Stand: 17.05.2019 14:45 Uhr

Wenn das Abitur zum Albtraum wird

Gerade hat Bayerns Kultusminister entschieden, dass das diesjährige Mathe-Abitur trotz heftiger Proteste nicht zu schwer war. Eine hohe Hürde war und ist es aber offenbar bundesweit für viele Schülerinnen und Schüler.

Eine Glosse von Detlev Gröning

Morgen ist schriftliches Mathe-Abitur. Na? Spüren Sie schon was? Ich sag es nochmal: Morgen schreiben wir Mathe. Guck, da kommt er doch hoch, der Blutdruck. Dieses leichte Zittern, der flackernde Blick und der Schweißrand am Haaransatz. Zu Hause ist alles angerichtet: Im Schrank hängt bereits der gebügelte Smoking, bei den Mädels das Ballkleid der Herzogin Amalie zu Flandern für die Abschlussfeier, und jetzt führt der Weg dorthin über ein Integral von Phi über Delta t, während das Großhirn versucht, einer berechtigten Massenpanik im limbischen System Herr zu werden. Schließlich liegt gerade die Hälfte des Lebens auf dem Grill. Die wird - so hat es die Psychologie herausgefunden - von Achtzigjährigen auf das achtzehnte Lebensjahr datiert, danach sei nur irgendwie die Zeit vergangen.

Schüler grübeln über ihren Prüfungsunterlagen. © dpa - Bildfunk Foto: Frank Rumpenhorst

Das Trauma der Abitur-Prüfung

NDR Info - Auf ein Wort -

Das diesjährige Mathe-Abitur soll viel zu schwer gewesen sein. Für Detlev Gröning ist die Abitur-Prüfung ganz generell zu einem Trauma geworden, er bittet auf ein Wort.

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Während sich in meinem Kopf die mühsamen Kooperationsgespräche zwischen Frontallappen und Hypothalamus dem Ende zuneigen, dürfen bereits die ersten nach erbrachter Leistung den Raum verlassen. Leistung ist ja Arbeit pro Zeit, und von letzterer haben die jetzt überreichlich, um auf dem Schulhof ihr Streber-Trübsal zu blasen, weil sie das Ding voll verhauen hätten. Und zum Schönsten an diesem unerträglichen Understatement wurde am Ende die deprimierende 2+ anstatt der 1,0, die man für eine eigene Zahnarztpraxis benötigt.

Nicht, weil man da jederzeit die Reaktionsgleichung von Natriumchlorat, die Kirchhoffschen Gesetze oder die Verträge von Locarno parat haben muss, sondern um der Hochschule nachzuweisen, dass sich in dieses Gehirn wirklich alles einfüllen lässt, während der Körper auch noch die Bundesjugendspiele rockt.

Nach und nach tröpfeln die Nächsten auf den Pausenhof: Hier, bei der dritten, habt ihr da auch x = 5 ? Ja, jubelt es wie im Kaspertheater. Nur ich hab irgendwas Krummes mit sieben Nachkommastellen und versuche innerlich, diesem Ergebnis im Besonderen und der Abi-Prüfung im Allgemeinen ein wenig von seiner Bedeutung abzuknapsen. Und das nachträglich sogar zu Recht. Zu meinem meistgezückten Dokument wurde die Vorteilskarte vom Baumarkt. Gesellenbrief oder Abi-Zeugnis wollte nie wieder jemand sehen. Ich wüsste spontan auch gar nicht, wo ich danach suchen sollte.

"So, noch fünf Minuten. Kommen Sie jetzt bitte zum Abschluss", hallt es über einen wirren Schmierzettel durch mein Schlafzimmer. Okay, ich hab es schon wieder vergeigt, aber wenigstens bin ich nach Studien nicht der Einzige, der in unruhigen Vollmondnächten lebenslänglich mit Pauken und Trompeten durchs Abi rasselt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 17.05.2019 | 18:25 Uhr