Stand: 07.02.2019 14:19 Uhr

Das Leid der australischen Farmer

von Lena Bodewein, Korrespondentin im ARD-Studio Singapur

Australien ist für viele Reisende immer noch das Ziel der Träume - durchaus zu Recht. Aber Australien ist auch der Kontinent der Wetterextreme. Während etwa in Queensland ganze Orte unter Wasser stehen, haben Farmer im Süden Australiens seit fünf Jahren keinen Tropfen Regen mehr gesehen. Landwirtschaft ist da kaum noch möglich. Nirgendwo zeigt sich der Klimawandel drastischer als in Australien, sagen Umweltschützer. Und nirgendwo gibt es mehr Klimaskeptiker als in Australien.

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Das Wichtigste für die Farmer fehlt: Wasser.

Die Rettung der Farmer geschieht beim Kaffee. Fay Chapman packt einen Brief aus. "Gestern, als ich nach Hause kam, habe ich diese Karte bekommen, von Carol. Wir haben ihr viel geholfen, weil wir wissen, dass ihre Lage ziemlich verzweifelt ist." Die Damen der Country Women's Association (CWA), also des Landfrauenverbandes, sitzen zusammen im Feathers Café in Coonnabarabran, sieben Stunden Fahrt von Sydney im Landesinneren.

Fresskörbe für arme Farmer

"Liebe Fay und alle Mitglieder des CWA. Vielen Dank für eure Hilfe, den Fresskorb, die Einkäufe, und alles andere - das wissen wir sehr zu schätzen. Gott schütze euch!" Farmer, die Fresskörbe brauchen? Das wirkt verwunderlich. Aber natürlich, nicken die Landfrauen: "Wenn du kein Geld hast und kein Einkommen, musst du ja irgendetwas essen - und da setzt unsere Hilfsaktion an", erzählt Mabel Mancer. Die Landfrauen sammeln Spenden, Lebensmittel oder Geld, verteilen Einkaufsguthaben, einen Gutschein für einen Haarschnitt oder einfach für eine Tasse Kaffee. Dinge, die sich die Farmersfrauen sonst nicht mehr leisten können. Weil sie nur um eines kämpfen: ums Überleben.

Geld nur noch für das Nötigste

"Wir müssen unser Vieh am Leben halten, wir müssen Futter kaufen, wir haben kein Getreide, konnten also nichts aussäen, wir können nichts verkaufen und haben darum kein Einkommen für die nächsten zwölf Monate." Kay Jordan ist Farmerin, sie steht in der Food Pantry, einer Art Tafel für die Farmer, auch von den Landfrauen betrieben. Hier gibt es Mineralwasser, Kartoffeln, Konserven, Frühstücksflocken, H-Milch, Obst, Duschgel, Zahnpasta, Damenbinden - alles umsonst. "Ja, wir halten durch, indem wir hierher kommen. Es gibt auch Hilfsprogramme für Strom- und Gasrechnungen und Beihilfe für Treibstoff, aber das Wichtigste ist Wasser - wir müssen unser Vieh tränken. Aber alle Staudämme und Wasserlöcher sind trocken. Wir verkaufen Vieh, um den Rest durchzubringen. Wir machen Schulden, damit wir sie füttern können. Wir müssen sie retten, damit sie nicht sterben. Aber ohne Wasser."

Nur Staub auf den Feldern

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Farmer Marty Wilkin musste seinen Bestand an Schafen wegen der Dürre drastisch reduzieren.

Auf den Feldern wächst nichts. Brauner Staub weht dort, wo sich vor einigen Jahren volle Ähren im Wind wiegten, Schafe knabbern hartnäckig an der trockenen Grasnarbe herum,  Kühe scharen sich um den einzigen Baum, der in der Gluthitze von 40 Grad Schatten spendet. Mit Wassertanks und Haferstrohballen sind die Farmer täglich unterwegs, Tausende Dollar wenden sie für Futter und Wasser auf. Wer es sich leisten kann, investiert in einen Brunnen, der die unterirdischen natürlichen Wasserspeicher anzapft. Wer sich das nicht leisten kann, dem bleibt nur die Hoffnung.

"Wir müssen einfach weitermachen und eines Tages wird es regnen. Vor diesem einen Tag liegt ein seeeehr langer Tag. Eines Tages gibt es einen durchdringenden Landregen, wie eine Flut, die die Dürre beendet." Kay Jordan klingt beschwörend und sachlich zugleich. "Wir werden überleben - müssen wir ja. Das Land braucht Farmer! Wir sind das Rückgrat Australiens! Ohne Farmer gibt es kein Essen!"

Armut, von der keiner wissen soll

Umso trauriger ist der Anblick von Farmern, die sich Essen von der Tafel holen müssen. Ein Mann nimmt zwei Packungen Toastbrot entgegen, aber von seiner Situation erzählen will er nicht. Das ist ein Problem dieser Dürrekrise: Die Frauen sind offener, gehen aufeinander zu, haben die CWAs, die Landfrauenvereinigungen, um sich auch geistig zu unterstützen, aber viele Männer fressen ihren Frust in sich hinein. Depressionen sind verbreitet, die Selbstmordrate steigt. Deswegen gibt es Projekte wie "Mate helping Mate" ("Kumpel hilft Kumpel").

Auf seiner Farm, rund zehn Kilometer außerhalb von Coonabarabran, versucht Marty Wilkin, Zuversicht auszustrahlen. "Mir geht's prima. Nur die vergangenen zwei Jahre waren extrem hart. Vor allem für unser Vieh. Wir konnten auch keine Ernten einbringen. Was wir aussäen konnten, haben wir in kürzester Zeit abgemäht und verfüttert, anstatt es zu verkaufen."

Stricken für die Lämmer

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Ein wärmender Überzieher aus Wolle für die verwaisten Lämmer.

Früher hatte Wilkin 2.000 Schafe, jetzt sind es nur noch 1.000. Er musste den Bestand drastisch reduzieren. "Wir hatten auch kaum neue Lämmer, schon 2017 war es schwach, und 2018 kamen noch weniger zur Welt - und vor allem haben wir viele Mutterschafe dabei verloren. Sie haben während ihrer Tragezeit alle Energie in die Lämmer gesteckt, und dann, bei der Geburt, sind sie gestorben."

Ein trauriges, aber weit verbreitetes Phänomen der Dürre. Viele Lämmer sind als Waisen aufgewachsen, ohne die Wärme einer Mutter. Die Landfrauen begannen, für sie Pullover zu stricken, eine Frauenzeitschrift druckte ein Strickmuster ab, und seitdem trudeln aus aller Welt wärmende Überzieher für Waisenlämmer ein. Danach haben die Landfrauen aus Fotos mit den Pullover-Lämmchen einen Kalender entworfen, den sie wiederum für den guten Zweck verkaufen. Auf jede erdenkliche Weise greifen sich die Menschen auf dem Land unter die Arme in diesen Zeiten. 

Hilfe kommt per Truck

Auf dem Highway, der durch Coonabarabran führt, kommen auch oft Trucks an, die Tierfutter bringen. "Buy a Bale" heißt die Hilfsaktion, bei der Menschen einen Ballen Haferstroh bezahlen. "Und die Trucker spenden ihre Zeit und den Treibstoff und bringen die Ballen quer durch das Land, sogar von Tasmanien hierher", erzählt Mabel Mancer von den Landfrauen.

"Es ist eine nette kleine Stadt, wir rücken zusammen in Zeiten wie diesen", sagt der Captain der Freiwilligen Feuerwehr von Coonabarabran. Zweimal im Monat trifft sich die Mannschaft, aber weil Wasser während der Dürre rationiert ist, können sie nicht richtig trainieren. Stattdessen polieren sie den Löschwagen, ordnen die Ausrüstung.

Auch die Feuerwehr sitzt auf dem Trockenen

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Mabel Mancer hat zusammen mit den Landfrauen sogar einen Kalender mit den Pullover-Lämmchen entworfen.

Clinton Begley hofft nur, dass es keine Buschfeuer gibt. Hauptberuflich arbeitet er im Saatguthandel gegenüber der Feuerwache, aber dort ist es zurzeit eher ruhig, weil niemand Geld hat, um einzukaufen. "Normalerweise würden wir jetzt Dünger für die Saat verkaufen, aber niemand sät. Es gibt keinen Regen, der uns erlaubt, etwas auszusäen. Das alles macht die Stadt etwas ruhiger."

Zum ersten Mal seit 50 Jahren sei es manchen Farmern nicht möglich gewesen, eine Saat auszubringen, erzählen die Landfrauen. Währenddessen jage eine Hitzewelle die nächste. "Aber darin sind wir nicht einzigartig", meint Brenda Young, "überall auf der Welt wird das Klima extremer, heißer, kälter, trockener, feuchter, es gibt heftigere Klimaereignisse, überall, und wir müssen sehen, was wir ändern und wie wir uns anpassen müssen."

Auf seiner Farm hofft Wilkin, dass trotz aller Hindernisse einer seiner Söhne in seine Fußstapfen tritt. "Wenn sie die Farm nicht übernehmen, dann wird es wohl jemand anders tun." Da schluckt er, sein Optimismus geht verloren. Ein Lebensstil, den die Familie seit Generationen pflegt, ist schwer verloren zu geben. "Dann kann jemand anders das Leben auf dem Land genießen", sagt er noch traurig.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 10.02.2019 | 13:30 Uhr