Stand: 31.08.2017 19:39 Uhr

Baumfällen im Urwald Bialowieza geht weiter

von Jan Pallokat, Korrespondent im ARD-Studio Warschau

Der Wald Bialowieza in Ostpolen gilt als einer der letzten Urwälder in Europa. Er ist von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet worden. Seltene Pflanzen und Tiere sind dort heimisch. Seit einiger Zeit gibt es aber Streit um die einzigartige Landschaft. Die Regierung in Warschau hat nämlich erlaubt, Teile des Waldes abzuholzen. Dagegen protestieren Umweltschützer, und zwar mit Rückendeckung der EU-Kommission. Denn Brüssel hat den Europäischen Gerichtshof angerufen. Doch das kümmert die polnische Regierung nicht weiter.

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Sicherheitskräfte lösen immer wieder die Blockaden der Waldschützer auf.

Es ist zum Ritual geworden im Bialowieza-Urwald im tiefen Nordosten Polens: Grimmig dreinschauende Sicherheitskräfte der staatlichen Forstverwaltung riegeln Teile des Waldes mit rotweißen Bändern ab; Forstmaschinen fahren vor, Umweltschützer protestieren wütend, werden weggetragen. Und dann werden erneut Bäume gefällt.

Dauerproteste von Umweltschützern

Fünf Kilometer weiter im Basislager der Umweltgruppen im Örtchen Pogorzelce auf einem Grundstück haben Öko-Aktivisten hinter Bretterverschlägen provisorische Waschräume installiert, man übernachtet in Zelten, es gibt einen Fahrradverleih und überall stehen Protestplakate, auf denen "Run Forest Run" oder einfach nur "Rettet den Wald" steht. Eine der Protestierenden ist Ania aus dem schlesischen Sosnowiec. Der 19-Jährigen fallen fast die Augen zu. Sie ist schon um 4 Uhr morgens zu einer "Patrouille" aufgebrochen, wie sie hier sagen, um zu schauen, ob die Maschinen noch auf ihren Parkplätzen stehen. "Heute haben wir gesehen, wie sie kranke, trockene Bäume fällen, aber sie fällen auch gesunde. Der älteste Baum, den wir fanden, war 200 Jahre alt. Dabei ist es doch verboten, so alte Bäume zu fällen!", empört sich Ania. "Wir gehen damit unterschiedlich um. Wir demonstrieren, wir dokumentieren, manchmal ketten wir uns fest und blockieren die Straße." So eine Erntemaschine schaffe täglich 200 Bäume - deswegen sei es so wichtig, die Arbeit der Forstarbeiter zu erschweren.

Einzigartige Naturlandschaft

Der Bialowieza-Wald im tiefen Osten Polens ist in Teilen seit Urzeiten unberührt. Er beherbergt Zigtausende Tier- und Pflanzenarten, viele davon sind nur dort zu Hause, und auch einige Exemplare des europäischen Bisons, Wisent genannt. Als einer der letzten Urwälder Europas, wohl der einzige größere im Flachland, schmückt ihn der Weltnaturerbe-Status der UNESCO. Anna Blachno aus dem ostpolnischen Bialystok besucht den Wald regelmäßig und taucht dabei in eine Märchenlandschaft ein. "Der Geruch, die Vielfältigkeit der Farben, die Intensität der Gefühle. Es ist wie ein lebendiger, riesiger Körper, der pulsiert und lebt. Es ist unglaublich, wenn man hier verweilt", schwärmt Anna.

Jahrelanger Streit um Waldnutzung

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Trotz einer einstweiligen Verfügung lässt die polnische Regierung weiter Bäume fällen.

Während auf weißrussischer Seite der gesamte Wald unter Schutz steht, gilt das auf polnischer Seite nur für Teile. Lediglich knapp 20 Prozent der Fläche sind im engeren Sinne Naturreservat. Dort wird auch weiterhin kein Holz geschlagen. Weitere Teile der Bialowieza gehören zu unterschiedlichen Schutzzonen, und ein Teil wird seit jeher auch wirtschaftlich genutzt. Der Streit darüber, wie weit die Waldnutzung gehen sollte, sei älter als die aktuelle Legislaturperiode, sagt der Botaniker Bogdan Jaroszewiscz von der Universität Warschau. Der Streit schwelt seit den 90er Jahren.

Wirtschaftswald oder Kulturwald?

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen, sagt der Botaniker. "Entweder betrachtet man den Wald als ein einzigartiges Naturobjekt, den am besten erhaltenen Urwald Europas. Dann kann man ihn nur schützen, indem man die Eingriffe auf ein Minimum reduziert. Die andere Seite findet, dass Bialowieza einfach ein Wirtschaftswald ist, den man nutzen und gestalten sollte." Unter früheren Regierungen schien der Naturschutzgedanke die Oberhand zu gewinnen. Schutzflächen wurden ausgeweitet. Doch jetzt geht dienationalkonservative PIS-Regierung den entgegengesetzten Weg.

Abholzung hat für polnische Regierung Vorrang

Sie lässt dreimal mehr Holz einschlagen, als zuvor geplant - und zwar auch in Bereichen, in denen bisher kein Bagger die Waldesruhe störte. Umweltschützer monieren, damit sei der Wald als Ganzes in Gefahr, und auch Botaniker Jaroszewicz warnt. Das Ökosystem Wald benötige große Flächen, um zu funktionieren, auf denen sich sogenannte Makroprozesse entfalten und sich der Lebenszyklus schließe. Neben den Bäumen und Pflanzen gibt es im Wald auch große Tiere - zum Beispiel den Luchs: Er braucht 100 bis 300 Quadratkilometer Fläche. Der besonders geschützte Nationalpark hat nur 100 Quadratkilometer.

Borkenkäfer soll sich nicht weiter ausbreiten

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Die Zahl der gefällten Bäume hat erheblich zugenommen.

Die Regierung dagegen betont, Nichtstun sei die eigentliche Gefahr für den Wald: Der Borkenkäfer sei auf dem Vormarsch. Für Jaroslaw Krawczyk, Pressesprecher der staatlichen Forstverwaltung, geht es darum, dass der Borkenkäfer nicht noch andere, gesunde Bäume angreift. "Sie müssen fortgeschafft werden, damit er nicht überspringt." Dass der Käfer derzeit gehäuft auftritt, ist keine Frage. Doch ist es wirklich notwendig, ihm derart zu Leibe zu rücken?

Abholzung bringt ganzes Ökosystem in Gefahr

Der Borkenkäfer befällt vor allem Fichten - die Bialowieza aber ist ein Mischwald. Schon der Laie erkennt die Vielfalt des Waldes: Es gibt jahrhundertealte Eichen genauso wie Nadelbäume; ab und an erkennt man tote Fichten, die offenbar von der Käferplage betroffen sind, aber sie fallen inmitten der Vielfalt kaum auf. Die Lücken, die der Käfer reißt, könnten also andere Bäume füllen, sagt Umweltschützer Adam Bohdan. Den Borkenkäfer gebe es seit Jahrtausenden im Wald, und der Wald sei immer mit ihm klargekommen. Und so werde es auch bleiben. "Er ist ein natürliches Element des Ökosystems, ein Ingenieur, der wunderbare Arbeit leistet beim Umbau des Waldbestands."

Europäischer Gerichtshof wird ignoriert

Für das Umweltministerium in Warschau ist hingegen der Mensch der wichtigste Ingenieur. So gesehen ist der Streit um den Wald Teil eines größeren Kulturkampfs. Im Umweltministerium ist von Öko-Terroristen die Rede, die jungen Leuten einredeten, ein Umweltschutz, der die Natur sich selbst überlässt, sei der einzig richtige. Entsprechend gereizt reagierte Umweltminister Jan Szyszko auf die einstweilige Anordnung des Europäischen Gerichtshofs im Juli, die Baumarbeiten bis zum endgültigen Urteil einzustellen. Die Arbeiten in Bialowieza dienten ausschließlich dem Schutz des Waldes und der öffentlichen Sicherheit, so der Umweltminister: "Deswegen wundert uns doch sehr, dass die EU-Kommission etwas einfordert, was wir längst betreiben."

Gerichtsentscheid gibt Waldschützern zusätzlichen Rückenwind

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Die Umweltschützer haben ein Camp eingerichtet, von dem aus sie ihre Aktionen starten.

Die Bialowieza gehört zum grenzüberschreitenden Schutzprogramm Natur 2000. Polen ist also vertraglich verpflichtet, bestimmte Regeln einzuhalten. Seit der Anordnung des Europäischen Gerichtshofs, die Abholzung zu stoppen, haben die polnischen Umweltschützer ein weiteres Argument auf ihrer Seite. Einer von ihnen hält den Waldarbeitern den Gerichtsentscheid unter die Nase, den er sich eigens auf ein großes Plakat drucken ließ.

Vorgehensweise könnte für Polen teuer werden

Dass das Land trotz höchstrichterlicher Anordnung weiter Bäume fällt, könnte Polen noch teuer zu stehen kommen, wenn das Urteil ebenfalls zu Ungunsten der Regierung ausfällt. Und falls sich Polen dann auch weigert zu zahlen? Dann beträte das Land endgültig rechtliches Niemandsland. Die Grundfesten der EU als Vertragsgemeinschaft wären erschüttert. Gut möglich also, dass nicht der Streit um die Justiz, sondern der um einen kleinen Käfer zum eigentlichen Test der polnischen EU-Tauglichkeit wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 03.09.2017 | 13:30 Uhr