Stand: 12.10.2017 15:43 Uhr

Angst und Leere: Abgeschoben nach Afghanistan

von Jürgen Webermann, Korrespondent im ARD-Studio Neu Delhi

Die Afghanen Matiullah und Arash wurden im vergangenen Winter abgeschoben. Beide hatten mehr als fünf Jahre in Deutschland gelebt. Jetzt leben sie in Kabul in Angst und Unsicherheit - und unter Druck: Matiullah hadert immer noch mit der Frage nach dem "Warum?", er muss seine Geschwister versorgen. Arash arbeitet daran, seine Freundin in Bayern zu heiraten. Daran knüpft er seine Hoffnung auf eine Rückkehr nach Europa. Sowohl er als auch Matiullah sehen in Kabul keine Zukunft, wie das "Echo der Welt" auf NDR Info berichtet.

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Matiullah hat als Pizzabäcker in Deutschland gearbeitet. Jetzt muss er ein neues Leben in Kabul beginnen.

Zumindest nach außen wahrt Matiullah die Fassade. Schickes Sakko, darunter ein schwarzes Hemd, sauber gestutzter Bart und nach hinten gegelte Haare. Er lächelt viel. Aber in ihm sieht es anders aus. Matiullah hadert mit seinem Schicksal: "Ich weine manchmal. Warum ist mit mir so was passiert? Ich habe immer versucht, mein Bestes zu machen. Ich habe den Hauptschulabschluss gemacht. Ein Jahr Ausbildung. Ich war Pizzabäcker. Ich weiß nicht, wieso."

Aus der heilen Welt nach Kabul

Drei Polizisten neben und hinter ihm im Flugzeug, Matiullah in Handschellen, dann abgeladen in Kabul, mitten im Winter. In einer Stadt, die ihm längst fremd geworden war. Der 22-Jährige hatte in Deutschland Miete, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge gezahlt. Sieben Jahre lang hat Matiullah in Hessen gelebt. Er war kein Straftäter, sondern integriert, und er kann das belegen. Aber in Kabul will ihm das niemand glauben: "Jeder fragt dich: Erzähl mir, was du da für eine Scheiße gebaut hast. Bestimmt hast du doch Scheiße gebaut. Du musst jeden Tag erklären: Hier, ich habe nichts gemacht. Das nervt, wirklich."

Wir haben Matiullah schon einmal getroffen, kurz nach seiner Ankunft in Kabul im vergangenen Winter. Damals war er völlig orientierungslos. Matiullah hatte keine Ahnung, wie er ein neues Leben in Afghanistan beginnen sollte. Inzwischen kennt er Leute in Kabul, er hat einige Freundschaften geschlossen. Aber trotzdem lässt ihn die Frage nach dem "Warum" einfach nicht los.

Ratlos in der alten Heimat

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Das Leben in Kabul ist alles andere als sicher und einfach.

Masood Ahmadi hat diese Ratlosigkeit bei vielen Abgeschobenen beobachtet. Er arbeitet bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM), einem Ableger der Vereinten Nationen. Ahmadi und seine Kollegen leisten Nothilfe für Abgeschobene, sie organisieren den Weitertransport in ihre Heimatprovinzen oder ein Zimmer für die ersten Nächte in Kabul. "Wir sehen ganz klar, dass Abgeschobene dieses Stigma haben, diese Scham, weil sie es nicht geschafft haben. Sie sind mental nicht auf das Leben hier vorbereitet. Diese Enttäuschung ist ihnen anzusehen. Ihre Gesichter sprechen für sich."

Zu dem Gefühl der Scham kommt die Angst vor dem Krieg, vor den Anschlägen. In vielen Provinzen gibt es Kämpfe, und in Kabul beinahe jeden Tag Zwischenfälle. Wie selbstverständlich zeigt auch Masood Ahmadi vor dem Interview kurz den Weg zum Bunker. Man weiß ja nie, selbst auf dem schwer bewachten Gelände einer internationalen Organisation. "Die Lage kann sich in jeder Minute ändern. Heute scheint alles gut und sicher. Und morgen passiert dann etwas. Es ist einfach schwer vorherzusagen", sagt Ahmadi. "Volatil" nennen die Vereinten Nationen eine solche Lage. Das Wort "sicher" verwenden sie nicht.

Zur Unsicherheit kommt Angst

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Der Afghane Arash möchte heiraten und nach Deutschland zurück.

Die Anschläge und vor allem die ausufernde Kriminalität sind auch ein Problem für Arash Alekuzei. Er wurde im Februar aus Deutschland ausgeflogen. In Kabul fühlt sich Arash nicht sicher: "Immer habe ich Angst. Du kannst zum Beispiel bis 16 Uhr draußen bleiben, danach kannst Du nichts mehr machen. Immer zu Hause, immer zu Hause. Man wird krank."

Arash lebt wieder mit seinen Eltern in Kabul. Er war fünf Jahre lang in Deutschland, er hat die Schule besucht und ein Berufsintegrationsjahr abgeschlossen. Seine Eltern wollten nachkommen. Sie hatten es bis in die Türkei geschafft. Dann wurde Arash aus Deutschland abgeschoben. Im Frühjahr kehrten auch die Eltern zurück nach Afghanistan. Das Haus hatten sie vor ihrer Ausreise verkauft, um die Schlepper zu bezahlen. Jetzt wohnt die Familie zur Miete.

Heirat als letzte Chance

Arash hat eine Verlobte in Nürnberg. Beim Standesamt liegen bereits die Anträge zur Eheschließung. Das sei seine einzige Chance auf Rückkehr nach Deutschland, sagt Arash. Aber die Überprüfung der afghanischen Dokumente könnte sich hinziehen. Die Stadt Nürnberg hatte die Unterlagen Mitte Mai nach Kabul geschickt, zur deutschen Botschaft. Ende Mai wurde das Botschaftsgebäude bei einem Anschlag zerstört. Seitdem ist die deutsche Vertretung nur beschränkt arbeitsfähig. Arash hat von der Konsularabteilung jedenfalls noch keine Rückmeldung.

Hilfe zur Selbsthilfe

Matiullah will auch zurück nach Deutschland, er weiß aber nicht, wie. Geld für eine erneute Flucht hat er nicht. Er will auch nicht noch einmal eine solch beschwerliche Reise antreten. 2010 hatte er auf dem Weg nach Europa derart traumatische Erfahrungen gemacht, dass das Uniklinikum Frankfurt ihm eine schwere Depression attestierte.

Derzeit teilt sich Matiullah am Stadtrand von Kabul ein Zimmer mit seinen vier Geschwistern. Ein Onkel hat sie aufgenommen. Die Eltern sind tot. Matiullah hat sich inzwischen eine Aufgabe gesucht. Er hilft anderen Abgeschobenen und Rückkehrern. Matiullah redet mit ihnen, über das Gefühl, versagt zu haben und nicht zu wissen, wie es weiter geht. So hilft er ein wenig auch sich selbst.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 15.10.2017 | 13:30 Uhr