Stand: 29.11.2018 13:23 Uhr

Ein radelnder Bürgermeister in Istanbul

von Christian Buttkereit, Korrespondent im ARD-Studio Istanbul

Die türkische 17-Milllionen-Einwohner-Metropole Istanbul ist nicht gerade als Luftkurort bekannt und schon gar nicht als fahrradfreundliche Stadt. Im Gegenteil: Was das Wort Verkehrsinfarkt bedeutet, lässt sich dort jeden Tag aufs neue erleben. Ein Bezirksbürgermeister aus dem europäischen Teil der Mega City wollte Staus und Luftverschmutzung nicht länger als hinnehmen.

Zeytinburnu ist auf den ersten Blick ein typischer Istanbuler Stadtteil - dicht bebaut, mit verstopften Straßen und wenigen Grünflächen. Rund 300.000 Menschen leben hier.

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Murat Aydin, Bürgermeister des Bezirks Zeytinburnu, will Vorreiter für seine Mitarbeiter sein.

Einer sorgt dafür, dass Zeytinburnu doch etwas Besonderes ist: Murat Aydin ist 58 Jahre alt. Er trägt einen dunkelblauen Anzug mit bunter Krawatte und einen schwarz-roten Fahrradhelm. Lässig hebt er die Hand, um seine Bürger zu grüßen - wenn er nicht gerade lenken, bremsen oder schalten muss:  "Wenn ich zu irgendeiner Veranstaltung oder zu einer Beerdigung muss, dann nehme ich das Fahrrad", erzählt er. Mittlerweile lege er 95 Prozent aller Dienstfahrten in Zeytinburnu mit dem Rad zurück; im Schnitt etwa zehn Kilometer am Tag.

Die Stadtverwaltung muss aufs Rad

In der Türkei, wo sich Selbstbewusstsein und Prestige häufig noch über die Größe des Autos definieren, ist der radelnde Bürgermeister von Erdogans Partei AKP Unikum und Vorreiter zugleich. Denn der Bürgermeister hat die gesamte Stadtverwaltung angewiesen, es ihm gleich zu tun. Vom Straßenfeger bis zur Bauaufsicht. Zu Anfang sei der Widerstand groß gewesen, erinnert er sich: "Die höheren Beamten dachten, ich spinne und das würde sich schon wieder geben. Aber ich habe ihnen die Dienstwagen gestrichen und sie vor die Wahl gestellt: Entweder Ihr fahrt Fahrrad oder Ihr geht zu Fuß!"

Bei den Arbeitern sei es dann nicht mehr schwer gewesen. Sie hätten sich der Anweisung gefügt. Doch nicht jeder konnte Fahrradfahren. Die Verwaltung organisierte deshalb Kurse und schaffte 500 Fahrräder an.

Schneller unterwegs per Rad

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Türkei-Korrespondent Christian Buttkereit (rechts) mit Baris vom Ordnungsamt in Istanbul.

Baris ist 36 und trägt die eigens dafür geschneiderten Uniform der Ordnungsamt-Fahrradstaffel. Er sei anfänglich skeptisch gewesen. Doch inzwischen sei er nicht nur vier Kilo leichter, sondern auch ein überzeugter Dienstradfahrer. Das Ordnungsamt werde auch auf Fahrrädern ernst genommen, sagt er: "Die meisten Bürger finden das sympathisch. Und wir bekommen mehr von der Umwelt mit als mit dem Auto. Wir erkennen häufiger Probleme, noch bevor es zu Beschwerden kommt." So könnten sie zum Beispiel direkt eingreifen, wenn Autos auf Bürgersteigen parken oder Behindertenwege versperren.

Ein anderer Vorteil des Fahrrads sei die Geschwindigkeit. Eine Strecke, für die er mit dem Auto zu Stoßzeiten mindestens 15 Minuten brauchte, schafft Baris mit dem Fahrrad in nur 5 Minuten.

Sein Kollege Murat von der Stadtreinigung freut sich über die Extraportion frische Luft und Bewegung. "Morgens radele ich in das Viertel, für dessen Reinigung ich zuständig bin. Dort stelle ich mein Fahrrad ab und fege meine Straßen. Wenn ich fertig bin, schließe ich meinen Besen dort in einen Werkzeugschrank und radel nach Hause."

Geld und CO2 gespart

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Murat von der Stadtreinigung freut sich über die Extraportion frische Luft und Bewegung, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Doch die Stadtverwaltung auf Rädern spart nicht nur Zeit. In den ersten sechs Monaten des Projektes zwischen April und Oktober habe die Stadtverwaltung etwa 20.000 Liter Treibstoff im Wert von fast 30.000 Euro gespart, rechnet Bürgermeister Murat Aydin vor. Das entspricht etwa 50 Tonnen C02. İnzwischen dürften es ungefähr 90 Tonnen sein. Er ist zufrieden damit, wie es läuft: "Anfangs wurde ich belächelt. Von den Leuten in Zeytinburnu aber auch von anderen Bürgermeistern. Inzwischen ist Zeytinburnu ein Vorbild für die Türkei geworden und viele Kollegen fragen interessiert nach." Er hoffe, dass sich die Initiative zuerst über Istanbul und dann über die ganze Türkei verbreite. So dass in drei bis vier Jahren ein Viertel der türkischen Bevölkerung Fahrrad fährt.

In Zeytinburnu ist der Anfang gemacht. Jeden Sonntag organisiert die Stadtverwaltung Radtouren für ihre Bürger. Mit jeweils 200 bis 300 Teilnehmern. Stets vorneweg Bürgermeister Murat Aydin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 02.12.2018 | 13:30 Uhr