Stand: 13.02.2019 15:53 Uhr

Indien: Die Heiligen Kühe sind ein Politikum

von Gerd Wolff, Korrespondent im ARD-Studio Neu Delhi

Indiens Wahlkampf nimmt Schwung auf. Zwischen Streit um Korruptionsbekämpfung und Mindesteinkommen ist Platz für skurrile Debatten: Wie heilig dürfen Kühe noch sein, wenn sie die kargen Felder plündern? Die Bauern sind sauer. Und inmitten des Streits kümmert sich eine Dame aus Deutschland um gequälte und geschändete Rinder.

Bild vergrößern
In der Stadt, auf der Autobahn und sogar in Schulen: Die Kühe treiben sich überall herum.

Die Kühe kamen in der Nacht. 35 Rinder standen plötzlich in den Klassenräumen der staatlichen Schule im Dörfchen Yikhar, auf halbem Weg zwischen Delhi und Agra. Die Tiere hinterließen keinen sehr guten Eindruck, und auch sonst einiges.

Kühe drin, Schüler draußen - das Spektakel dauerte lange Stunden. Und dass die Polizei nun gegen mehr als 100 Bauern ausgerechnet wegen Tierquälerei ermittelt, ist ein Witz. Den Kühen in der Klasse ging es so gut wie lange nicht, aber vielen Bauern in Uttar Pradesh, dem Bundesstaat mit den meisten Menschen in Indien, geht es schlecht.  

Kümmern um verletzte Kühe

Bild vergrößern
Millionen Kühe durchstreifen Stadt und Land, denn sie haben Hunger.

Eine der Kühe ist Shamsundar. Das Stockmaß oben auf dem Hubbel am Nacken wird bei 1,75 Meter liegen. Shamsundar ist weiß, die Hörner sind lang, und wenn die feuchten Nüstern auf die Brille des Gegenübers patschen, dann tun sie das mit einer Zärtlichkeit, die man von Bullen der niedersächsischen Tiefebene beim besten Willen nicht gewohnt ist. Shamsundar ist ein Pflegefall.

"Die Tiere liegen auf der Straße, sie haben Unfälle, und die alten werden ausgesetzt. Die Hunde jagen sie, sie werden lebendig gefressen. Damit sie in Frieden sterben können, deswegen bin ich hier!" Friederike Brüning ist 61 und Kühe-Kümmerin. 1.800 Tiere hat sie mittlerweile in ihrem Asyl. Blinde, verwundete, geschiente, verbundene Kreaturen stehen hufhoch im eigenen Dung. In einer Art Hospiz-Stall liegt ein Bulle, dem der Zusammenprall mit einer Lokomotive das Rückgrat gebrochen hat. Er ist mit Schmerzmitteln vollgepumpt, wird täglich gewendet und wartet auf den Tod.

Musik im Kuh-Hospiz

Aus den Lautsprechern kommt heilige Musik. "Das ist Mahamantra, das ist ein Mantra, was in unserem Zeitalter am effektivsten ist. Wir spielen es in allen Räumen, sodass keine Kuh stirbt, ohne den Namen Gottes zu hören." Friederike Brüning kam vor mehr als 25 Jahren in diese Gegend - des Glaubens wegen.

Vrindavan ist der Ort, an dem Krishna seine Jugend zugebracht haben soll. Hochgeistlicher Boden, ein Tempel reiht sich heute an den nächsten, und ein Hotel für Religions-Touristen ans andere. Kühe sind die heiligen Wesen des Hinduismus, ein Symbol für Fruchtbarkeit, und erst recht unantastbar, seit Mahatma Gandhi den Bauern und Hirten zum Mythos des jungen indischen Nationalstaates erhob. Doch dieser Mythos bröckelt, denn Millionen Kühe durchstreifen Stadt und Land - und sie haben Hunger.      

Die heiligen Kühe werden zum Problem

Bild vergrößern
Der Bauer Chotlal Lhodal (l.) ist Kleinbauer. Er muss die Felder nachts überwachen, damit die Kühe nicht die Ernte fressen.

"Was soll ich noch machen ? Ich werde mich aufhängen, ich werde sterben, was sonst?" Chotlal Lhodal ist ein Kleinbauer, der sich für die Pacht seines Feldes tief verschuldet hat. Seit vor ein paar Wochen eine Horde Kühe über seinen Kartoffelacker zog, steht er vor dem Nichts. Das halbe Dorf muss mittlerweile nachts mit Taschenlampen auf den Feldern ausharren, um die Ernte zu bewachen. Ob Stöcke oder Stacheldraht, nichts hält die Rindviecher wirklich auf. "Das ist ein großes Wahl-Thema hier. Die Kühe fressen die Ernte, und das alles frisst Modi die Stimmen weg", erzählt Jagdish, der gerade wieder ein halbes Dutzend Kühe von der Autobahn getrieben hat.

Eigentlich sind sie tief religiös hier. In Uttar Pradesh wurde sogar ein hinduistischer Yogi zum Ministerpräsidenten gewählt. Immer wieder wurde den Menschen staatliche Hilfe gegen die tierischen Übergriffe versprochen. Für die national-hinduistische BJP von Indiens Regierungschef Narendra Modi stimmten noch vor fünf Jahren in Uttar Pradesh fast 70 Prozent der Wähler. Doch nun könnte der Protest der Farmer Modis Wiederwahl gefährden.     

Die Kühe sind zum Politikum geworden

"Am 9. Januar, als Modi hier seine Wahlkampagne beginnen wollte, da haben wir ihn an seine Versprechen erinnert. Friedlicher Protest, wir haben die Kühe hier an die Kreuzung getrieben. Aber die Polizei hat plötzlich auf die Tiere eingeschlagen, dann sind sie durchgegangen, ich konnte mich gerade noch hinter eine Laterne retten. Aber wir haben Modis Kundgebung wenigstens verzögert!"

Ram Sahay Yadav ist der Bezirkschef einer Regionalpartei, die sich zwar sozialistisch nennt, mit dem Begriff aber eigentlich nicht viel verbindet. Yadav kann jetzt auf die Stimmen der Bauern hoffen, weil er ihnen höhere Subventionen als die Regierung verspricht - was am Ende womöglich dazu führt, dass die BJP den bevölkerungsreichsten Bundesstaat verliert.

Als Deutsche mittendrin

Bild vergrößern
Friederike Brüning hat als Kühe-Kümmerin 1.800 Tiere in Pflege. Die Tierschützerin wird in diesem Jahr einen Orden verliehen bekommen.

Deswegen gerät nun auch Friederike Brüning unfreiwillig in den Wahlkampf. "Als Hindu komme ich da wahrscheinlich unwillkürlich rein. Obwohl ich eigentlich politisch nicht interessiert bin, aber dadurch, dass ich die Interessen der Kühe und dieser Religion vertrete, und die BJP das eben auch vertritt - dann gehöre ich da wohl dazu."

Es gibt nicht viele Deutsche, denen die indische Regierung einen Verdienstorden anheftet. Der Padma Sri, den Brüning in diesem Jahr verliehen bekommt, ist die vierthöchste Auszeichnung, die das Land zu vergeben hat. Ein Orden für eine Tierschützerin, wenige Wochen vor der Wahl: Natürlich ist das politische Geschmäckle unübersehbar.

Brüning selbst sieht das pragmatisch: "Was man alleine machen kann, das hat alles seine Grenzen. Wenn die Regierung dahinter steht, dann ist das eine große Hilfe. Auch für meine Aufenthaltsgenehmigung wird es dann weniger Probleme geben in Zukunft. Das ist nämlich auch nicht einfach."

Brüning führt quasi einen mittelständischen Betrieb. 90 Leute, umgerechnet 30.000 Euro monatliche Kosten, sie lebt von Spenden und schießt aus dem Geld zu, das ihre Eltern ih vererbten. Die Bauern hätten ja recht, sagt sie, die Kühe aber auch. Ihr Ausweg aus dem Dilemma wäre, wenn "Scheiße zu Geld" würde. "Wenn sich in jedem Dorf eine Station befände, wo arme Leute den Kuhdung verkaufen könnten, meinetwegen für einen gewissen subventionierten Preis, dann würden sie ihre Kühe nicht so schnell aussetzen, weil es kommt ja was rein. So müsste das organisiert sein."

Podcast
Podcast

Echo der Welt

Jeden Sonntag sendet das Auslandsmagazin Echo der Welt Reportagen und Berichte aus aller Welt. Hier finden Sie die NDR Info Sendung als Podcast zum Nachhören und Runterladen. mehr

Die Korrespondenten: Reporter-Leben in Neu-Delhi

Silke Diettrich und Bernd Musch-Borowska berichten für die ARD aus Neu-Delhi. In ihrem Podcast erzählen sie über die große Herausforderung, in ganz Südasien unterwegs zu sein. mehr

Podcast

Die Korrespondenten in Neu-Delhi

Von Neu-Delhi geht es für die Korrespondenten des ARD-Studios Südasien nach Afghanistan, Pakistan und Nepal. Silke Diettrich und Bernd Musch-Borowska berichten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 17.02.2019 | 13:30 Uhr