Stand: 17.05.2019 12:00 Uhr

Europa-Wahlkampf in Großbritannien - mehr als eine Farce

von Jens-Peter Marquardt, Korrespondent im ARD-Studio London

Europa wählt am 26. Mai ein neues Parlament. Es ist eine ungemein wichtige Wahl - viel beachtet auch wegen des Brexit-Prozesses. Eigentlich wollten sich die Briten bereits von Europa verabschiedet haben. Aber daraus wurde bisher bekannterweise nichts. Also wird auch auf der Insel über die Zusammensetzung des neuen europäischen Parlaments abgestimmt, obwohl es ja weiterhin dabei bleibt, dass Großbritannien die EU verlassen möchte. Der Wahlkampf in Großbritannien ist in diesen Tagen nicht gerade überschäumend leidenschaftlich. Das Ganze erscheint schließlich ein wenig sinnlos. Und ist geprägt von einem alten Bekannten: Nigel Farage, einem überzeugten Europa-Gegner und Brexiteer.

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Rachel Johnson (links) ist die Schwester von Ex-Außenminister Boris Johnson und für die neue Partei Change UK unermüdlich im Wahlkampf unterwegs.

Exeter in Devon hat eine der schönsten Kathedralen Englands, und am Ufer der Exe, vor dem historischen Zollhaus, kann man herrlich entspannen - wenn die Sonne scheint, so wie an diesem Tag. Rachel Johnson, die Spitzenkandidatin der neuen Change-UK-Partei im englischen Südwesten für diese Europawahl, bietet sich die Gelegenheit zu einer kurzen Pause. "Heute sind wir in Exeter, gestern waren wir in Bath. Ich versuche mich auf die Orte zu konzentrieren, in denen das Potenzial der Wähler, die für den Verbleib in der EU sind, besonders groß ist. Aber ich war auch schon in Plymouth, eine Labour-Brexit-Hochburg: Das war eine harte Veranstaltung."

Stimmung Pro Europa

In Exeter hat Rachel Johnson leichtes Spiel. Auf dem Rasen vor der Kathedrale trifft sie die beiden Studentinnen Ines und Leyla. Die beiden durften beim EU-Referendum 2016 noch nicht mit abstimmen. Jetzt sind sie 18 Jahre alt und wollen, dass Großbritannien in der EU bleibt. Change UK wurde erst vor ein paar Wochen gegründet, von ehemaligen Unterhaus-Abgeordneten der Konservativen und der Labour Party, die die Politik ihrer Parteiführungen nicht mehr mittragen und das Volk noch einmal über die EU-Mitgliedschaft abstimmen lassen wollen. Change UK sei so neu, dass sogar die Yoghurt-Becher in ihrem Kühlschrank älter seien, sagt die Kandidatin Johnson.

Getrennte Wege der Geschwister Johnson

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"For Remain - Vote Change UK": Rachel Johnson setzt sich für den Verbleib Großbritanniens in der EU ein.

Rachel Johnson ist eigentlich Journalistin, ziemlich prominent, auch, weil sie mal bei der "Celebrity Big Brother Show" mitgemacht und sich jetzt im Fernsehen ausgezogen hat, weil der Brexit Großbritannien nackt mache. Und sie ist die Schwester des Erz-Brexiteers, des ehemaligen Außenministers und May-Rivalen Boris Johnson, der 2016 die Kampagne für den Austritt aus der EU angeführt hatte. "Boris glaubt, er trete für die richtige Sache ein, und ich glaube, dass ich richtig liege. Die Johnson-Familie hat immer jedem den Raum gegeben, das zu tun, was er für richtig hält. Ich würde nur ein Problem haben, wenn er Nigel Farage unterstützte, wenn er mit ihm eine Koalition einginge - das wäre ein Fehler."

Steilvorlage für Farage

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Nigel Farage, der langjährige EU-Parlamentarier und Brexit-Vorkämpfer, ist wieder da.

Nigel Farage, der langjährige EU-Parlamentarier und Brexit-Vorkämpfer, ist wieder da: Vor fünf Jahren machte er die UKIP zur stärksten britischen Partei im EU-Parlament. Bei dieser Wahl tritt er mit seiner neuen Partei an, der Brexit-Party, weil die alte UKIP sogar ihm zu rechtsextrem geworden ist. Und wieder liegt Farage in den Umfragen vorn, weil er die Bürger einsammelt, die enttäuscht sind, dass Großbritannien immer noch in der Europäischen Union ist. 

May als perfektes Feindbild

"Theresa May ist nicht etwa die schlechteste Premierministerin seit Anthony Eden, sie ist die schlechteste, scheinheiligste und verlogenste Premierministerin in der gesamten Geschichte dieses Landes," ruft Nigel Farage den begeisterten Brexit-Anhängern im Saal in Lincoln zu. Jackie ist eine von ihnen. "Er ist der einzige Politiker, für den man stimmen kann," sagt sie. Die Zukunft sei der Brexit mit Nigel Farage am Ruder. "Konservative, Labour und Liberaldemokraften haben die Bürger betrogen," meint Liam. "Nigel ist da, um das Land zu retten."

Tories und Labour im Dilemma

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Nigel Farage begeistert die Brexit-Anhänger in gut gefüllten Sälen.

Während Farage die Säle rockt, machen die über den Brexit völlig zerstrittenen Konservativen lieber gar keinen Wahlkampf. Sie sind voll damit beschäftigt, am Stuhl ihrer Vorsitzenden und Premierministerin zu sägen. Eine Auftaktveranstaltung der Tories gab es nicht, der Entwurf eines Flugblatts wurde nach Protesten aus der Partei wieder eingestampft.

Auch der Wahlkampf der Labour-Party kommt nicht in Gang. Oppositionsführer Jeremy Corbyn sprach zum Auftakt in der Bibliothek der Universität von Kent vor ein paar ausgewählten Gästen: "Es ist im Interesse des Landes, den Brexit in Ordnung zu bringen, in der einen oder anderen Weise. Doch wir können das schlechte von der Regierung ausgehandelte Abkommen oder einen Austritt ohne Abkommen nicht akzeptieren. Deshalb: Wenn wir kein vernünftiges Brexit-Abkommen oder eine vorgezogene Unterhauswahl hinbekommen, dann unterstützen wir die Forderung nach einem neuen Referendum."

Brexit auf die eine oder andere Weise, vielleicht eine neue Volksabstimmung - damit holt Labour niemand von den Stühlen. Und dabei hätte diese Wahl doch eigentlich zum Selbstgänger für die größte Oppositionspartei werden müssen, angesichts des desaströsen Zustands der konservativen Regierungspartei. Stattdessen sammelt Nigel Farage die Protestwähler ein, bei dieser Wahl für ein Parlament, in dem er eigentlich keinen Briten mehr sehen möchte. "Das Leben sei eben voll von Ironie," sagt er im ARD-Interview.

Auch die EU-Anhänger sind stark

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Auch die Brexit-Gegner wittern Morgenluft.

Die Brexit-Partei in den Umfragen auf Platz Eins, und trotzdem hat Nigel Farage dieses Land noch lange nicht erobert. Denn auf der anderen Seite des politischen Spektrums zeigen die EU-Anhänger ihre Muskeln, die sich allerdings auf mehrere Parteien verteilen: Liberaldemokraten und Grüne haben schon bei den Kommunalwahlen vor zwei Wochen stark zugelegt. Die Liberaldemokraten sind sogar so selbstbewusst, dass sie einen der von den Brexiteers so verhassten EU-Hierarchen eingeladen haben. Um sich gemeinsam dem hässlichen Populismus entgegenzustemmen - wie LibDem-Chef Vince Cable sagt. Der Gast, der Brexit-Verhandlungsführer des Europaparlaments, der belgischen Liberale Guy Verhofstadt, findet die Einladung zum Wahlkampf im Londoner Stadtteil Camden völlig normal.

Vielleicht doch nicht die letzte EU-Wahl

Vielleicht nehmen die Briten ja auch gar nicht zum letzten Wahl an einer Europawahl teil. Zählt man nämlich alle Parteien, die sich für ein neues Referendum und die Mitgliedschaft des Landes in der EU einsetzen, in den Umfragen zusammen, ist dieses Lager mit einem guten Drittel der Stimmen in etwa so groß wie die Brexit-Partei und die alte UKIP. 

Boris Johnsons Schwester Rachel macht dieser Europa-Wahlkampf jedenfalls richtig Spaß. Sie freut sich auf dem Rasen vor der Kathedrale, dass auch Stewart für Change UK und damit gegen den Brexit stimmen will. Die Europäische Union habe zwar Bananen gerade gemacht, aber vor allem habe sie doch nach zwei Weltkriegen für Frieden gesorgt, sagt ihr der 78 Jahre alte Rentner aus Exeter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 19.05.2019 | 13:30 Uhr