Stand: 12.10.2018 15:48 Uhr

Entlang der Grenze: Nordirland vor dem Brexit

von Anne Demmer, Korrespondentin im ARD-Studio London

Der Brexit - oder das, was der Brexit einmal sein wird - rückt näher. Nur noch ein halbes Jahr bleibt für einen Verhandlungserfolg. Kurz vor dem EU-Gipfel in Brüssel in der kommenden Woche wird wild spekuliert: Sollte es am Ende doch noch einen Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen geben? Oder scheitern sie grandios? Druck gibt es von allen Seiten. Fakt ist: Die nordirisch-irische Grenze bleibt der größte Knackpunkt bei den Verhandlungen. Es geht um die Frage, wie eine harte Grenze vermieden werden kann, um den brüchigen Frieden nicht zu gefährden.

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Die Grenze zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland ist unsichtbar.

Über 500 Kilometer erstreckt sich die Grenze zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland. Sie schlängelt sich durch die hügelige grüne Landschaft, sie quert mal breite, mal ganz schmale Straßen, verläuft sogar durch Wohnhäuser und durch kleine Bäche. Für Cathol Short ist die Grenze unsichtbar: "Niemand denkt überhaupt über eine Grenze nach. Man bemerkt sie ja auch nicht. Das Einzige, was sich ändert, sind die Straßenschilder."

Grenzkontrollen scheinen im Moment noch unmöglich

Im Süden zeigen Temposchilder Stundenkilometer an, im Norden Meilen pro Stunde. Cathol Short betreibt eine Wechselstube in Crossmengelen, nur ein paar Kilometer von der Republik Irland entfernt. "Innerhalb von 15 Minuten kann man wahrscheinlich 15 Mal die Grenze überqueren", sagt sie. "Es erscheint mir unmöglich hier Grenzkontrollen durchzuführen, gerade wenn man sich die ganzen kleinen Straßen anschaut. Hier ist diese schmale Brücke quasi die Grenze. Es gibt insgesamt 208 Grenzübergänge. Es ist mir schleierhaft, wie man sie kontrollieren will."

In diesem Moment rollt ein Lkw über die Straße. Er hat freie Fahrt, er muss nicht stundenlang in einer Schlange warten. Es gibt keine Schranke, kein Zollhäuschen. Doch mit dem Brexit droht der Wiederaufbau einer harten Grenze mit Kontrollen, sollten sich Brüssel und London nicht auf eine Lösung einigen können.

Der Brexit gefährdet den Wohlstand

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Der Ire Cathol Short befürchtet negative Auswirkungen des Brexit auf die Region.

Vor 20 Jahren setzte das Karfreitags-Abkommen von 1998 dem Nordirland-Konflikt, der lapidar nur die "Troubles" genannt wurde, ein Ende. Soldaten und der Stacheldraht sind verschwunden. Und mit dem Frieden kamen in Bussen die Touristen, die in Crossmengelen Halt machen. Mithilfe der EU wurden Friedensprojekte finanziert, Straßen und Schulen gebaut, erzählt Cathol Short. In dem traditionell eher armen Nordirland habe sich etwas getan: "Seit dem Karfreitags-Abkommen prosperiert die Stadt. Es haben sich hier Unternehmen angesiedelt. Es gibt ein neues Hotel. Die Menschen sind stolz auf das, was sie geschafft haben. Sie versuchen Jobs zu schaffen. Es gibt eine gute Energie. Und jetzt haben alle Angst vor den Folgen des Brexit."

Die Grenzgemeinden wollen kämpfen

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Damian McGenity ist Mitstreiter in der Initiative "Grenz-Gemeinden gegen den Brexit".

Damian McGenity will nicht tatenlos zusehen, wie Großbritannien aus der EU stolpert - und hat deshalb eine Initiative gegründet. Er kommt gerade von der Arbeit, lenkt seinen Wagen vorbei an einem Plakat, das am Straßenrand steht. McGenity und seine Mitstreiter haben viele davon in der Gegend aufgestellt. "Border Communities against Brexit" ("Grenz-Gemeinden gegen den Brexit") steht in großen Buchstaben darauf geschrieben.

McGenity hat sich mit dem Team des Chef-Unterhändlers Michel Barnier in Brüssel getroffen und dort immer wieder betont: "Nordirland wird am meisten leiden, wenn es zu einem harten Brexit kommt. Wir leben vor allen Dingen von der Landwirtschaft. Wir exportieren unsere Produkte in die EU. Es gibt viele Unternehmen, die ihre Produkte drei oder vier Mal über die Grenze bringen. Wenn es Zölle geben sollte, Kontrollen, dann werden sie hier dicht machen. Das haben sie bereits angekündigt."

Im Alltag wird die Grenze ignoriert

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Auch die Landwirte sehen ihre Existenz durch den Brexit bedroht.

Damian McGenity lebt mit seiner Familie in dem kleinen Dorf Dromintee. "Meine Frau arbeitet auf der anderen Seite der Grenze. Es gibt Tausende Familien, die Verwandte dort haben oder dort eben arbeiten. Unsere Initiative heißt 'Grenz-Gemeinden gegen den Brexit'. Wir sind quasi eine Gemeinde. Wir leben zusammen, queren die Grenze jeden Tag."

Der 44-Jährige ist Teilzeit-Landwirt, den Rest der Zeit leitet er die Postfiliale, die sich in dem Supermarkt des Nachbarortes befindet. Er hat den Hof von seinen Eltern übernommen. Mit Großbritanniens Austritt aus der EU ist auch seine eigene Existenz bedroht: "Landwirte werden 60 Prozent weniger Geld bekommen, weil die Unterstützung der EU wegfällt. Mein Hof wird auf Dauer nicht mehr tragfähig sein. Und das ist nur eine Folge des Brexits."

Alte Wunden könnten aufreißen

Damian McGenity glaubt nicht, dass die Regierung in London die Mittel nach dem Brexit ausgleichen wird: "Ich bin hier aufgewachsen. Ich bin 44 Jahre alt, mein Hof befindet sich hier in dem Dorf, da stehen meine Rinder. Und ich erinnere mich gut, als das britische Militär hierher kam - da war ich sieben oder acht. Über uns sind den ganzen Tag drei, vier Hubschrauber geflogen. Es gab eine große Militärbasis in Forkhill."

Das knatternde Geräusch der Hubschrauber habe er nicht vergessen, auch nicht die Explosionen der Bomben, die Schüsse, die Straßenblockaden. Mehr als 3.000 Menschen sind während des Bürgerkriegs ums Leben gekommen. McGenity befürchtet, dass mit einer sichtbaren Grenze auch die Gewalt zurückkehren könnte. Die Symbolik der Grenzkontrollen sei eine Provokation, die Wunden des Bürgerkriegs seien längst nicht verheilt.

Schlafwandelnd in die Katastrophe

In der kommenden Woche steht der nächste EU-Gipfel an. Die britische Premierministerin Theresa May bekommt Druck von allen Seiten. Die erzkonservative nordirische Democratic Unionist Party (DUP) hat der Regierung mit dem Entzug ihrer Unterstützung gedroht, sollte sie einem Kompromiss mit der EU zustimmen, der Nordirland einen Sonderstatus einräumt. Die DUP-Chefin Arlene Foster erklärte, Zoll- und Warenkontrollen zwischen Nordirland und dem übrigen Großbritannien seien nicht akzeptabel. Von der Unterstützung der nordirischen DUP ist Mays Minderheitenregierung abhängig, im britischen Parlament ist sie auf ihre Stimmen angewiesen.

Cathol Short ärgert sich über die Haltung der DUP-Chefin. 56 Prozent der Menschen in Nordirland hätten gegen den Brexit gestimmt. Was mit der Grenze in Zukunft passieren wird, kann ihm derzeit niemand beantworten. Er macht sich Sorgen: "Die Menschen schlafwandeln in diese Katastrophe. Viele verstehen nicht den Ernst der Lage. Die Leute sagen: 'Ach es ist wird schon alles gut.' Aber es geht hier schließlich auch um unsere Kinder. Wir legen hier den Grundstein für sie. Ich will nicht, dass die 'Troubles' hier in der Region wieder ausbrechen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 14.10.2018 | 13:30 Uhr