächsten Palio. Bis zum nächsten Wahnsinn. Der alles ist, nur kein Pferderennen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 15.07.2018 | 13:30 Uhr